Insolvenz von René Benkos Signa Sports United Stuttgarter René Köhler kauft Fahrrad.de zurück

René Marius Köhler im Jahr 2007 im Lager von Fahrrad.de. Rund 20 Jahre nach der Gründung und acht Jahre nach dem Verkauf von Fahrrad.de ist Köhler zurück im Fahrradhandel. Foto: //Leif Piechowski

Einst hat René Köhler Fahrrad.de zum Weltmarktführer gemacht. Nach dem Verkauf an Signa ging das Unternehmen pleite, jetzt startet Köhler nochmals bei Null. Warum tut er sich das an? Und was bedeutet das für die Beschäftigten?

Geld/Arbeit: Daniel Gräfe (dag)

Es ist eine verrückte Geschichte, die der Stuttgarter René Köhler (41) für sich gesponnen hat. Ganz kann sie der Start-up-Star, der längst ein arrivierter Unternehmer ist, selbst noch nicht begreifen. Der Gründer von Fahrrad.de kauft zum ersten Mai seine Firma zurück – das heißt, was davon noch übrig geblieben ist: „Wir müssen in vier Wochen eine komplett neue Firma aus dem Boden stampfen. Wir haben nichts, keine Ware, nicht einmal eine Telefonanlage. Meine Mutter sagt, ich bin irre.“

 

Köhler bereut im Rückblick den Verkauf an Benko

Als Köhler Fahrrad.de 2003 gründete und zum Weltmarktführer im Online-Fahrradverkauf machte, war es eine Gründerstory made in Germany, lange bevor Zalando groß wurde. Zu Fahrrad.de fügte Köhler ein Dutzend weiterer Onlineshops, die er zur Internetstores GmbH formierte und 2016 an René Benkos Signa Sports United (SSU) verkaufte. Doch SSU meldete im Herbst vergangenen Jahrs Insolvenz an, neben Jobs und Läden stand auch ein Stück von Köhlers Lebenswerk auf dem Spiel. „Mit Benko habe ich es an den Falschen verkauft, das war ein Fehler“, sagt Köhler rückblickend. „Jetzt bügele ich den Fehler wieder aus.“

Köhler hat dafür das Unternehmen Fahrrad.de Bikester gegründet. Es ist eine Tochter seiner Koehler Group, deren alleiniger Eigentümer er ist. Das neue Unternehmen hat mit dem alten Fahrrad.de rechtlich nichts mehr zu tun, betont Köhler. Benko habe „Signa mit Fahrrad.de und Internetstores so tief in den Dreck gefahren“, dass er es komplett neu aufstellen müsse. „Wer weiß, welche Risiken bei Signa schlummern – das ist purer Selbstschutz.“

Wie geht es mit Fahrrad.de nun weiter?

Konkret übernimmt Köhler aus der Insolvenzmasse der Internetstores GmbH die Markenrechte inklusive der Eigenmarke sowie Domains für fast alle europäischen Märkte. Dazu kommen die stationären Geschäfte in Düsseldorf, Dortmund und Hamburg – und natürlich das Stammhaus in der Stuttgarter Rotenwaldstraße sowie der Cube Store im Stadtteil Vaihingen. Außen vor bleiben die Markenrechte für die wenig profitablen skandinavischen Ländern; das Gleiche gelte der überhöhten Miete wegen für den Laden in Berlin.

Insolvenzverwalter Christan Gerloff hat in den vergangenen Monaten offensichtlich einen guten Job gemacht. Die Fahrrad.de-Geschäfte blieben offen, die Infrastruktur dahinter funktionierte weiter, viele Mitarbeiter wurden gehalten, auch weil ihr Gehalt bis April aus der Insolvenzmasse heraus gezahlt werden konnte. „Die Insolvenz der Firma wurde sehr viel besser geführt als das Unternehmen unter Signa. Das Bemerkenswerte ist, dass Mitarbeiter und Lieferanten fast keine Ausfälle haben, selbst die Vermieter kaum“, meint Köhler.

Köhler selbst hat umgerechnet Dutzende Millionen Euro verloren

Viel Geld haben allerdings die Banken und natürlich Signa verloren. Und damit Köhler selbst, weil er nach dem Verkauf an Signa Sports United noch rund sieben Millionen Aktien zu einem Wert von rund 70 Millionen Dollar hielt, die jetzt praktisch wertlos geworden sind. Zum Glück hat sich Köhler seit 2016 in Stuttgart das Family Office Koehler Group aufgebaut, das in Unternehmen und Immobilien investiert. Das Geld kann er gut gebrauchen, auch wenn er für die Reste von Fahrrad.de wohl nur einen niedrigen Millionenbetrag überweisen musste, wie aus Marktkreisen zu hören ist. Denn im Grunde beginnt Köhler wieder bei Null.

