Immer mehr Schüler fehlen Schulleiter über zunehmenden Schulabsentismus: „Jetzt hilft nur die Keule“

Immer mehr Jugendliche in Stuttgart gehen nicht mehr zur Schule. Foto: Fabian Sommer/dpa

In Stuttgart stechen vier berufliche Bildungsgänge heraus. In diesen fehlten 38 Prozent regelmäßig oder ganz, so Schulleiter Felix Winkler. Dahinter steckten oft Suchtprobleme.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Er gehört eigentlich nicht zu den Schülern, die das Problem sind. Aber auch er kennt das: Wenn die Nacht sich zu gut anfühlt, um schlafen zu gehen. Wenn man am Handy festhängt, sich in Social Media verliert oder „zockt“, also Videospiele spielt. „In der Nacht bin ich frei und nicht gezwungen, irgendwelchen Aufgaben nachzugehen“, sagt der Schülervertreter aus einer Kaufmännischen Schule in Stuttgart, der hier anonym bleiben soll. Auch er habe schon „Nächte geopfert“ und morgens dann verschlafen. „Bei uns kommen sehr viele nicht zur Schule, weil sie teilweise nachts wach sind“, sagt der junge Stuttgarter.

 

Mit steigendem Schulabsentismus sollen alle Schularten in Stuttgart zu tun haben. Eine Arbeitsgruppe widmet sich dem Thema für die Schulen der Sekundarstufe 1. An den beruflichen Schulen spitzt sich die Lage aber aktuell immer weiter zu, wie gerade erst wieder im Schulbeirat deutlich wurde.

Vier Bildungsgänge an beruflichen Schulen besonders betroffen

Vor allem vier der 25 Bildungsgänge machen dem geschäftsführenden Schulleiter der beruflichen Schulen, Felix Winkler, große Sorgen:

  • das Berufskolleg,
  • die vorqualifizierenden Klassen zum Deutschlernen für geflüchtete Schüler,
  • die AV Dual genannte Ausbildungsvorbereitung und
  • die Jungarbeiterklassen.

38 Prozent aus diesen vier Bildungsgängen kämen nicht mehr in die Schule – insgesamt rund 1400 Schülerinnen und Schüler. Ein Teil davon sei aufgrund psychischer Probleme krank gemeldet, rund 200 der 1400 seien „gar nicht erreichbar“. Schulabsentismus sei „zum Massenphänomen“ geworden, so Winkler. Bisher gebe es „keine wirkliche Antwort“ darauf. Doch die müsse gefunden werden. „Ich sehe Sprengstoff für die Zukunft“, sagt der Schulleiter.

Bußgelder sind erst nach rund vier Monaten zugestellt worden

Er selbst glaubt inzwischen, dass man mit „Härte“ auf Fehltage reagieren muss. „Jetzt hilft nur noch die Keule“, sagt er. Man müsse über Sanktionen Druck auch auf die Elternhäuser ausüben. An seiner Schule, der Schule für Farbe und Gestaltung, hat er im November 15 Bußgeldverfahren eingeleitet. Rund vier Monate habe es im Schnitt gebraucht habe, bis die Bußgelder (im ersten Schritt 50 Euro) ausgestellt wurden, berichtet er frustriert. Die Dauer findet der Schulleiter inakzeptabel. „In zwei Wochen muss das Bußgeld raus sein“, sagt er. Auf ein Fehlverhalten müsse die Reaktion unmittelbar erfolgen, um Wirkung zu zeigen. Ein Teil könne dann vielleicht noch die Kurve kriegen, hofft er.

Cannabiskonsum kann zu Schulabsentismus führen. Foto: IMAGO/Bihlmayerfotografie

Winkler betont gegenüber unserer Zeitung, dass nicht nur die beruflichen Schulen betroffen seien, sondern dass die Jugendlichen in der Regel schon an ihren vorherigen Schulen gefehlt hätten. Er werde immer wieder von Schulleitern aus der Sekundarstufe kontaktiert, die ihm von dauerhaft abwesenden Schülern berichteten, ob sie diese nicht direkt an eine Jungarbeiterklasse abgeben könnten.

Doch woran liegt es, dass die Schülerinnen und Schüler nicht oder nur sehr selten kommen? Winkler hat in den vergangenen Monaten fehlende Jugendliche aus seiner Schule mit ihren Eltern einbestellt. Das Ergebnis aus den fünf nicht repräsentativen Gesprächen, die zustande kamen: (Medien-)Sucht spielt offenbar eine Rolle. „Die Zockerei in der Nacht“ und exzessiver Cannabiskonsum seien genannt worden. Ihr Sohn „kifft den ganzen Tag“, habe ihm eine verzweifelte, alleinerziehende Mutter berichtet. Für Minderjährige ist der Erwerb, Besitz und Anbau von Cannabis eigentlich weiterhin verboten. Doch an den Stoff kommen sie offensichtlich problemlos.

Auch an den Berufsschulen ist das Thema Schulabsentismus angekommen, was eine neue Entwicklung ist. Im Schulbeirat hat der geschäftsführende Schulleiter der Kaufmännischen Schulen, Rainer Denz, in dem Zusammenhang von einer „zunehmenden Zahl“ gesprochen. Felix Winkler bestätigt, dass Fehlzeiten auch unter Auszubildenden zunähmen. Im Vergleich zur Situation in den vier genannten Bildungsgängen, sei die Zahl der fehlenden Schüler an den Berufsschulen aber noch deutlich geringer, betont er. Sie liege geschätzt bei zehn Prozent, habe sich damit aber auch ungefähr verdoppelt.

„Wir müssen das in den Griff kriegen“, sagt die Bürgermeisterin

Es ist nicht das erste Mal, dass der steigende Schulabsentismus im Schulbeirat Thema ist. Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer (FDP) regt an, eine Arbeitsgruppe zu bilden. „Wir müssen das in den Griff kriegen“, darin ist sie sich mit den beiden geschäftsführenden Schulleitern der beruflichen Schulen einig. Eine schnelle Reaktion der Bußgeldstelle sieht auch Fezer bei der Zielgruppe als „wichtig“ an.

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