Ilse Koch, das Biest von Buchenwald Keine Deutsche war so verhasst wie sie

Ilse Koch 1947 vor dem US-Militär-Tribunal in Dachau Foto: imago/Leemage

Mannstoll, brutal, gefürchtet: Ilse Koch, Frau von Karl Koch, dem Kommandanten des KZ Buchenwald, wurde drei Mal der Prozess gemacht. Wer war diese Frau, die einst in Ludwigsburg gelebt hat? [Plus-Archiv]

Reportage: Robin Szuttor (szu)

Ludwigsburg - Kurz nach Kriegsende lebt Ilse Koch in Ludwigsburg. In den amerikanischen Medien wird sie bereits als die „Hexe von Buchenwald“ bezeichnet, und sie ahnt gar nichts von ihrem Weltruf. Bei einem Spaziergang erkennt sie ein ehemaliger KZ-Häftling. Vier Wochen später sitzt sie in Haft – und kommt nie mehr frei.

 

Drei Mal wurde ihr der Prozess gemacht. Als Frau des Lagerchefs trage „die Kommandeuse“, wie man sie nannte, Mitverantwortung für die geschehenen Untaten. Sie soll befohlen haben, dass man Häftlinge erschlägt und häutet. Mit Handschuhen und Lampenschirmen aus tätowierter Menschenhaut soll sie sich und ihre Wohnung geschmückt haben. Und dann ihre sadistischen Sex-Eskapaden. Für die Presse war sie die „Eiskalte Herrin“, „Das Biest“ und „Die schmutzige Schlampe“. Mit Ilse Koch hielt die Nachkriegsjustiz ihren ungewöhnlichsten Justizfall in den Händen. In den Augen der Welt war sie Inbild des unbegreiflichen Nazi-Deutschlands. Wer war diese meistgehasste Frau ihrer Zeit?

Vorliebe für Männer in Uniformen

Sie kommt 1906 in Dresden zur Welt. Nach der Volksschule volontiert sie in einem Buchgeschäft, arbeitet dann als Stenotypistin in Industriebetrieben. Abends giert sie nach Lust und Leben. Sie sucht die Nähe zur SA und SS. 1932 tritt sie in die Partei ein – weniger aus politischen Gründen, sie meldet sich nie für irgendwelche Aufgaben oder strebt ein Amt an. Es ist wohl eher die Vorliebe für Männer in Uniformen und für Männer mit Zukunft. Sie liebt Feste und Vergnügen in den Dresdner SS-Kreisen.

1934 lernt sie Karl Koch kennen. Bald wird daraus ein ständiges Verhältnis. Er ruft sie „Pimpf“, sie ihn „Karli“. Koch ist vielleicht nicht unbedingt Ilses Traummann. Aber mit dem Sturmbannführer ist zu rechnen. Tatsächlich gelingt ihm ein rasanter Aufstieg.

Im Mai 1937 wird Ilse nach der Untersuchung ihres Unterleibs und ihrer Ahnenreihe als für einen SS-Mann würdig befunden. Auf einer thingähnlichen Stätte mit Runenstein-Imitation und knorriger Eiche stehen Karli und Pimpf zu mitternächtlicher Stunde, umringt von fackelschwenkenden SS-Männern, und geben einander das Ja-Wort. Karli ist mittlerweile Kommandant im Konzentrationslager Sachsenhausen. Nur vier Wochen bleiben die Neuvermählten dort, dann übernimmt er die Leitung des neu errichteten KZ Buchenwald. Im ersten Jahr seiner Herrschaft müssen 48 Lagerinsassen sterben. Die Bilanz Ende 1941, als Karl Koch ins KZ Majdanek versetzt wird: 5378 Tote.

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In der Kochschen Villa jenseits des Elektrozauns keimt unterdessen junges Familienglück. Im Januar 1938 bekommt Ilse das erste Kind, im April 1939 das zweite, im Dezember 1940 das dritte. Lebten die Kochs vorher in eher bescheidenen Verhältnissen, führen sie jetzt ein Luxusleben. Wenn SS-Reichsführer Himmler zu Besuch kommt, glänzt Ilse als Gastgeberin bei Festlichkeit und Tanz. Die Frauen der SS-Offiziere indes hassen sie. Ihre Mannstollheit ist ein offenes Geheimnis. Sie hat eine Affäre mit Lagerarzt Hoven, dem „schönen Waldemar“. Und sie macht den Vize-Kommandanten Florstedt auch im Bett zum Stellvertreter ihres Mannes.

