Prävention im Kreis Böblingen Tanz statt Gewalt: Wenn Breakdance Brücken baut

Beim Breakdance-Kurs im Böblinger Jugendhaus lernen Jugendliche Respekt, Körperbeherrschung und Selbstbewusstsein. Das Ziel: jugendliche Energie sinnvoll umleiten – weg von Gewalt, hin zum Tanz. Foto: Stefanie Schlecht

Schlägereien, Messerattacken, Gangs: Im Kreis Böblingen häufen sich Fälle von Jugendgewalt. Was hinter der Aggression steckt – und wie Prävention wirken kann.

Volontäre: Janina Link (jali)

Sie prügeln sich in Gruppen, greifen einander mit Messern und Schlagstöcken an, schließen sich zu gewaltbereiten Gangs zusammen – im Kreis Böblingen eskalieren Konflikte unter Jugendlichen zunehmend. Besonders am Bahnhof kommt es immer wieder zu handfesten Auseinandersetzungen, die bei vielen Menschen das Gefühl von Unsicherheit verstärken. Dabei handelt es sich nicht nur um eine subjektive Wahrnehmung: Bei der Vorstellung der aktuellen Kriminalitätsstatistik bestätigte Thomas Wild, Leiter des Polizeipräsidiums Ludwigsburg, jüngst einen deutlichen Anstieg der Jugendkriminalität. Woher rührt diese zunehmende Aggression?

 

Man müsse das Ganze differenziert betrachten, sagt Jörg Litzenburger, Präventionsbeauftragter des Landkreises Böblingen. „Wo passiert etwas, und zu welcher Uhrzeit? Jugendliche halten sich abends einfach öfter in Gruppen an öffentlichen Orten wie Bahnhöfen auf. Und wo viele junge Menschen zusammenkommen, die noch in der Entwicklung sind und sich zeigen wollen, kann eben auch mal ein Funke überspringen. Ältere Menschen verhalten sich anders – sie müssen sich nicht mehr so präsentieren. Aber auch sie können in bestimmten Situationen aggressiv werden. Es kommt eben nicht nur aufs Alter an, sondern auch auf den Kontext.“

„Mittlerweile sind Bahnhöfe oder Einkaufszentren die neuen Jugendtreffs“

Die Statistik gibt ihm recht: Mit 78,5 Prozent stellen Erwachsene immer noch den Löwenanteil der Tatverdächtigen in den Landkreisen Böblingen und Ludwigsburg, für die das Ludwigsburger Polizeipräsidium zuständig ist. Dabei sind es in allen Altersgruppen überwiegend Männer, die straffällig werden: Laut der Statistik machen sie mit 76 Prozent den Großteil aller Tatverdächtigen aus. Trotzdem steigen die Zahlen der Straftaten bei Jugendlichen und – besonders alarmierend – auch bei Kindern. 2024 wurden 1226 Kinder straffällig, ein Plus von 23,2 Prozent. Auch die Zahl jugendlicher Tatverdächtiger wuchs um 13 Prozent.

Ein Besuch im Böblinger Jugendhaus casa nostra. Hier finden regelmäßig Breakdance-Kurse statt. Das Ziel: jugendliche Energie sinnvoll umleiten – weg von Gewalt, hin zum Tanz. „Breakdance fördert Respekt, Körperbeherrschung und Selbstbewusstsein“, sagt Besart „Bess“ Kuqi, der den Jugendlichen in Böblingen schon seit über 20 Jahren Breakdance nahe bringt. Mit Erfolg. Einer, der seit mehr als acht Jahren immer wieder ins Jugendhaus kommt, ist der 23-jährige Almo. Ursprünglich habe ihn ein Freund mitgeschleppt, nun sei der inzwischen leidenschaftliche Breakdancer hier „nicht mehr wegzubekommen“.

