Mentale Gesundheit für Unternehmen greifbar machen. Das ist die Mission des Start-ups improveMID. Hierfür bietet das Unternehmen eine Analyse der mentalen Gesundheit der Mitarbeitenden an. Darüber hinaus schlägt das Start-up Maßnahmen für die Verbesserung der mentalen Gesundheit am Arbeitsplatz vor.

Die drei Gründerinnen starteten ihr Start-up während ihres Studiums an der Hochschule für Technik in Stuttgart. Nach erfolgreichem Studienabschluss konzentrieren sie sich nun vollkommen auf den Aufbau des eigenen Unternehmens. Die Geschäftsidee von improveMID bietet Unternehmen eine datenbasierte, anonyme Analyse der mentalen Gesundheit ihrer Mitarbeitenden an. Darauf basierend schlägt improveMID individualisierte Maßnahmen vor, um die mentale Gesundheit der Mitarbeitenden auf organisatorischer Ebene zu verbessern und unterstützen bei Bedarf auch bei deren Umsetzung.

Mentale Gesundheit ist noch immer ein Tabu-Thema

Mentale Belastungen am Arbeitsplatz nehmen zu. Dennoch handelt es sich noch immer um ein Tabu-Thema, über welches nur selten offen kommuniziert wird. Das junge Unternehmen improveMID aus Stuttgart hat es sich zur Aufgabe gemacht, Transparenz und Abhilfe zu schaffen. Die drei Gründerinnen können psychische Belastungen in Unternehmen anonym analysieren und basierend auf den Ergebnissen Maßnahmen zur Verbesserung der mentalen Belastung vorschlagen. Im Interview teilen sie ihre Erfahrungen und geben einen Einblick in die Vision des Unternehmens.

Liebe Ina, Erzählen Sie uns etwas zu Ihrem Start-up. Wie entstand die Idee?

Das ganze Gründungsvorhaben ist aus einem Hochschulprojekt im Masterstudiengang „Wirtschaftspsychologie“ vor etwa zwei Jahren entstanden. Zu der Zeit hatten wir das Glück, direkt mit einer mittelständischen Firma zusammenarbeiten zu können, die etwas für die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz tun wollte, aber nicht wusste wie. Daraus entstand die Idee, eine Lösung zu entwickeln, mit der es Unternehmen leichtfällt, sich für die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeitenden einzusetzen.

Damit wurde aus einem einfachen Hochschulprojekt unser heutiges Start-up. Obwohl wir drei nicht geplant hatten ein Unternehmen zu gründen, fühlen wir uns als Unternehmerinnen mittlerweile sehr wohl.

Was ist Ihre Vision für Ihr Start-up?

Unsere Vision ist es, eine Arbeitswelt zu schaffen, in der es allen Menschen mental gut geht. Dazu braucht es eine skalierbare Lösung wie unsere - mit der es Arbeitgebern leichtfällt, Verantwortung zu übernehmen und ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das Burnout-Auslöser reduziert. Das Thema psychische Gesundheit muss unserer Meinung nach langfristig ein fester Bestandteil der Unternehmenskultur sein.

Wo liegt die größte Herausforderung für Unternehmen im Umgang mit der mentalen Belastung am Arbeitsplatz?

Psychische Gesundheit ist für viele Menschen ein schwer greifbares Thema und mit viel Unsicherheit verbunden. Wir hören oft Verantwortliche sagen „Ich habe das Gefühl, meine Mitarbeitenden sind gestresst, aber ich weiß nicht wieso und wie ich helfen kann“ – und genau da setzt unsere Lösung an: Wie geht es den Mitarbeitenden wirklich, welche Aspekte im Arbeitsumfeld werden als belastend empfunden und was kann man konkret tun, um diese zu reduzieren.

Welche Art von Daten werden erhoben? Können Sie hier Beispiele nennen?

Wir erheben Daten mit einer Mitarbeitendenumfrage, die über eine Browser-App ausgefüllt werden kann. Die etwa zehnminütige Umfrage erhebt Aspekte der psychischen Gesundheit. Das sind zum einen individuelle Symptome und zum anderen Einflüsse aus dem Arbeitsumfeld, die psychisch belastend sein können. Beispielsweise geht es um Unterbrechungen, die Arbeitsmenge, die soziale Unterstützung, den Entscheidungsfreiraum und einiges mehr. Besonders an der Erhebung ist ihre Tiefgründigkeit. Wenn ein Mitarbeitender einen Arbeitsaspekt als belastend einstuft, folgen tiefergehende Fragen, um auch mehr über die Ursache der Belastung zu erfahren.

Welche Rolle spielt die zunehmende Digitalisierung und die veränderten Anforderungen an Berufsbilder dabei?

Die Veränderungen in der Arbeitswelt bringen einige Vorteile mit sich und wir sehen vor allem durch neue Arbeitskonzepte große Fortschritte beim Thema Vereinbarkeit von Arbeit und Freizeit. Allerdings bergen diese Veränderungen auch ein Risiko für die psychische Gesundheit.

Vereinbarkeit ist zwar meist von den Mitarbeitenden gewünscht, kann aber zu einer Entgrenzung führen - Wenn die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit zunehmend verschwimmen, hat dies oft einen erhöhten Druck auf die psychische Gesundheit zur Folge. Der psychologische Begriff „Detachment“ spielt hier eine wichtige Rolle. Unter Detachment versteht man das mentale Abschalten von der Arbeit, was durch zunehmende Entgrenzung gefährdet ist.

