Indiepop trifft Selbstermächtigung Christin Nichols: „Ich mache mich nicht abhängig von der Liebe anderer!“

, aktualisiert am 22.04.2026 - 18:02 Uhr
„Ich bin total gespannt auf das Leben und wer ich alles bin“, sagt Christin Nichols, die zurzeit vor allem Musikerin ist. Foto: Bella Lieberberg

Was diese Frau so alles treibt: Christin Nichols spielt mit Joachim Król Theater, schreibt einen Krimi und geht mit tollen neuen Indiepopsongs auf Tour und kommt nach Stuttgart.

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Christin Nichols trägt an diesem Tag einen X-Ray-Spex-Pullover – ein Detail, das gut zu ihr und zu ihrem neuen Album passt: spielerisch, selbstironisch, aber mit Haltung. Nachdem ihre ersten beiden Alben „I’m Fine“ und „Rette sich, wer kann!“ hießen, hat sie dieses schlicht „Christin Nichols“ genannt – ein Platte, auf der die deutsch-britische Künstlerin grandios eine in Aufruhr befindliche Welt vertont, indem sie Indiepop, Postpunk und New Wave auf Feminismus, Kapitalismuskritik und autofiktionales Erzählen treffen lässt.

 

Ganz nah dran bei sich selbst und ihrem Erleben war sie zwar schon zuvor, doch jetzt wirken Songs wie „Cheerleader“, „Keine Depressionen“ oder „Alles ist falsch“ noch direkter, noch offener. „Die Sachen, die ich mache, sind extrem persönlich, aber nicht privat.“ Es ist ein entscheidender Unterschied. Nichols gibt viel von sich preis, ohne sich auszuliefern. Ihre Songs wirken nah, aber nie entblößend – sie bleiben offen genug, damit andere sich darin wiederfinden können. „Ich kann aber nur aus meiner Perspektive erzählen“, sagt sie: „Ich bin die Summe meiner Erfahrungen.“

Christin Nichols ist Schauspielerin und Musikerin

Diese Offenheit zeigt sich auch in ihrem Selbstverständnis als Künstlerin. Auf die Frage, ob sie sich eher als Schauspielerin oder Musikerin begreift, antwortet sie: „Ich bin ja beides und ich werde immer beides sein und vielleicht werde ich eines Tages auch gar nichts mehr sein.“ Ein Satz, der weniger nach Unsicherheit klingt als nach Neugier. „Ich schließe für mich überhaupt gar nichts aus.“

Nichols versteht sich nicht als feste Identität, sondern als Zusammenspiel vieler Rollen. „Das sind alles Teile von mir: Die Künstlerin, die Freundin, die Tochter, die Person im Garten oder in der Küche – die kommen alle aus der gleichen Quelle.“ Oder eben die Musikerin und die Schauspielerin. „Bei der Musik bin ich komplett und ganz ich selbst“, sagt sie. „Ich bin für den Sound, für alle Texte, alle Melodien, alles selbst verantwortlich.“ Im Schauspiel dagegen liegt die Freiheit gerade darin, sich selbst zu verlassen: „Ich habe das Privileg, dass ich nicht ich selbst sein muss, sondern jemand anders sein darf.“

Die Songs erzählen immer wieder von Selbstermächtigung

Inhaltlich kreisen ihre Songs oft um Extreme. „Ich habe eine totale Polarität“, sagt sie. „Ich kann ganz tief ins Dunkel schauen, aber auch ganz doll ins Licht.“ Diese Spannung ist kein Stilmittel, sondern Erfahrung. Nichols kennt die Abgründe – Zweifel, Überforderung, depressive Zustände – und setzt ihnen dennoch eine Bewegung entgegen. Ihre Musik bleibt nicht im Dunkel stehen, sondern sucht immer wieder den Weg hinaus.

„Ich kann ganz tief ins Dunkel schauen, aber auch ganz doll ins Licht“, sagt Christin Nichols Foto: Bella Lieberberg

Dabei geht es ihr weniger um individuelle Bewältigung als um etwas Gemeinsames. „Wir sind ja alle auf dieser Welt, und wir machen das alle zum ersten Mal“, sagt sie. „Wir sind nicht alleine.“ Dieser Gedanke zieht sich durch ihr gesamtes Schaffen: Verbindung statt Vereinzelung, Austausch statt Rückzug. „Selbstermächtigung ist so ein ganz, ganz zentrales Ding.“

