Instrument von Hohner So eroberten Melodica und Clavinet die Musikwelt

Der US-amerikanische Superstar Stevie Wonder mit dem Clavinet Foto: Sammlung C. Wagner

Melodica und Clavinet – die weltweite Karriere von zwei Musikinstrumenten der Firma Hohner aus dem Schwarzwald.

Der Niedergang war dramatisch. In den 1960er Jahren geriet die Weltfirma Hohner aus Trossingen in Turbulenzen. Die Verkaufszahlen brachen ein, der Export sackte ab. Bei Hohner schrillten die Alarmglocken. Von 1960 bis 1973 fiel die Zahl der weltweit exportierten Akkordeons von jährlich 70 000 auf 19 000, ein Umsatzrückgang von mehr als 70 Prozent. Gleichzeitig ging der Export von Mundharmonikas von 6,7 Millionen auf 3,9 Millionen pro Jahr zurück, ein Minus von mehr als 40 Prozent. Es war mit Händen zu greifen: Der neue Sound von Rock ’n’ Roll, Beat und Rock grub Hohner das Wasser ab. Plötzlich galten Zieh- und Mundharmonikas als hoffnungslos veraltet. Die Sounds der Beatles und Rolling Stones – das war die Musik, für die sich die Jugend begeisterte, und die war elektrisch.

 

Um die Talfahrt zu stoppen, mussten neue Instrumente her. Fieberhaft wurde in der Entwicklungsabteilung an einer Verbreiterung des Sortiments gearbeitet. Bereits in den frühen 1960er Jahren war Hohner in den Markt für elektronische Heimorgeln eingestiegen. Damals war auch das Cembalet entstanden, ein elektrisches Cembalo, gefolgt vom Pianet, einem elektrischen Klavier. 1966 ging das Clavinet in Produktion, als Heimkeyboard zum gepflegten Musizieren in der Wohnung im Mehrfamilienhaus gedacht. Die moderne Mittelstandsfamilie war die Zielgruppe sowie junge Leute, fein gekleidet mit ordentlich gekämmtem Haar. Diese Käufergruppen schwebte Hohner vor.

Klein, mobil – und elektrisch

Das Clavinet besaß einige Pluspunkte: Obwohl nicht gerade billig, war es doch weit günstiger als ein Klavier. Darüber hinaus war es kleiner und mobiler. Da es ein elektrisches Instrument war, konnte es mit Kopfhörer gespielt werden, was Konflikte mit den Wohnungsnachbarn vermied. An einen Verstärker angeschlossen, konnte man damit aber auch mächtig aufdrehten – Monster-Sound!

Im März 1966 wurde der Neuling auf der Internationalen Frankfurter Frühjahrsmesse vorgestellt, flankiert von einer eigens von Hohner produzierten Schallplatte. Ein Sprecher – von barocker Tastenmusik unterlegt – versuchte, auf der Scheibe dem „lieben Musikfreund“ das Clavinet schmackhaft zu machen. Er pries die Neuerfindung als „ideales Musikinstrument für das häusliche und konzertante Musizieren, aber auch für alle Bereiche der modernen Unterhaltungs- und Tanzmusik.“ Die Botschaft lautete: „Auf dem Hohner Clavinet können sie fast alles spielen. Angefangen von der frühesten Klaviermusik bis zu knallhartem Beat.“

Wie der Name andeutet, war das Clavinet dem Clavichord nachempfunden, einem kastenförmigen Tasteninstrument, das Johann Sebastian Bach einst zu Übungszwecken benutzt hatte. Ernst Zacharias von der Hohner-Entwicklungsabteilung baute das Barockinstrument zum elektrischen Clavinet um, indem er die Saiten, die mit Gummihämmerchen angeschlagen wurden, mit Tonabnehmern versah. „Das Clavichord kannte ich und hatte sogar eines daheim. Das habe ich ein bisschen umgedacht“, so der Erfinder. „Es hatte großen Erfolg, nicht in der klassischen Musik, sondern als Rock- und Beat-Instrument. Da konnte man mit einem Verstärker richtig Power machen. Es verkaufte sich vor allem in den USA ausgesprochen gut. Wir haben ganze Schiffscontainer vollgemacht nur mit Clavinets nach Amerika.“

Das Jahr 1973 brachte den endgültigen Durchbruch, als Stevie Wonder mit dem Titel „Superstition“ auf Platz eins der amerikanischen Hitparade landete. Die Nummer setzte mit einem unverkennbaren Riff vom Clavinet ein, messerscharf und mit spitzer Attacke gespielt. Die Wirkung war enorm. Nicht nur Herbie Hancock, Earth, Wind & Fire und die Commodores nahmen sich nun verstärkt dem Tasteninstrument an, auch James Brown und Michael Jackson setzten es ein. Das Clavinet wurde zum Erkennungsmerkmal der schwarzen Funk- und Discomusik – zu ihrem emblematischen Sound.