Die Buchenwalder Korruptions-Clique

Karl Koch bereichert sich mit Bargeld und Wertsachen von Lagerinsassen, beutet sie als Sklavenarbeiter aus und steckt das erwirtschaftete Vermögen an der SS vorbei in seine Kasse. Häftlinge, die in der Lagerverwaltung arbeiten und ihm bei den Verbrechen helfen, lässt er töten.

Die hartnäckigen Gerüchte über sagenhafte Bereicherungen der Buchenwald-Clique erreichen schließlich auch Konrad Morgen, als SS-Ehrenrichter zuständig für den Kampf gegen Korruption innerhalb der Organisation. Im August 1943 lässt er das Ehepaar Koch verhaften. Karl knickt in den Verhören ein und gesteht. Das SS-Ehrengericht Kassel verkündet im Dezember 1944 die Urteile: Höchststrafe für Karl Koch. Am 5. April 1945 tötet ihn ein Erschießungskommando, seine Leiche wird im KZ-Krematorium von Buchenwald verbrannt.

Mit Ilse Koch ist das eine schwierigere Sache. Sie gibt wohl zu, mit kurzem Röckchen und durchsichtiger Bluse oder knappem Büstenhalter und Shorts durch das Lager gegangen zu sein – und Häftlinge, die sie unziemlich anschauten, zur Bestrafung gemeldet zu haben. Aber Mord und Wehrkraftzersetzung als Teil des Korruptionssystems? Obwohl Konrad Morgen sich alle Mühe gibt, Ilse Koch zu überführen, muss er sie aus Mangel an Beweisen freisprechen.

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Sie zieht mit den Kindern zu ihrer Schwägerin Erna Raible nach Ludwigsburg – wo sie ihr ausschweifendes Leben wieder aufnimmt. Sie vernachlässigt die Kinder, betrinkt sich, bleibt über Nacht weg oder bringt Männer mit nach Hause. Bald gibt es Streit mit Erna, die sie hinauswirft. Ilse mietet sich mit den Kindern in einem Zimmer in Ludwigsburg ein. Nicht lange, und die neue Zimmerwirtin beschwert sich bei den Behörden, Frau Koch sei eine Hure, die ihr Haus in ein Bordell verwandelt habe.

Beim Spaziergang erkennt sie ein ehemaliger Häftling – und zeigt sie an. Im Juni 1945 wird sie verhaftet. Bis zur Überführung nach Dachau im März 1947 sitzt sie mit 1000 deutschen Frauen im Ludwigsburger Internierungsgefängnis „Lager 77“ ein. Fast alle gelten als „politisch verdächtig“, aber nur wenige als Kriegsverbrecherinnen wie Koch.

„Unheilbare Nymphomanin“ und „rothaarige Hexe“

Mit der „Kommandeuse“ befassen sich mehr Veröffentlichungen als mit jeder anderen Frau – einschließlich Marga Himmler. Ilse Koch, die mordlüsterne Sadistin. Zum ersten Mal liest sie über die Vorwürfe gegen sich im „Life“ vom Oktober 1945. Das US-Magazin zeigt ein ganzseitiges Foto von ihr. „Man sagt, sie habe Lampenschirme aus der Haut der Opfer ihres Mannes herstellen lassen“, schreibt „Stars and Stripes“. Andere Zeitungen sehen in ihr eine „kulleräugige Grüblerin“, „unheilbare Nymphomanin“, „rothaarige Hexe“. Für das „Time Magazine“ ist sie „die schmutzige Schlampe auf der Anklagebank“. Ein Reporter beschreibt sie als „noch attraktiv trotz des ziemlich weiten Sackkleides, aufgrund ihrer Gefängnisdiät hat sie 40 Pfund verloren, bis zu einem Punkt, wo ihre Figur trotz des ausgeprägten Hinterteils und einer noch immer recht bemerkenswerten Brustpartie fast knabenhaft wirkt“. Robert Kunzig, einer der Anklagevertreter, sagt: „Als ich sie zum ersten Mal zu Gesicht bekam, sah sie aus wie eine liederliche Hure.“

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Ilse Koch ist die einzige Frau neben 30 Männern, die vor dem US-Tribunal stehen. Die Anklage: unter anderem Anstiftung zum Mord und schwere Verbrechen gegen die Menschlichkeit – womit die Sache mit dem Lampenschirm gemeint ist. Das Militärgericht ist mit acht US-Offizieren besetzt, von denen aber nur einer über eine juristische Vorbildung verfügt.

