Innovative Architektur in Wangen im Allgäu Der Ausweg aus der Baukrise? Ein spektakulärer Turm aus Stuttgart!

Mit diesem Holzturm aus Brettsperrholz ist die Universität Stuttgart auf der Landesgartenschau in Wangen im Allgäu vertreten. Foto: ICD/IntCDC Universität Stuttgart

Eine architektonische Revolution beeindruckt auf der Landesgartenschau im Allgäu: der weltweit erste Turm aus selbstformenden Holzpaneelen, entworfen von Stuttgarter Forschern. Ein Ausflug in die Zukunft des Bauens und Wohnens.

Bauen/Wohnen: Tomo Pavlovic (pav)

Die Zukunft des Bauens, vielleicht auch des Wohnens ist derzeit im idyllischen Allgäu zu besichtigen. Wie sie ausschaut, die Zukunft? Wie ein hoher Kelch, der in Wahrheit ein weithin sichtbarer spiralförmiger Turm aus hellem Holz ist, knapp 23 Meter hoch, mit einer schlanken Wespentaille. Dieser Turm thront auf einer Anhöhe auf dem Gelände der Landesgartenschau in Wangen. Bis Oktober können sich Besucher auf der 45 Hektar großen Anlage über alles informieren, was sinnigerweise zum klassischen Angebot einer Landesgartenschau gehört.

 

Doch neben den Trends rund ums Düngen, Pflanzen, Säen und Jäten geriet manch eine dieser sehr deutschen wie auch sehr blumigen Freizeitparkspezialitäten in der jüngeren Historie zur Leistungsschau innovativer Stadtentwicklung. Die diesjährige Ausstellung in Wangen könnte – unabhängig von den zu erwartenden und tatsächlichen Besucherzahlen – diesbezüglich besonders hervorstechen.

Womit wir wieder bei diesem Turm angekommen wären. An einem heiteren, wolkenlosen Frühlingstag erklimmt man also die 113 Stufen aus feuerverzinktem Stahl, um auf die Aussichtsplattform zu gelangen, wo schon der Architekt Achim Menges in die Sonne blinzelt.

Oben stehend und hechelnd dreht man sich langsam einmal um die eigene Körperachse, um die atemberaubende Landschaft zu betrachten, im Süden die Voralpen, im Norden der renaturierte Fluss Argen und die Stadt, die lange mit sich gerungen hat. Dieses Turmexperiment, es passe einfach nicht zu Wangen, fanden viele: zu teuer, zu wenig inklusiv, so gar nicht barrierefrei. Und was hätte der Turm überhaupt mit dem Bauen und Wohnen der Zukunft zu tun?

Ein Turm, nicht unumstritten

Vor allem der Fraktionschef der SPD hatte größte Probleme mit dem Bau, der vom Team rund um Achim Menges von der Universität Stuttgart geplant worden war. „Die Landesgartenschau funktioniert auch ohne Turm“, befand SPD-Mann Alwin Burth mit Verweis auf die angespannte Haushaltslage und warnte vor einer „gespaltenen Bürgerschaft“, wie der Schwäbischen Zeitung zu entnehmen war.

Im Gemeinderat fand sich dann doch eine klare Mehrheit für den Bau dieses – im wahrsten Wortsinne – architektonischen Leuchtturmprojekts, was nicht zuletzt an der Beharrlichkeit des parteilosen Oberbürgermeisters Michael Lang lag. Und an einem überzeugenden Vortrag von Achim Menges, der einer interessierten Wangener Bürgerschaft überzeugend erklären konnte, was neben der schönen Aussicht der tatsächliche Mehrwert dieser so raffinierten wie einfachen Konstruktion ist.

Das war vergangenes Jahr. Nun steht der Turm – und sein Architekt ist sichtlich erleichtert. „Es ist ein Privileg, in diesem Landschaftsschutzraum bauen zu dürfen“, sagt Achim Menges, Gründer und Leiter des Instituts für Computerbasiertes Entwerfen und Baufertigung (ICD) an der Universität Stuttgart. „Dieses Bauwerk erfüllt mich mit Stolz, ich fühle mich ganz toll, keine Frage“, bekennt ein lächelnder Achim Menges.

Der Wissenschaftler ist ein Vordenker des Einfachen Bauens, aber anders als andere Architekten plädiert er in Zeiten des Wohnungsmangels weniger für eine kleinteilige Entschlackung der überbordenden Baunormen und Bürokratie als für einen komplette Neuausrichtung.

