Immobilienmakler sprechen in solchen Fällen von Bestlage und freuen sich über Bestpreise: ein neues Wohngebäude mitten im Zentrum von Ostfildern-Ruit im Süden Stuttgarts, an der zentralen Kreuzung von Hedelfinger- und Kirchheimer Straße gelegen. Vierzehn Wohnungen mit größtenteils individuellen Grundrissen, alle Einheiten sind mit Holzböden, Terrassen oder Loggien sowie bodentiefen Fenstern ausgestattet, die viel Tageslicht hereinbringen. Manche der 60 bis 105 Quadratmeter großen Wohnungen erstrecken sich über zwei Geschosse und verfügen zum Teil über hohe Lufträume.
Acht Euro für den Quadratmeter
Ein Wohntraum also, um den sich in diesem Fall aber Best-Verdiener vergeblich bemühen dürften – genauso wie Immobilienmakler. Denn im „Haus Liselotte“, so der Name des Ensembles, wohnen fast ausschließlich Pflegekräfte, vom Azubi bis zur Pflegedienstleiterin. Ihr Arbeitgeber ist das an der Kirchheimer Straße direkt gegenüberliegende Samariterstift Ostfildern, eine Pflegeeinrichtung der Samariterstiftung. Als Bauherr und Träger des Geschosswohnungsbaus wiederum fungiert die Erich und Liselotte-Gradmann-Stiftung aus Ostfildern, die die Wohnungen subventioniert und an die Samariterstiftung als Generalmieter vermietet. Statt den üblichen 13 bis 14 Euro Kaltmiete bezahlen die Mieter deshalb nur rund acht Euro pro Quadratmeter. Anna Köhler beispielsweise, die als Betreuungsassistentin im Samariterstift in Ruit tätig ist, kann sich so mit ihrem Mann eine mehr als 100 Quadratmeter große 3,5 Zimmer-Maisonette-Wohnung für 1250 Euro Warmmiete leisten und darüber freuen, dass ihr Arbeitsplatz nur einen Steinwurf weit entfernt liegt.
Das Ortsbild profitiert
Das Kalkül der Gradmann-Stiftung, durch die Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum Pflegepersonal anzuziehen, geht auf: Trotz des allgemeinen drastischen Pflegekräftemangels konnte das Samariterstift Ostfildern dank der Werkdienstwohnungen zuletzt Mitarbeiter gewinnen. In Ruit profitiert aber nicht nur das Pflegepersonal sowie dadurch freilich auch die Bewohnerschaft des Pflegeheims von diesem Modell, sondern ganz erheblich auch das Ortsbild. Denn die Architekten vom Büro Kauffmann Theilig & Partner aus Ostfildern haben mit ihrem Entwurf eine starke Adresse geschaffen, die das baulich heterogene Zentrum markant aufwertet.
Ausgeklügelte Antwort auf den Ort
Die plastische Figur ihres Baus ist eine ausgeklügelte Antwort auf den Ort wie auf baurechtliche Anforderungen. So haben die Architekten zwar das maximal mögliche Volumen auf das zweigeteilte, zum Teil von historischem Bestand gerahmte Grundstück gesetzt. Doch Abschrägungen, Einschnitte und Rücksprünge verhindern, dass das Gebäude zu massig wirkt – ein Effekt, der durch die Verkleidung mit schuppenartig angeordneten Faserzementplatten noch verstärkt wird. Tatsächlich besteht der Bau aus zwei Teilen, die im Erdgeschoss noch miteinander verbunden sind und sich erst ab dem ersten Obergeschoss getrennt nach oben entwickeln; beide suchen dabei den Schulterschluss mit den Nachbarbauten. Der schachbrettartige Versatz der Fenster lockert die Optik zusätzlich auf.
Vorbildliches Wohnbau-Projekt
Das Vorderhaus mit seinen sechs Ebenen folgt dem Straßeneck; das viergeschossige Hinterhaus erstreckt sich in südöstlicher Richtung und ist durch einen Hof von der Kirchheimer Straße abgesetzt. Das Erdgeschoss des Vorderhauses weicht von der Straßenkante stark zurück – das Café, das hier logiert, kann durch das stützenfreie Gebäudeeck überdachte Freiluft-Plätze anbieten. Fazit: ein vorbildliches Wohnbau-Projekt, das unbedingt Schule machen sollte.
Architekturbüro und Bauherr
Architekten
Das 1988 von Andreas Theilig und Dieter Ben Kauffmann gegründete Büro wird aktuell von mehreren Partnern geführt und hat seinen Sitz in Ostfildern. 2021 wurde es für seine Multifunktionale Schießsporthalle in Ostfildern-Ruit mit der renommierten internationalen Auszeichnung für herausragende Sportstätten-Architektur IOC IAKS Award 2021 in Silber ausgezeichnet.
Stiftung
Die Erich und Liselotte Gradmann-Stiftung in Ostfildern unterstützt seit ihrer Gründung 1991 hilfsbedürftige ältere Menschen, insbesondere durch Bereitstellung von Wohnraum und Betreuung. Ihren Stiftungszweck erfüllt die Gradmann-Stiftung durch Bau und Erwerb von altengerechten Wohnungen, dazu zählen etwa ambulant betreute Wohngemeinschaften oder auch (teil-) stationäre Pflegeeinrichtungen. Außerdem fördert die Stiftung innovative Demenz-Konzepte und forscht im Bereich Pflege und Versorgung.
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