Einer der Zeugen, ein Franziskaner-Mönch namens Herbert Froboeß, sagt aus: Einmal habe er gerade mit einem Mithäftling in einem Graben gearbeitet, als plötzlich Ilse Koch breitbeinig über ihnen stand – im kurzen Rock, ohne Unterwäsche. Dann habe sie beide mit der Reitgerte ins Gesicht geschlagen. Weiter berichtet er von einem Franzosen, der ein viermastiges Segelschiff auf der Brust tätowiert hatte. Ilse Koch sei vorbeigeritten, habe dessen Tätowierung betrachtet und die Häftlingsnummer notiert. Am Abend sei der Mann zum Tor gerufen und nie wieder gesehen worden. Ein halbes Jahr später habe er, so Froboeß, in der Pathologischen Abteilung des KZ zufällig ein präpariertes Hautstück mit jenem Viermaster entdeckt.

Lebenslange Freiheitsstrafe

Auch der ehemalige SS-Richter Morgen ist Zeuge in Dachau. Er wird nicht müde, Ilse Koch als eine triebgesteuerte Frau zu schildern, die wohl auch ihren Mann in sexueller Hörigkeit hielt. Unter Offizieren habe die Meinung geherrscht, es hänge von der Gunst Ilses ab, ob man befördert werde oder nicht. Viele Zeugen, die mit starkem Belastungseifer auftreten, müssen im Lauf des Prozesses einräumen, dass sie nur wiedergeben, was sie von Leidensgenossen gehört haben.

Doch das Gericht ist überzeugt von Ilse Kochs Beteiligung an der Ermordung von KZ-Insassen. Im August 1947 wird sie wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Ist sie schuldig im Sinne der Anklage? Oder dient der Prozess auch als Fanal für eine Weltöffentlichkeit, die sich ihre Verkörperung der bösen Nazi-Frau nicht nehmen lässt?

Es heißt, nur Ilse Kochs fortgeschrittene Schwangerschaft habe ihr Todesurteil verhindert. Von wem sie in der Haft schwanger wurde, bleibt ein Rätsel. An Verehrern außerhalb des Gefängnisses mangelt es ihr jedenfalls nicht. Sie soll Hunderte Heiratsanträge aus Übersee erhalten haben – und Tausende Briefe, die ihren Tod forderten.

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Kochs Verteidigung fordert eine Revision. Der abschließende Prüfbericht kommt zur Feststellung: Es sind weder Beweise für eine leitende Funktion Ilse Kochs im Lager noch für die um tätowierte Menschenhäute und Lampenschirme kreisenden Vorwürfe erbracht worden. Die Anklage hat entlastendes Material unterdrückt. Schlüsselzeugen sind unglaubwürdig. So stellt sich heraus, dass der Franziskanermönch Froboeß dem Orden völlig unbekannt ist. Kurz: bei den Vorwürfen gegen Koch habe es sich um einen Fall von „Massensuggestion“ gehandelt, so der Bericht. Im Juni 1948 wird ihre Haftstrafe von General Clay, Militärgouverneur der US-Besatzungszone, auf vier Jahre reduziert.

Doch die Amerikaner wollen das Biest nicht frei sehen, es kommt zu enormen Protesten. Clay steht unter Druck. Er bleibt dabei: Die Beweisführung sei fehlerhaft gewesen sei, habe vor allem auf Hörensagen basiert und einer objektiven Nachprüfung nicht standgehalten. Aber es gibt da einen anderen Weg: Die Amerikaner legen ihren ganzen Einfluss in die Waagschale – und ihren deutschen Verbündeten mit Nachdruck ans Herz, ein eigenes Verfahren gegen die Kommandeuse anzustrengen.

„Ich bin eine Sünderin“

Am 17. Oktober 1949 wird Ilse Koch, im selbstgeschneiderten grün-grauen Kostüm und mit Wagner-Kappe, aus dem Landsberger Kriegsverbrecher-Gefängnis entlassen. Vor dem Tor begrüßt sie gleich ein deutscher Staatsanwalt mit dem Haftbefehl. Und so führt ihr Weg direkt weiter ins Zuchthaus von Aichach, wo sie auf ihren dritten Prozess wartet. Diesmal wegen Verbrechen an deutschen Staatsbürgern. Es ist der erste wichtige Kriegsverbrecherprozess für die junge Bundesrepublik Deutschland.

