Instagram, TikTok, WhatsApp So schützt ein Kommissar Jugendliche vor Cybermobbing
Der Kripo-Kommissar Axel Heiner spricht vor Schulklassen über Cybermobbing und berichtet, wie gerade Kinder unter der grassierenden Bilderflut am Smartphone leiden.
Der Kripo-Kommissar Axel Heiner spricht vor Schulklassen über Cybermobbing und berichtet, wie gerade Kinder unter der grassierenden Bilderflut am Smartphone leiden.
Ist die Pistole echt?“, fragt ein Schüler. „Klar“, sagt der Kommissar. „Seh‘ ich aus wie ein Playmobil-Polizist mit Plastikattrappe?“ Eine Cop-Antwort aus einem Cop-Film. Cool.
Besuch an einem Gymnasium im Zollernalbkreis. Eine siebte Klasse kommt pro Schuljahr auf etwa 1220 Unterrichtsstunden. Eine davon gehört jetzt Axel Heiner, 56, Kriminalhauptkommissar am Polizeipräsidium Reutlingen im Referat Prävention, zuständig für Mediengefahren und Cybersicherheit. Heiner ist einer, der seinen Beruf lebt. Als Vater von zwei Söhnen im Alter von 16 und 20 Jahren und Jugendtrainer kommuniziert er auf Augenhöhe mit Jugendlichen.
Soeben hat der Lehrer eine Einführung zu Cybermobbing vom Blatt abgelesen. Instagram, TikTok, krude Bildwelten auf Whats-App – viele Erwachsene, viele Lehrer haben null praktische Erfahrung damit. Kinder und Jugendliche haben ein feines Gespür für so was. Bei diesem Thema funktioniert nur die direkte, kenntnisreiche Ansprache. Was hilft: die Autorität des Polizisten. Heiner ist in Zivil, aber mit Knarre. Und er erzählt genau davon, was die Kinder umtreibt, gleich nach Unterrichtsschluss, wenn sie das Smartphone wieder anschalten dürfen.
Eine Unterhaltungsshow wird dieser Besuch nicht sein. Dafür hat Axel Heiner zu viel gesehen. Manchmal scheint da kein Licht in den Bildern zu sein. Nur Schatten in den Fotos, mit denen er sich als Kriminaler beschäftigen muss. Er wird von den Fotos erzählen, zeigen kann er sie nicht, so verstörend grausam sind sie.
Die Kinder müssen geschützt werden. So schnell ein Bild auch gesehen, so eilig es auch wieder gelöscht werden kann – verschwunden ist es nicht. Nicht aus dem Gedächtnis, nicht von der Festplatte, auf die der Screenshot gespeichert ist. Ein digitales Bild endet nicht an seinen Rändern, es wuchert weiter und kein Produzent, schon gar nicht der Abgebildete kann kontrollieren, was damit passieren mag. Wer ein Bild im Internet ausstellt, muss es vollständig loslassen können. Spannend, gruselig oder egal? Fünfzehn Minuten Berühmtheit für die Abgebrühten?
Ein Bild allein ist keine Waffe, der Mensch macht es dazu: durch willkürliche Kontextverschiebungen, durch die Absichten vom Nutzer oder Fotografen. Hier die kinderleichte Kameratechnik, da die Vernetzungs- und Verbreitungsmaschinerie und die Optionen zur freien Veränderung durch KI und Bildbearbeitungstools. Was dann passieren kann, wenn mit dieser Macht des Bildermachers und Bildverteilers nicht bewusst, nicht behutsam, nicht fair umgegangen wird, das weiß ein Cyberkriminalitäts-Profi.
Anders als für Wissenschaftler, die sich theoretisch mit Medienarbeit befassen, ist das Abseitige und Entsetzliche für den Polizisten Alltag. Für Heiner hat ein Bild im digitalen Umfeld alle Leichtigkeit verloren. Trotz mehr als 30 Dienstjahren in der Landespolizei, in denen er live oder in Bildern viel Brutales gesehen habe, fordere ihn das Betrachten und Verarbeiten von Szenen und Bildern heute noch, sagt er. „Es gibt so vieles, das ich gar nicht sehen wollte und trotzdem hinschauen musste. Da fühlst du dich vollkommen machtlos. So ein Bild dokumentiert etwas Unveränderliches, das musst du verarbeiten, das kann lange dauern.“
Gerade weil er nicht abgestumpft ist, den Bezug zu seiner Aufklärungsarbeit nicht verloren hat, wirkt er glaubhaft. Ein Mädchen meldet sich: „Es gibt von mir im Netz eine Seite, da werden die hässlichsten Bilder von mir gesammelt. Ist das erlaubt?“ Heiner rät zu sofortigem Handeln, zur Anzeige. „Bilderklau“, sagt Heiner, „ist kein Spaß.“ Und keinesfalls lustiges Geplänkel unter Jugendlichen, das geduldet werden darf, sondern ein perfides Spiel zwischen Täter und Opfer, ein Beispiel für Macht und Ohnmacht.