Lieder vom Gesehenwerden

Anders als als Schauspielerin, etwa wenn sie an der Seite von Joachim Król in Berlin Theater spielt („Sophia oder das Ende der Humanisten“), kommt es für sie nicht infrage, in ihrer Musik in Rollen zu schlüpfen: „Es interessiert mich gar nicht, mich zu verstellen oder konzeptionell zu werden – dann würde ich es lieber lassen.“ Gleichzeitig ist ihr die Ambivalenz von Sichtbarkeit sehr bewusst. „Ich will gesehen werden“, sagt sie. „Gesehen zu werden birgt aber immer auch eine krasse Gefahr.“ Wer sich zeigt, wird angreifbar: „Du bist sofort auch eine Fläche für Projektionen.“ Davon erzählt sie auch in der zackigen Single „Spotlight“, in der es heißt: „Je mehr ich auffall, desto mehr werd ich gesehn/Das war bisher gefährlich, doch ab jetzt ist es schön.“

Früher, erzählt sie, habe sie stärker nach Bestätigung gesucht, wollte „geliebt“ und „beklatscht“ werden. Heute hat sich das verschoben: „Ich mache mich nicht abhängig von der Liebe anderer.“ Der Druck, überall präsent sein zu müssen, sei verschwunden. „Das hab’ ich schon lange nicht mehr.“ Stattdessen gehe es ihr darum, „mich mit guten Menschen zu verbinden“.

Wut und Ohnmacht über die Diskriminierung von Frauen

Diese Haltung prägt auch ihren Blick auf gesellschaftliche Themen – und hier wird Nichols deutlich schärfer. Wenn sie über strukturelle Ungleichheit spricht, kippt die ruhige Reflexion schnell in Zorn. „Ich fühle so eine Wut und Ohnmacht wegen der Diskriminierung von Frauen, die immer noch stattfindet, nicht nur im finanziellen Bereich, sondern zum Beispiel auch im Gesundheitswesen. Don’t get me started.“

Ihre Kritik richtet sich nicht nur gegen einzelne Missstände, sondern gegen tief verankerte Strukturen – und gegen eine Form von Männlichkeit, die sich jeder Reflexion entzieht. „Man denkt sich manchmal schon: Ihr seid alle noch nicht einsam genug!“, sagt sie, halb ironisch, halb ernst. Gleichzeitig verweist sie auf radikalere Gegenbewegungen: „In Südkorea gibt es dieses feministische 4B-Movement – Frauen, die sich weigern Männer zu daten, mit ihnen eine Partnerschaft einzugehen, Sex oder Kinder mit ihnen zu haben.“ Für Nichols ist das ein mögliches Zukunftsszenario: „Wer weiß, wenn die alle nicht aufwachen, geht das hier vielleicht auch so los.“

Musikerin, Schauspielerin, Romanautorin

Dass solche Themen in ihrer Kunst auftauchen, ist für sie selbstverständlich. Sie trennt nicht zwischen politisch und persönlich – beides gehört zusammen. Und vielleicht erklärt das auch, warum sie sich immer wieder neue Ausdrucksformen sucht.

Derzeit arbeitet Nichols an einem Roman. Ausgangspunkt ist ihre Begeisterung für das Genre: „Ich bin riesiger True-Crime-Fan.“ Doch auch hier gilt: Der Impuls kommt von innen. „Das kommt alles vom gleichen Ort“, sagt sie über das Schreiben. Der Prozess unterscheidet sich dennoch deutlich von Musik oder Schauspiel. „Es ist ein sehr einsamer Prozess, aber ein sehr angenehmer.“ Ohne Band, ohne Set, ohne Team: „Nur ich, nur meine Gedanken.“

Christin Nichols: offen, widersprüchlich, neugierig

Am Ende entsteht das Bild einer Künstlerin, die sich nicht festlegen will – und genau daraus ihre Stärke zieht. Christin Nichols denkt nicht in Kategorien, sondern in Bewegungen. Sie bleibt offen, widersprüchlich, neugierig. Oder, wie sie selbst sagt: „Ich bin total gespannt auf das Leben und wer ich alles bin.“

Album und Konzert „Christin Nichols“ (Pias), das dritte Album von Christin Nichols, erscheint am 24. April. Einen Tag zuvor, am Donnerstag, 23. April, stellt sie ihre neuen Songs im Rahmen ihrer „Heute ist mal wirklich alles gut“-Tour mit ihrer Band in Stuttgart beim Konzert im Werkstatthaus in Stuttgart vor. Beginn ist um 20 Uhr.

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