Das Züblin-Parkhaus-Areal in Stuttgart soll zum Ort für alle werden, doch das IBA-Projekt stockt. Nun nehmen es engagierte Menschen selbst in die Hand – mit ihrem Verein Dritter Raum.
Die Vision für das Areal des Züblin-Parkhauses in Stuttgart ist schön: ein neuer Treffpunkt für alle inmitten von Bohnen- und Leonhardsviertel. Mit Raum zum Wohnen und für Gewerbe, für Sport und Spiel, für Aufenthalt und Begegnung. Die Vision, betitelt als Neue Mitte Leonhardsvorstadt, zählt zu den Projekten der IBA’27. Doch ist sie derzeit – angesichts einer komplizierten, langen Vorgeschichte – eher Utopie denn realistische Aussicht.
Salopp gesagt: Die Stadt Stuttgart hat kein Geld – und für private Investoren ist das Projekt, für das es bereits einen aufwändigen Beteiligungsprozess und eine erfolgreiche Machbarkeitsstudie gab, wohl zu teuer. Eine baldige Umgestaltung des Stuttgarter Areals scheint also fern. Genau das wollen einige Menschen aber nicht hinnehmen.
Stuttgarter Verein Dritter Raum will Einsamkeit vorbeugen
Sie haben den Verein Dritter Raum gegründet und loten nun aus, ob eine breite gesellschaftliche Initiative das Projekt umsetzen könnte. Die Gründungsmitglieder kommen aus der Zivilgesellschaft, aus Kirche, Planung, Architektur und Projektentwicklung. Einige wohnen oder wirken im Quartier, etwa der Bezirksbeirat, Jakobstuben-Wirt und nun auch Vorstandsangehörige Heinrich-Hermann Huth.
Der Verein soll Impulsgeber sein für Stadtkultur und Gemeinwesen, er soll offene Orte für Begegnung und Austausch schaffen. Und er soll, als potenziell erste Amtshandlung, das Areal des Züblin-Parkhauses zu einem ebensolchen Ort machen. „Wir sehen die Chance, diesen relevanten Ort exemplarisch für viele andere zu entwickeln“, sagt der Vorstandsvorsitzende Eberhard Schwarz, „und damit auch der Einsamkeit in unserer Gesellschaft entgegenzuwirken“, ergänzt die Vize-Vorsitzende Petra Bewer.
„Wenn es der Staat nicht kann, müssen wir es machen“
Ziel des Vereins ist es nun, Verstärkung aus der Zivilgesellschaft sowie Investoren zu finden, um den Grundstein für eine Baugenossenschaft zu legen, getreu dem Motto: „Wenn es der Staat nicht kann, müssen wir es machen.“ Innerhalb eines halben Jahres will der Verein ausloten, ob sich genug Engagierte und Förderer finden.
Dritter Raum sucht 15 Millionen Euro für neues Stadtprojekt
Dabei hofft der Dritte Raum auf Stiftungen und privates Vermögen engagierter Bürgerinnen und Bürger. 80 Millionen Euro braucht es nach jetziger Rechnung etwa, um die Neue Mitte Leonhardsvorstadt umzusetzen. Auf Zusagen in Höhe von 10 bis 15 Millionen Euro müsse man in den nächsten sechs Monaten kommen, damit das Vorhaben realistisch sei, rechnet der Verein.
Ein ambitioniertes Pilotprojekt, das wissen auch die Gründungsmitglieder. Dennoch sind sie motiviert. „Staat und Kommunen sind am Rande ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit“, sagt Vorstandsmitglied Michael Barth. Er, der in der Immobilienwirtschaft tätig ist, spricht von „Bedürfnissen, die nicht mehr durch den Markt befriedigt werden können“ und von Begegnungsräumen in Italien, die es auch in Stuttgart brauche.
Der Vereinsname bezieht sich auf den Begriff der Dritten Orte, der aus der Soziologie stammt und Orte abseits des eigenen Zuhauses (Erster Ort) und der Arbeitsstelle (Zweiter Ort) bezeichnet, an denen Menschen zwanglos zusammenkommen und sich aufhalten können, ohne konsumieren zu müssen. Öffentliche Plätze können solche Orte sein, Bibliotheken – und vielleicht eines Tages auch das Areal, auf dem heute das Züblin-Parkhaus steht.
Dass es gerade dort einen solchen Ort bräuchte, macht der neugegründete Verein deutlich: „Die Quote der Alleinlebenden ist in der Leonhardsgemeinde extrem hoch“, sagt Benedikt Jetter, ebenfalls im Vorstand des Dritten Raums und Pfarrer von Leonhards-, Hospital- und Citykirche.
Das IBA-Leitungsteam begrüßt die zivilgesellschaftliche Initiative und sieht sich als Scharnier zwischen Verein und Stadt. „Es gibt erfolgreiche Vorbilder“, sagt IBA-Intendant Andreas Hofer, und nennt etwa den Gröninger Hof in Hamburg. Dabei glückte es einer Bürgerinitiative, ein Parkhaus in einen Begegnungsort zu verwandeln.
Für den 19. Mai um 18 Uhr lädt der Verein Dritter Raum zu einer Informationsveranstaltung für Mitglieder, Förderer und Interessierte in die Leonhardskirche. Am 18. Juni wiederum soll es von 10 bis 17 Uhr ein Symposium zum Thema Dritte Orte geben, ebenfalls in der Leonhardskirche und an weiteren Orten im Quartier.
Neue Mitte Leonhardsvorstadt
Vorhaben
Die Neue Mitte Leonhardsvorstadt gehört zu den Projekten der IBA’27. Das Areal, auf dem heute das Züblin-Parkhaus steht, soll demnach zum neuen Treffpunkt zwischen Bohnen- und das Leonhardsviertel werden, Raum für Wohnen, Gewerbe, Sport, Spiel, Aufenthalt und Begegnung bieten. Doch die Umsetzung liegt auf Eis.
Vorgeschichte
Der Gemeinderat beschloss 2022, das Projekt als Konzept im Erbpachtverfahren auszuschreiben und dabei auch zu klären, ob das Züblin-Parkhaus erhalten oder abgerissen werden soll. Die Menschen aus dem Viertel konnten sich in einem Beteiligungsprozess einbringen, es gab eine erfolgreiche Machbarkeitsstudie. 2024 kündigte Baubürgermeister Peter Pätzold an, die Ausschreibung für eine Konzeptvergabe vorzubereiten, da die Stadt das Areal nicht selbst entwickeln wolle. Doch es gibt angesichts hoher Kosten Zweifel, dass eine private Firma das Vorhaben umsetzt. Zudem drängten zwei priorisierte Bauvorhaben in der Nachbarschaft, der MobilityHub Breuninger und das Film- und Medienhaus, das Projekt nach hinten.(lis/anj)