Das muss ein junger Mediennutzer erst einmal verstehen. Der Kommissar erklärt es so: „Im Dialog mit Jugendlichen oder Kindern versuche ich, die Bilder aus der Sicht unterschiedlicher Adressaten zu betrachten. Nicht alles wird hierbei toleriert, manchmal erfordern bestimmte Bilder mein Einschreiten, dann habe ich meine Amtspflicht der Strafverfolgung zu erfüllen, mit all den daraus folgenden Konsequenzen.“
Im Klassenzimmer wird es noch stiller, als Axel Heiner über Sticker im Netz, ein großer Trend unter Jugendlichen, spricht. Via App lässt sich aus einem Foto rasch ein virtueller Sticker basteln, der sich dann leicht über Social Media teilen lässt. So harmlos, wie die exemplarischen Bilder auf den Betreiberseiten sein mögen – Hundefotos mit einem „Hello“ darunter – sind die auf Schulhöfen kursierenden Sticker selten. Anstelle von süßen Welpen sind in der Regel Menschen, im Schulalltag eben Lehrer oder Mitschüler, Zielscheibe digitaler Verfremdung. Deren Gesichter, durch den digitalen Fleischwolf gedreht, werden als entstellte Fratzen mit einem fiesen Kommentar versehen und der Lächerlichkeit preisgegeben. „Das ist kein Streich. So etwas ist strafbar. Strafbar für alle – auch für den, der das Foto teilt und so weiterverbreitet.“ – „Von unserem Mathe-Lehrer“, sagt ein Junge, „gibt es auch einen Sticker.“ Dass das problematisch sein könnte, ist ihm und allen anderen neu.
Dass Bilder einem so leicht entgleiten können, ist Fakt und hat den Umgang mit dem Standbild unseres Selbst auf alle Zeiten hinaus verändert. Nicht ohne Grund also teilen Mütter im Netz fleißig Tipps, wie man das Gesicht des Kindes kreativ verdecken kann. Auch dafür gibt es reichlich Apps. Besonders beliebt sind – nach einer Welle von Emojis – Symbole wie ein pastellfarbener Regenbogen. Dabei sind die Kontextverschiebungen hin zum Kriminellen, vom kinderpornografischen Bereich bis zur Diffamierung, maximal weit vom pastellfarbenen Regenbogen entfernt. Wer blickt da noch durch?
Neben der Modulierbarkeit ist die unglaubliche Transparenz ein Kennzeichen der meisten privaten Bilder im Netz. Nur schnell ein Foto auf Social Media gestellt, das kann mehr über dich verraten, als es dir zunächst bewusst sein mag.
Axel Heiner sagt: „Leute, passt auf, wenn ihr Bilder macht, da sind Metadaten drin!“ Also Informationen über Ort, Uhrzeit, Software-Version. Algorithmen führen zusammen, wo, wann, wie das Foto entstanden ist. „Das muss man Kindern beibringen: Fotografierst du deinen Hund, ist das nicht anonym. Innerhalb von einer Minute ist klar, wo der Hund wohnt, welcher Familie er gehört und welche Telefonnummer sie hat.“ Es genügen Standarddaten, etwa über den Eintrag im Telefonbuch, über Google Maps und Informationen, die man in den Social Media Kanälen hinterlassen hat. „Man muss die technischen Zusammenhänge kennen. Man muss wissen: Ich werde ausspioniert!“ – Wer das aber weiß und dies nicht will und aufwendig die Metadaten löscht, ehe er das Foto postet, bekommt einen ersten Eindruck, wie ein halbwegs verantwortungsvoller Datenaustausch aussehen kann.
Von solcher Durchlässigkeit im Netz spricht der Experte geduldig von Schule zu Schule, Klasse zu Klasse, Elternabend zu Elternabend. Müde wirkt er an diesem Tag trotzdem nicht. Mit großer Präsenz erklärt Heiner, wie enthüllend das Internet ist. „Die große Masse hat keinen Plan. Viele fragen beim Elternabend: ,Wieso darf ich hier nicht fotografieren? Was darf ich überhaupt noch fotografieren?“ Das sei bedenklich genug.
Axel Heiner setzt auf Anschaulichkeit. „Ich frage die Kinder: Würdet ihr ein Nacktfoto von euch in einen Umschlag stecken und verschicken? Würdet ihr das machen? Natürlich würdet ihr das nicht machen!“ Stille im Klassenzimmer.
Es soll Kinder und Jugendliche geben, auch Lehrkräfte und Eltern, die sich nach der Schulstunde mit Axel Heiner vornehmen, vorsichtiger zu sein und bestimmte Dinge ganz zu lassen. Und tatsächlich zieht auch die Gesetzgebung nach – zumindest in Westeuropa, wo strikte Gesetze zum Schutz unerlaubter Aufnahmen von Individuen erlassen werden. Schaut man freilich auf den globalen Bildermarkt und dessen denkbar schlimmste und grausigste Quelle – Krieg und Gewaltherrschaft in der Welt – wird die Kärrnerarbeit von Aufklärung, wie sie Heiner betreibt, unverzichtbar. Hilfe zur Selbsthilfe erreicht da den Rang von Selbstschutz. Es braucht dieses Warnen und Wissen, um Lebensamateure, die sich in Kindheit und Pubertät ohnehin schon in einer harten Realität zurechtzufinden haben, vor den ärgsten Auswüchsen zu schützen.
Axel Heiner übersetzt das Wissenschaftliche zurück in den Alltagsgebrauch. Jedes gepostete Foto bewirkt bei einem Gegenüber etwas. „Das ist ein entscheidender Punkt, den man in der Medienprävention Kindern beibringen muss.“ Kinder und Jugendliche posten Fotos. Warum tun sie das? „Weil sie glauben, dass das jemanden interessiert.“ Das sei aber falsch oder zumindest zu kurz gedacht. Heiner: „Wir wissen gar nicht, was ein bestimmtes Bild bei unserem Gegenüber bewirkt.“ Ein Foto, ein Meme, freiwillig oder unfreiwillig geteilt, zieht seine Kreise wie der ins Wasser geworfene Stein.
Das Smartphone und die Abgründe dahinter treiben die Kinder täglich um. Gut, wenn in einer von rund 1220 Unterrichtsstunden im Jahr darüber gesprochen werden kann. Dabei hat der Dialog hier gerade erst begonnen. Dies- und jenseits des Schulhofs.