Auch durch die Möglichkeit vermehrt im Homeoffice zu arbeiten, ergeben sich Risiken für die mentale Gesundheit. Hier müssen Führungskräfte aufpassen, nicht den Kontakt zu ihren Mitarbeitenden zu verlieren und auch auf virtuellem Wege besonders sensibel für Stressanzeichen sein.

Welchen Beitrag leisten Weiterbildung und Sensibilisierung zur Reduktion der mentalen Belastung?

Die meisten Menschen sind sich ihrer eigenen Stressoren im Arbeitsalltag nicht bewusst und ignorieren vor allem in arbeitsintensiven Phasen die Stresssignale des Körpers. Daher ist es essenziell, dass neben der Analyse der Belastungen am Arbeitsplatz jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter über Weiterbildungen einen sensiblen Umgang mit der eigenen psychischen Gesundheit erlangt. Das bedeutet zu wissen, wie sich eigene Stresssymptome äußern, was Energie raubt, aber auch was einem im Alltag Energie gibt.

Eine besondere Rolle spielen auch die Führungskräfte. Eine Führungskraft sollte rechtzeitig merken, wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter psychisch belastet ist und vor allem die Sicherheit haben, damit umgehen zu können. Auch hier sind eine Weiterbildung und Aufklärung über psychische Belastungen unumgänglich.

Psychische Gesundheit: Wie sehen weitere Maßnahmen aus?

Sinnvolle Maßnahmen, um die psychische Gesundheit zu stärken, fangen schon im Kleinen an: wir machen bei uns im Unternehmen mit allen Mitarbeitenden einmal die Woche ein Mental Health Checkup, in dem wir ergründen wie es um unser Stresslevel steht und was wir tun, um uns zu erholen. Wenn das nicht im Verhältnis zueinandersteht, legen wir neue Ziele fest, um Arbeitsbelastung und Entspannung in eine gute Balance zu bekommen. Diese Ziele teilen wir im Team, um uns so gegenseitig unterstützen zu können. Beispielweise nimmt man sich vor, 30 Minuten am Tag zu lesen oder einmal pro Woche in der Mittagspause raus in die Natur zu gehen.

Auf organisatorischer Ebene ergeben sich die Ansatzpunkte anhand der Umfrageergebnisse. Hier ein Maßnahmen-Beispiel für Emotionsarbeit: Durch die Umfrage kommt heraus, dass vor allem die Mitarbeitenden in den Abteilungen mit viel Kundenkontakt unter Emotionsarbeit leiden. Das bedeutet, sie müssen bei der Arbeit regelmäßig Gefühle zeigen, die sie in dem Moment gar nicht fühlen (z.B. aufgesetzte gute Laune gegenüber Kunden oder das Herunterschlucken von Verärgerung). Eine daraus abgeleitete Maßnahme besteht darin, die Mitarbeitenden zu schulen, wie sie mit Emotionsarbeit umgehen können (z.B. mithilfe von Deep Acting oder Surface Acting).

Wenn die Analyse aufgezeigt hat, dass Mitarbeitende auch untereinander und vor der Führungskraft nicht ihre Gefühle offen zeigen können, dann besteht eine weitere Maßnahme aus dem gemeinsamen Definieren von Umgangsregeln. Es ist wichtig einen Raum zu schaffen, in dem Gefühle offen gezeigt werden können, ohne dafür verurteilt zu werden. Sollte sich herausstellen, dass einzelne Mitarbeitende stark unter der Emotionsarbeit leiden, sollte über eine Versetzung in eine andere Abteilung nachgedacht werden (z.B. von der Kundenbetreuung in den einen Bereich ohne Kundenkontakt).

Sie sind noch ein sehr junges Team, haben aber schon viele Auszeichnungen bekommen, gibt es Lessons Learned?

Wir mussten lernen selbstbewusst zu unserer Gründungsidee zu stehen. Unsere Arbeit als Unternehmerinnen ist für uns alle die erste Stelle nach dem Studium. Zu Beginn haben wir uns schnell verunsichern lassen, wenn kritische Fragen kamen oder wenn Personen aus dem Umkreis unser Vorhaben nicht ernstgenommen haben. Mittlerweile stehen wir voll und ganz hinter unserem Unternehmen, sind überzeugt von der Relevanz unserer Thematik und freuen uns auch über kritische Meinungen. Wir möchten Vorbilder für junge Frauen sein und zeigen, dass eine erfolgreiche Gründung möglich ist und dass es sich lohnt ins kalte Wasser zu springen.

Haben Sie abschließend noch Tipps zum Umgang mit dem Tabu-Thema mentale Belastung am Arbeitsplatz?

Ein guter erster Schritt ist es, einen Überblick zu bekommen, wie es den Mitarbeitenden geht und das Signal zu senden: „Eure psychische Gesundheit ist uns wichtig“. Jedem und jeder einzelnen können wir nur ans Herz legen, darüber zu sprechen, wenn man sich einmal gestresst, ausgelaugt oder völlig erschöpft fühlt. Wir alle sind davon betroffen und sollten uns gegenseitig die Möglichkeit geben zu helfen. Und natürlich freuen sich meine Mitbegründerinnen und ich uns die Unternehmen bei ihrem Weg zu einer guten mentalen Gesundheit zu begleiten, über unsere Webseite kann man Kontakt mit uns aufnehmen.


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