Sieben Hospize mit diesem Anspruch betreibt die St. Elisabeth-Stiftung. Das Kerngebiet des Sozialträgers liegt zwischen Ulm und dem Bodensee. Ab Spätsommer 2025 wird die Stiftung das Böblinger Hospiz betreiben. Nicht wenige Menschen haben wohl die Stirn gerunzelt, als im Jahr 2020 angekündigt worden war, das Hospiz entstehe zwischen Tal- und Karlstraße. Liegt dieser Ort doch unmittelbar am Busbahnhof, einem der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte. Die Hauptkritik: Die Gegend sei zu laut durch Verkehrslärm und hohes Personenaufkommen. Am Bahnhof komme es öfter zu Polizeieinsätzen. Und die Sterbenden seien möglicherweise den Blicken von Passanten in der Talstraße ausgesetzt.
Sterben soll mitten in die Gesellschaft
Dass für einige zukünftig der letzte Weg aber genau an dieser Stelle beginnt, sei genauestens überlegt, wie die Vorstandssprecherin der Stiftung, Andrea Thiele, erklärt: „Die Idee war, das Sterben dahin zu bringen, wohin es gehört – in die Mitte der Gesellschaft.“ Sterbenskranke befänden sich oft noch mitten im Leben und benötigten kurze Wege. Die Zimmer seien zudem von der Straße weg, geschützt nach hinten gerichtet.
Knapp 20 Millionen Euro kostet das Projekt, das auf einem Grundstück der Böblinger Baugesellschaft BBG steht. Wie bei nahezu allen größeren Projekten mussten auch beim Hospizneubau Kostensteigerungen in Millionenhöhe verkraftet werden. Der Betrieb ist gesichert: 95 Prozent der Kosten werden von den Krankenkassen übernommen, die restlichen fünf Prozent – rund 150 000 Euro jährlich – müssen extern eingespielt werden. Dank eines Vertrages unterstützen die Städte Böblingen, Sindelfingen, der Landkreis, die Kirchen sowie der Hospizverein die nächsten fünf Jahre – sie schießen also zu, falls es zu einer Finanzierungslücke kommen sollte. 1,3 Millionen Euro hoch ist die Investition der St. Elisabeth-Stiftung. „Wir brauchen die finanzielle Unterstützung in Form von Spenden aus der Bürgerschaft und von Unternehmen. Wir sind gemeinnützig, am Hospiz verdienen wir kein Geld“, sagt Thiele.
Gerade für Menschen, die Urbanität gewohnt seien, sei das Böblinger Hospiz eine Option. Wer es eher grüner und ländlicher möge, sei zum Beispiel im Hospiz in Kirchbierlingen im Alb-Donau-Kreis richtig aufgehoben. „Wir haben in Ravensburg ein Hospiz zusammen mit einem Kindergarten in einem Gebäude. Das führt zwei Welten zusammen und bringt kindgerecht auch den Jüngsten das Sterben näher“, erzählt Thiele.
Der Tod als Teil des Lebens
Das sei eine gut funktionierende Konstellation. Denn bis heute, so die Erfahrung der studierten Religionspädagogin, werde der Tod noch zu sehr als Tabuthema betrachtet: „Tod und Sterben gehören zum Leben dazu. Es ist wichtig, früh anzufangen, sich mit Abschiedsritualen auseinanderzusetzen.“ Diese werden auch in Böblingen eine Rolle spielen: „Die Gäste werden die Möglichkeit haben, sich zurückziehen und so von ihren Angehörigen und unseren Mitarbeitern im Sterbeprozess begleiten zu lassen.“ Zu den bei der Stiftung etablierten Ritualen gehörten außerdem das Anzünden einer Kerze, wenn eine Person verstorben ist, das Einrichten eines Raums der Stille zum Abschied nehmen, die Begleitung Nahestehender in Trauergruppen oder das Gedenken an Verstorbene ein Jahr nach dem Tod.
Beschränkungen, wer im Hospiz sterben oder auch arbeiten darf, gibt es so gut wie keine, wie Andrea Thiele unterstreicht: „Wir sind eine Einrichtung mit katholischem Hintergrund, gleichzeitig aber sehr divers. Menschen aller Ethnien, Religionen und sexueller Orientierungen arbeiten bei uns. Diese Offenheit gilt auch für unsere Gäste.“ Eine Einschränkung gebe es aber: Das „Hospiz in der Mitte – Region Böblingen/Sindelfingen“, wie es heißen wird, wird keine todkranken Kinder und Jugendliche aufnehmen. Dafür gebe es andere Träger. „Wir haben aber Kinder bei uns, bei denen ein Elternteil im Sterben liegt. Die Kinder werden von unserem Fachpersonal betreut“, erklärt Thiele. Im Hospiz Biberach sei von Mitarbeitenden zu diesem Thema sogar ein Buch verfasst worden, das in solchen Situationen zum Einsatz komme.
Im Hospiz finden aber auch die großen Freuden des Lebens statt
Auch wenn Tod in einem Hospiz unausweichlich ist, ein freudloser Ort ist eine solche Einrichtung dennoch nicht, wie die Vorstandssprecherin erzählt: „In einem Fall hat ein Mann seine langjährige Freundin im Hospiz geheiratet. Die Standesbeamtin kam und hat die Trauung vor 50 Hochzeitsgästen durchgeführt. Wenige Wochen später ist der Mann gestorben.“ Ein anderer Hospizgast habe auf dem Sterbebett vor Angehörigen ein letztes Konzert gegeben. „Wiederum ein anderer durfte aus dem Gefängnis seine letzten Wochen bei uns verbringen und würdevoll sterben“, erinnert sich Thiele. Gerade in einem Hospiz, wo der Tod allgegenwärtig ist, könne das Leben besonders gefeiert werden.
Das Böblinger Hospiz nimmt Gestalt an
Einrichtung
Acht Betten wird das Böblinger Hospiz haben. Die sterbenskranken Gäste müssen mindestens 18 Jahre alt sein.
Kosten
Rund 20 Millionen Euro betragen die Gesamtkosten des Projekts.
Eröffnung
Bis zum Spätsommer 2025 rechnet die Stiftung mit der Eröffnung.
Spenden
Die Hospizarbeit ist auch von Spenden abhängig. Spenden an: St. Elisabeth-Stiftung, IBAN: DE18 7509 0300 0000 3005 00, Betreff: Hospiz in der Mitte.