Koch macht im Verhandlungssaal kaum den Versuch, ihre Langeweile zu verbergen. Auf Fragen antwortet sie so kurz wie möglich „Stimmt nicht“ oder „Unsinn“. Zeitweise sieht es so aus, als stünde sie vor einem Nervenkollaps. Am Ende der zweiten Verhandlungswoche verliert sie in ihrer Zelle die Kontrolle und schreit „ich bin schuldig, ich bin eine Sünderin.“ Im Krankenhaus soll sie Passagen aus Dantes Inferno zitiert haben. Dann verschwindet die Hysterie und weicht tiefer Apathie. Im Januar 1951 wird Koch vom Landgericht Augsburg wegen Anstiftung zum Mord, versuchten Mordes und Anstiftung zu schwerer Körperverletzung zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt.

Unschuldig an Blut und Qual war Ilse Koch sicher nicht. „Aber in ihrem Fall ging es auch um Kollektivschuld“, kommentierte der Spiegel-Journalist Gerhard Mauz nach ihrem Tod 1967. Es mache vieles einfacher, wenn die Rolle des Weibsteufels klar besetzt ist. „Ihre Verurteilung sprach frei.“

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Der ehemalige SS-Richter Konrad Morgen, gewiss keiner, der Ilse Koch besonders zugetan war, sagte 1971: „Sie war primitiv. Ein zerrüttetes Individuum mit völliger Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Leid. Aber sie hatte keinen Einfluss auf die Ermordung von Gefangenen. Auch die Hinweise auf Körperverletzung waren fragwürdig. Und mit Lampen aus tätowierter Menschenhaut hatte sie nichts zu tun. Sie verdiente es nicht, so streng bestraft zu werden. Sie war ein Opfer der Horrorgeschichten.“

Versöhnung mit ihrem jüngsten Sohn Uwe

Im Sommer 1952 schreibt Ilse Koch an ihre Mutter, sie habe begonnen, nach so vielen Jahren Haft so etwas wie inneren Frieden zu finden – trotz ihres schwindenden Glaubens an die Macht des Gebets. Sie legt ein selbst geschriebenes Gedicht in den Brief, das die Schönheit der Natur und Tierwelt schildert, wie man sie von ihrem Zellenfenster aus sehen kann. In den letzten Jahren ist eine vorbildliche Gefangene.

1966 versöhnt sie sich mit ihrem jüngsten Sohn Uwe. Er kam gleich nach der Geburt zu Pflegeeltern, erinnerte sich aber daran, als Kind eine Kopie seiner Geburtsurkunde gesehen zu haben. Darauf stand der Name Koch. Später, als er in Ansbach zur Schule geht, liest er in der Zeitung über die Ablehnung eines Gnadengesuchs für Ilse Koch. Die Geburt eines Kindes am 29. Oktober 1947 wird erwähnt. Uwes Geburtstag. Ob er dieses Kind ist? Ein Gespräch mit seinem staatlichen Vormund bestätigt die Vermutung.

Nach einigem Zögern beschließt er kurz vor Weihnachten, seine Mutter zu besuchen. Mit ziemlichem Herzklopfen und Angstgefühlen fährt er nach Aichach. Das Treffen wird eine „glückliche Versöhnung“. Von nun an besucht Uwe seine Muter jeden Monat. „Ich vermied es immer“, erzählte er später, „mit ihr über den Krieg zu reden. Sie leugnete ihre Schuld und sagte, sie ein Opfer von Verleumdung, Lügen und Meineiden gewesen. Weiter habe ich dies nie mit ihr besprochen, denn es tat ihr weh.“

Im September 1967 begeht Ilse Koch Selbstmord. Sie macht aus einem Bettlaken eine Schlinge und erhängt sich an ihrer Türklinke. Die 61-Jährige lässt eine kurze Nachricht für Uwe zurück: „Ich kann nicht anders. Der Tod ist für mich eine Erlösung.“

Verwendete Quellen:

MDR-Dokumentation: „Ilse Koch – Die Hexe von Buchenwald“

Arthur L. Smith jun.: „Die Hexe von Buchenwald“, Böhlau-Verlag Weimar, 1995

„Der Spiegel“ 7/1950: „Lady mit Lampenschirm“

Der Spiegel 38/1967 „Die Kommandeuse und die Kollektivschuld“

Hans Schmid, Heise online, 2. August 2015: ,„Die Kommandeuse, die anständige deutsche Frau und der Befehlsnotstand“

Dieser Text erschien erstmals am 14.01.2022. 

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