Nach der „Hamlet“-Premiere im Schauspielhaus: Protest gegen geplante Kürzungen in den Bereichen Kultur, Bildung und Soziales im Stuttgarter Doppelhaushalt 2026/2027 Foto: Forstbauer
Kaum endet am Samstag der Beifall nach der „Hamlet“-Premiere im Schauspielhaus Stuttgart, entern 400 Kulturschaffende die Bühne und entrollen Transparente. Mit welchem Ziel?
Nikolai B. Forstbauer
07.12.2025 - 00:32 Uhr
Vorab war die Botschaft innerhalb Stuttgarts Kulturszene klar: „Kommt so zahlreich wie möglich, damit wir die ganze Bühne mit Menschen füllen können“, machte man sich Mut, „so setzen wir ein Zeichen, um auch das Publikum auf die drohenden Kürzungen hinzuweisen“. Und dann? Staunen am Samstagabend die Besucherinnen und Besucher der „Hamlet“-Premiere im Schauspielhaus Stuttgart (Regie: Intendant Burkhard Kosminski), dass sich die Bühne nach dem Schlussbeifall noch einmal füllt.
„Einen bunten Block“ hatten sich die Organisatorinnen und Organisatoren des Protests gegen mögliche deutliche Kürzungen der Kulturförderung der Stadt Stuttgart gewünscht – und bunt ist er denn auch, der Protest auf offener Bühne. 400 Künstlerinnen und Künstler aller Sparten versammeln sich um 22.45 Uhr – ein Schulterschluss wie ein Startschuss im Werben um Unterstützung. Schon die Momente davor sind theaterreif: Während auf der Bühne des Schauspielhauses „Hamlet“ dem Finale entgegensteuert, herrscht draußen Betriebsamkeit. Eine Schlange bildet sich am hinteren Bühneneingang.
Kürzungen? „Wir haben doch jetzt schon nichts“
Um 22.30 Uhr erhalten die Kulturschaffenden das Signal zum Antritt - doch zunächst ist vor den Türen des Theaterraums noch Schluss. Aufgeregt flüsternd wird die Aufgabe diskutiert: Spannung halten und sogar noch steigern. In vielen Sprachen wird auf den Gängen gesprochen. Auch Unverständnis geäußert. „Was wollen die im Rathaus, wir haben doch jetzt schon nichts“, ist zu hören. Und: „Wir spielen auch für deren Kinder Theater!“. Bitterkeit mischt sich in Mut machendes Lächeln. Stuttgart steht auf für die Kultur - an diesem Abend im Schauspielhaus glaubt man es gerne. Dann, in den Premierenapplaus hinein, drängen die Kulturdemomstranten in den Zuschauerraum und von hinten auf die Bühne. Aktionstheater im eigentlichen Sinn.
„An Kultur, Bildung und Sozialem zu sparen, kostet viel zu viel“, ist auf dem die ganze Bühnenbreite einnehmenden Banner zu lesen. Gehalten von unterschiedlichsten Kulturakteurinnen und Kulturakteuren, gehalten auch von Stuttgarts Ballettintendant Tamas Detrich. Er hatte vergangene Woche als erster der Staatstheaterspitze vor den Folgen der möglichen harten Einschnitte gewarnt. Das Wort auf der Bühne führt am späten Samstagabend Viktor Schoner. Der Intendant der Staatsoper Stuttgart weiß, wie das geht – kämpferisch positiv zu klingen, einen Raum mit Energie aufzuladen. „Welche Vision von dieser Stadt wollen wir?“, fragt er – und wer wollte es in diesem Moment nicht glauben, wenn Schoner mit Verweis auf den in der Region Stuttgart dringend notwendigen Transformationsprozess ruft „Kunst und Kultur sind Teil der Zukunft“.
Auf- und Gegenrechnungen lehnt die Kultur meist aus gutem Grund ab. An diesem Abend wird der Kurs verändert. Ein Zeichen der Verzweiflung? 500 000 Euro pro Jahr mehr an Ausgaben, sagt Bastian Sistig, Mit-Intendant des Stadttheaters Rampe, verzeichne der geplante Haushalt für Empfänge im Rathaus. Mit diesem Geld, so Sistig, am späten Samstagabend gemeinsam Grete Pagan, Leiterin des Jungen Ensemble Stuttgart, am Protest-Mikrofon, ließen sich die Einschnitte bei der Inklusion vermeiden. 50 Millionen Euro wiederum seien für neue Fahrzeuge eingestellt. „Reichen nicht auch zwei Drittel davon“, fragt Sistig, „wenn sich für den dritten Teil die Jugendarbeit erhalten lässt?“.
Kürzungen? Es wird laut im Stuttgarter Rathaus
Verhandelt wird über den Doppelhaushalt 2026/2027 wieder an diesem Montag, 8. Dezember – in zweiter Lesung. Verabschiedet werden soll der Doppelhaushalt 2026/2027 am 19. Dezember. Bis dahin dürfte es auch um und im Stuttgarter Rathaus bunt und laut werden. Auch bereits an diesem Montag. „Ihr alle, wir sehen uns um acht Uhr am Montag im Rathaus“, ruft Bastian Sistig – und in diesem Moment des Jubels scheint es, als könne er Recht haben.