Doch das Angebot würde nicht mehr so angenommen wie früher, sagt Torsten Mayer, der die Einrichtung leitet. Man müsse schon aktiv auf Jugendliche zugehen – etwa durch eine Zusammenarbeit mit Schulen oder über Streetworker, die sie direkt ins Jugendhaus begleiten. „Es ist einfach kein Selbstläufer mehr“, erklärt Mayer. Almo bedauert das: „Mittlerweile sind Bahnhöfe oder Einkaufszentren die neuen Jugendtreffs.“

„Wir sind ein Multi-Kulti-Haus“

Kuqi verwundere das nicht. Gerade Jugendliche, die erst seit Kurzem im Land seien und noch kein Deutsch sprächen, wüssten sonst oft nicht, wohin – und schlügen dann an Orten wie dem Bahnhof auf, wo sie auf andere Jugendliche träfen, die ihnen in Sprache und Herkunft näher seien als der Rest der Gesellschaft. Diese sozialen Dynamiken sind Teil eines größeren Bildes, das auch in der polizeilichen Kriminalstatistik sichtbar wird: Dort wird ein deutlicher Anstieg von Straftaten unter jungen Geflüchteten aufgeführt – bei Jugendlichen knapp 69 Prozent mehr Tatverdächtige, bei Kindern ähnlich hoch.

Das casa nostra – „ein Multi-Kulti-Haus“, wie Kuqi sagt – setzt genau hier an. Wenn Jugendliche ohne Deutschkenntnisse ins Jugendhaus kämen, könne er mit einfachen Sätzen aus verschiedenen Sprachen erste Brücken bauen. „Ich sage dann zum Beispiel auf Afghanisch ‚Wie geht’s?‘ – und oft sind sie dann total baff und lachen. So entsteht der erste Kontakt.“ Kuqi hebt hervor, wie vielfältig die Gruppe im Jugendhaus sei. „Hier kommen sehr viele Nationen zusammen.“ Besonders durch das Tanzen entstehe auf ganz natürliche Weise eine Verbindung zwischen den Jugendlichen.

Kuqi kommt da direkt ein Junge in den Sinn, ohne Deutschkenntnisse und aus der Ukraine, der sich vor einiger Zeit der Breakdance-Gruppe angeschlossen und dadurch quasi ganz von allein Deutsch gelernt habe. „Einfach dadurch, dass er mit anderen in Kontakt kam. Mittlerweile spricht er so gut Deutsch, dass er für andere, die genauso lang da sind, übersetzen kann.“

Gewaltprävention: Orte wie Bahnhöfe müssen offen und gut einsehbar sein

Wie lässt sich Gewalt denn nun präventiv bekämpfen, Herr Litzenburger? „Mit dem erhobenen Zeigefinger kommen wir auf jeden Fall nicht weiter – das geht an Jugendlichen vorbei“, sagt der Präventionsbeauftragte des Landkreises Böblingen. „Prävention funktioniert nur, wenn sie auf Augenhöhe stattfindet. Wenn unsere Botschaften nicht ankommen, nicht verstanden oder ernst genommen werden, dann haben wir nichts gewonnen.“ Und wie beim Lernen gilt auch in der Prävention: Ohne Wiederholung bleibt nichts hängen.

„Bei der Kommunalen Kriminalprävention der Stadt Böblingen sehe ich persönlich viele positive Ansätze“, sagt der Präventionsbeauftragte Jörg Litzenburger. Gemeinsam schauen dort Vertreter von Ordnungsamt, Polizei oder Sozialarbeit unter anderem auf Problemzonen in der Stadt.

Wichtig für die Gewaltprävention sei auch die kluge Gestaltung von öffentlichen Plätzen, sagt er. „Orte wie Bahnhöfe müssen offen und gut einsehbar sein.“ Denn dunkle Ecken böten Raum für genau das, was man dort verhindern wolle.

Kriminalität in Böblingen

Kriminalstatistik
Das Polizeipräsidium Ludwigsburg ist für den Landkreis Böblingen zuständig. Im Frühjahr veröffentlichte es die Polizeiliche Kriminalstatistik, in der Straftaten nach Deliktarten sowie nach Herkunft und Alter der Tatverdächtigen erfasst sind.

Jugendkriminalität
„Die zunehmende Jugendkriminalität sowie die immer größer werdende Zahl delinquenter Kinder und Jugendlicher ist ein Problem, das uns weiterhin beschäftigt“, erklärte der Leiter des Polizeipräsidiums Ludwigsburg, Thomas Wild, damals bei der Vorstellung der Statistik. „Die Zahlen spiegeln aber auch wider, dass wir immer wieder Schwerpunkte in dem Bereich gesetzt und viele Kontroll- und Einsatzmaßnahmen durchgeführt haben.“

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