Inklusion in Leonberg „Schichtwechsel“ bei Atrio

Michael Kieferle erklärt Vanessa Scheck geduldig, wie sie ein Frontklappenschloss zusammensetzen muss. Foto: /Simon Granville

Wertvoller Austausch für Menschen mit und ohne Behinderung: Werktätige aus dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten in einem neuen Modell für kurze Zeit in der Leonberger Atrio Werkstatt.

Es ist schwieriger als es aussieht. Aufgabe ist es, drei Autoteile richtig zusammenzusetzen und dann zu verschrauben. Zusammengebaut wird an seiner Station ein Frontklappenschloss für einen Porsche. Diese Arbeit macht normalerweise Tag für Tag Michael Kieferle. Für einige Stunden hat jetzt Vanessa Scheck seinen Job in der Leonberger Atrio-Werkstatt für Menschen mit Behinderung übernommen, um den Arbeitsalltag hier kennenzulernen.

 

Schichtwechsel heißt das Modell, bei dem Menschen aus dem ersten Arbeitsmarkt für kurze Zeit in der Werkstatt mitarbeiten. Vanessa Scheck ist nervös, eigentlich hat sie bisher noch nicht handwerklich gearbeitet und auch mit Menschen mit Behinderung hatte sie noch keine Berührungspunkte. Dennoch hat sich die Lewa Personalentwicklerin auf das Experiment eingelassen, und ihr Tandem-Partner Michael Kieferle nimmt ihr schnell die Berührungsängste. Sehr geduldig erklärt er, wie sie die Teile richtig zusammensetzen und dann in die Maschine einspannen muss. Das braucht etwas Übung und so zeigt Michael Kieferle einfach nochmals, wie es funktioniert. Insgesamt sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von der Stadt Ditzingen, den Firmen Konika Minolta aus Ditzingen und Lewa aus Leonberg haben den Schichtwechsel genutzt, um einen Blick in die Werkstätten von Atrio zu werfen. Die Stadt Ditzingen ist mit vier Mitarbeitern stark vertreten an diesem Tag, es gibt eine enge Zusammenarbeit zwischen Ditzingen und Atrio, die aktuell in ein gemeinsames inklusives Neubauprojekt neben dem Kastanienhof mündet. 300 Menschen mit Behinderung aus dem ganzen Umkreis sind in den drei Atrio-Standorten in Leonberg und Höfingen beschäftigt. 80 Atrio-Mitarbeiter unterstützen sie.

Berührungsängste werden schnell abgebaut

Die Tandems wurden zugelost und so bekommt Annette Pfaff-Schmid, die bei der Stadt Ditzingen für die Familienentlastung zuständig ist, einen Partner, den sie bereits gut kennt. Vor kurzem hat sie eine Freizeit für Menschen mit Behinderung geleitet, bei der Markus Maier mit dabei war. Der freut sich sehr, sie hier wiederzusehen und zeigt ihr gleich seinen Arbeitsplatz. Er arbeitet im Team mit anderen Kollegen an Laufprofilen für die automatischen Türen von Geze. „Es ist ein tolles Team hier“, stellt Annette Pfaff-Schmid schnell fest. Am anderen Ende der Produktionsstraße arbeitet Klaus Ott von Konika Minolta mit.

Alle Teilnehmer sagen am Ende ihrer Schicht einhellig, dass sich der Tag für sie gelohnt hat, aber auch für ihre Arbeitgeber, die vielleicht künftig den Atrio Beschäftigten Praktika anbieten. Und das ist wichtig für die Menschen mit Behinderung, deshalb appelliert die bei Atrio für die berufliche Integration zuständige Lisa Heizmann an die Unternehmen, auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die Inklusion nicht aus dem Auge zu verlieren und Schnupperpraktika und betriebsinterne Arbeitsplätze anzubieten. Denn nur in den Betrieben ist ein gemeinsames Arbeiten von behinderten und nicht behinderten Menschen möglich. In den Atrio-Werkstätten können die Beschäftigten ohne Druck nach ihren individuellen Interessen arbeiten. „Bei uns steht der Mensch mit seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten im Mittelpunkt, die Arbeit wird an die Menschen angepasst“, erklärt der Bereichsleiter Arbeit, Thomas Holderrieth, das Konzept.

Die Arbeit wird an die Menschen angepasst

Die Tätigkeiten sind vielfältig. Nach einer zweijährigen Qualifizierungsmaßnahme im Berufsbildungsbereich können sich neue Beschäftigte ihren Arbeitsplatz aussuchen. Möglichkeiten bestehen unter anderem in der Montage, Verpackung, Küche, Hauswirtschaft oder der Gärtnerei. Und wer rein künstlerisch tätig sein will, kann im Kreativwerk von Atrio in Höfingen seiner Neigung nachgehen.

Am 15. November um 17.30 Uhr lädt das Kreativwerk in die Graf-Leutrum-Straße 41 in Höfingen ein. Unter dem Motto „Höfingen leuchtet“ werden Werke aus der Hand der Beschäftigen für den guten Zweck versteigert.

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