Wachsen statt bauen

Der 48-Jährige denkt Architektur anders und völlig neu. Seine Entwürfe sind nicht weniger als: revolutionär. Wer sich mit dem Leibniz-Preisträger etwas länger unterhält, nimmt schnell Abschied vom rechten Winkel, von der tradierten Vorstellung, dass Gebäude in unserem Kulturkreis schachtelartig sein müssen, dass Hightech künstlich und teuer wäre.

Zudem müssen Gebäude nicht zwangsläufig aus Beton und Steinen gebaut sein, man könne Wände und Decken ja auch „wachsen“ lassen. Das spart, wenn man als Architekt die Natur versteht, viel Zeit und noch mehr Material. Wichtig sei lediglich die präzise Vorhersage mit Hilfe digitaler Technologien und robotischer Fertigung.

Die Natur denkt, der Architekt lenkt. Genauso ist auch der Turm in Wangen entstanden. Er ist der weltweit erste begehbare Turm, der gekrümmte Brettsperrholz-Bauteile verwendet, die sich durch das Schwinden des Holzes selbsttätig formen. Unter dem Schwinden von Holz versteht man, dass sich das Holz unter trockenen Außenbedingungen zusammenzieht. Sobald die Holzfasern die in ihren Zellen gespeicherte Flüssigkeit abgeben, schwindet das Holz. Die Ausmaße dieser natürlichen Veränderungen kann das Team um Menges vorab exakt berechnen.

Zusätzlich stabil durch Krümmung

Die tragende, spiralartig aufstrebende Holzstruktur stellt mit gerade einmal 13 Zentimeter Materialstärke eine überaus filigrane, ressourcenschonende und zugleich leistungsfähige Holzkonstruktion dar. Die verdrehte Konstruktion hat nämlich nicht nur einen ästhetischen Reiz: Die natürliche Krümmung gibt den Bauteilen dabei zusätzliche Steifigkeit, ähnlich wie bei Wellblechen. Die Treppe trägt die vertikalen Verkehrslasten auf den Stufen und unterstreicht durch die Verjüngung am Fußpunkt elegant die Lastverteilung zwischen der zentralen Spindel und der Hülle aus Holz.

Der Turm wurde in sechs Segmenten bei der Schweizer Firma Blumer Lehmann komplett vorgefertigt und in nur drei Tagen vor Ort errichtet. Auch die meisten der 168 Lärchenholzpaneele der Fassade wurden in der Fabrik von den Holzspezialisten unweit von Wangen vormontiert. Der gesteckte Kostenrahmen von rund 2,2 Millionen Euro wurde eingehalten. Nach Abschluss der Landesgartenschau wird der Turm als dauerhafte Attraktion an seinem Standort verbleiben.

In der Tradition von Frei Otto

Ein prägnantes Wahrzeichen. „Die charakteristische Form dieses Holzbauwerks ist Ausdruck einer neuen, aus natürlich nachwachsenden, lokal verfügbaren und regional verarbeiteten Materialien hervorgehenden Architektur“, erklärt Achim Menges. Mit seinem Kollegen Jan Knippers, Bauingenieur und Leiter des Instituts für Tragwerkkonstruktionen und Konstruktives Entwerfen an der Universität Stuttgart, führt er die Tradition der experimentellen Architektur fort, die der legendäre Leichtbauer Frei Otto in den Sechzigern und Siebzigern in der Landeshauptstadt begründete.

Ein geschwungenes Dach gibt es übrigens auch in Wangen auf dem Gartenschaugelände zu bewundern, eine Hommage an Frei Otto gewissermaßen. Einen Steinwurf vom Turm entfernt haben Menges und Knippes ein zweites kühnes Projekt verwirklicht, einen Pavillon, der erstmals in einer Holz-Naturfaser-Hybridkonstruktion entstanden ist. Für die Dachverbindungen wurden robotisch gewickelten Flachsfaserkörper verwendet.

Dieses neuartige, ressourcenschonende Tragsystem aus regionalen, biobasierten Bauwerkstoffen besitzen zudem einem besonderen örtlichen Bezug. So wurde Flachs vormals in der örtlichen Textilindustrie verarbeitet, deren altes Spinnereigelände im Zuge der Landesgartenschau saniert wurde.

In Wangen im Allgäu können die Stuttgarter Forscher Menges und Knippers wieder einmal eindrücklich zeigen, wie leicht, sparsam und ressourceneffizient Architektur funktioniert. Materialverschwendung kann sich unsere energieintensive Bauindustrie schon heute kaum mehr leisten.

Doch wer so schnell und kostengünstig so einen eleganten Turm oder einen Pavillon bauen kann, der kann womöglich demnächst den mittlerweile dahindümpelnden Wohnungsbau revolutionieren: mit selbstformenden Holzpaneelen und nachwachsenden Flachsverbindungen.

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