„Stand jetzt haben wir keine Ware – normalerweise muss man diese ein bis eineinhalb Jahre vorbestellen“, meint er – dabei sollen die Geschäfte und Internetplattformen am 1. Mai neu öffnen. „Vielleicht können wir zu Beginn nur eine kleine Auswahl an Fahrrädern, aber keine Bekleidung anbieten.“

Gefühlt setzt sich Köhler auf eine Rakete, die gezündet wird

Auf die Frage, ob es die Kunden nicht abschrecke, antwortet er: „Das ist absolut möglich – aber es geht nicht anders.“ Er habe auch keine Ahnung, wie die Kunden reagieren, sagt Köhler. „Man setzt sich auf eine Rakete, die gezündet wird, da kann man nichts planen. Ich kann nur den Anspruch haben, es so gut wie möglich zu machen.“

Eigentlich wollte sich Köhler mit Frau und den drei kleinen Kindern für ein paar Tage auf Mallorca vom Stress der vergangenen Wochen erholen. Jetzt fliegt er immer wieder nach Stuttgart zurück, um wichtige Dinge zu regeln. Neulich hat er versucht, in den Läden mit jedem einzelnen Mitarbeiter zu sprechen. Manche haben sich bereits anderswo einen Job gesucht – sie hatten genug von den Krisenmonaten zuvor. Andere haben bis zum Schluss gehofft und sind jetzt glücklich, den Gründer von einst als künftigen Chef zu haben. Während die Zentrale weniger Menschen beschäftigen wird, möchte Köhler die Zahl der Beschäftigten in den Läden halten.

Die Fahrrad.de-Kunden erhielten vor einigen Tagen ein Schreiben, dass der bisherige Webshop eingestellt werde und die Fahrrad.de Bikester GmbH unter derselben Webadresse nun einen eigenen Webshop betreibe. Köhler sichert sich mit dem neuen Unternehmen auch die Daten von Millionen aktiver Kunden – wenn diese nicht widersprechen, was erfahrungsgemäß die allerwenigsten machen. Allerdings ist die Nutzung durch den Datenschutz stark eingeschränkt. Dass der Gründer von einst sein Werk wieder aufbaut, werden von ihnen viele zu schätzen wissen – wie die Zulieferer auch.

Pandemie-Boom in der Fahrradbranche ist vorbei

Einfach wird es nicht werden. Der Schub während der Pandemie, als Hunderttausende mit dem Fahrrad die Natur erkundeten, ist vorbei. Infolge der hohen Inflation verkaufte die Branche im vergangenen Jahr mit vier Millionen Fahrrädern und E-Bikes so wenig wie seit fünf Jahren nicht mehr. Seitdem Köhler das Unternehmen verkaufte, haben neben E-Bikes auch das Leasing und der Service in den stationären Geschäften an Bedeutung gewonnen.

„Der Markt als solcher hat sich völlig verändert – wie man Erfolg hat, aber nicht“, sagt Köhler. Er spricht von Usability, Qualität und Kundenakquise. „Ich bin zuversichtlich, dass wir uns einen Platz in dem Markt erarbeiten können. Wieder ein Weltmarktführer zu werden, ist nicht erforderlich“, meint er. „Ich will einfach ein stabiles Geschäft für alle Beteiligten aufbauen.“

Das neue Unternehmen hinter Fahrrad.de

Geschäftsführung
Drei Geschäftsführer hat René Köhler für Fahrrad.de Bikester bestellt: Jörg Schaible, Tamer Celen und Alexander Fiess. Sie alle haben zwischen fünf und 15 Jahren als Führungskräfte der Internetstores GmbH Erfahrungen gesammelt. Die Zentrale wird in der Stuttgarter Stiftstraße sein, mitten in der Stadt, den Mietvertrag hat Köhler schon unterschrieben.

Gründer
Köhler selbst bleibt der Gründer, ist Eigentümer und alleiniger Geldgeber. Und welche Rolle hat er noch? „Sparringspartner fürs Management, Aushängeschild für Markt und Kunden“, antwortet er.

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