Auch die Bee Gees (Stayin’ Alive) bezogen das Clavinet mit ein

Musiker aus anderen Stilrichtungen fanden Gefallen. Garth Hudson von The Band hatte bereits 1969 dem Hit „Up On Cripple Creek“ mit dem Clavinet einen unverkennbaren Klang verliehen. Keith Emerson spielte es bei Emerson, Lake & Palmer und Bernie Worrell bei den Talking Heads und Parliament. Selbst die Rolling Stones (mit Billy Preston als Gast) und die Bee Gees (Titel: „Stayin’ Alive“) bezogen es ein. Und bald war sein Sound auch im Reggae zu vernehmen.

Bei der Firma Hohner löste der Erfolg nicht nur Begeisterung aus. Die Geschäftsleitung sah die steigenden Verkaufszahlen in den USA mit Wohlwollen, doch bereitete ihr die Umarmung durch langhaarige Rock- und schwarze Funk- und flamboyanten Discomusiker Unbehagen. Während die Werbeabteilung auf den neuen Trend aufsprang, trat die Geschäftsleitung auf die Bremse.

Augustus Pablo, Reggae-Musiker aus Jamaika, machte die Melodica in den 1970er Jahren im Dub-Reggae berühmt. Foto: Sammlung C. Wagner

Jahrzehntelang hatte Hohner sich bemüht, das Akkordeon von seinem Image als Gosseninstrument zu befreien. Dem Unternehmen war es gelungen, die „Schweineorgel“ zu einem respektierten Konzertinstrument zu machen, mit dem man bis in die heiligen Hallen der klassischen Musik vorgedrungen war. Hohner hatte eigens dafür ein Akkordeon-Ensemble ins Leben gerufen, das ein Programm klassischer Musik bot. Jetzt fürchtete man durch den Triumph des Clavinets in Funk, Disco und Rock das mühsam erworbene Renommee zu verspielen. Die amerikanische Filiale wurde angehalten, die Werbung zu drosseln, weil man nicht mit solcher Musik in Verbindung gebracht werden wollte. Lieber nahm man Umsatzverluste in Kauf. 1983 stellte Hohner die Produktion des Clavinets sogar völlig ein.

Um den Abwärtstrend aufzuhalten, nahm Hohner auch den Markt für Schulmusikinstrumente ins Visier. Das Unternehmen hatte dafür bereits 1958 die Melodica entwickelt, ein Blasinstrument aus Plastik mit Pianotastatur, das auf einen Vorgänger namens Blasakkordeon um 1900 zurückging. Damit wollte man die Blockflöte aus dem Schulunterricht verdrängen, ein Vorhaben, das nur leidlich gelang. Doch wie der Zufall so will, kam Unterstützung von unerwarteter Seite. In Jamaica machte Augustus Pablo die Melodica zu einem Instrument des Dub-Reggae. Anfangs wusste auf der Karibikinsel niemand so richtig, um was für ein Musikinstrument es sich bei dem fremden Klangerzeuger eigentlich handelte. War es eine Klarinette, wie es auf einer Plattenhüllen hieß?

Ideales Instrument zum Herumtragen

Augustus Pablos eigenwilliger Klang strahlten aus. Bald verwendeten auch andere Reggae-Musiker die Melodica, die überall sonst als Kinderinstrument belächelt wurde. Doch bei den Rasta-Musikern aus Jamaika gingen die Uhren schon immer anders. Sie kümmerten sich wenig darum, was der Rest der Welt dachte. Für sie war die Melodica ein zweckdienlicher Klangerzeuger, der leicht zu spielen und praktisch zu handhaben war. Man konnte das Instrument problemlos mit sich herumtragen, und es war immer einsatzbereit. Außerdem war es erschwinglich – ideal für die Habenichtse mit den Dreadlocks aus dem Ghetto von Kingston. Nicht lange und der Melodica-Sound tauchte auf Schallplatten von Bob Marley, The Wailers, Sly & Robbie und Peter Tosh auf.

Mitte der 1970er Jahren trat der Reggae seinen weltweiten Siegeszug an – im Schlepptau: die Melodica. Zuerst waren es englischen Punks, stark beeinflusst von Ska und Reggae, die das Instrument aufgriffen. Bei Gruppen wie Gang of Four oder Joy Division kam es zum Einsatz. Mit der Zeit machten auch Pop- und Rockmusiker davon Gebrauch. Die Melodica avancierte zum Effektinstrument, das für farbige Tupfer und den „coolen Touch“ sorgte, ob bei UB40, Oasis oder Depeche Mode.

Im Trend der Zeit entwickelte Hohner aus dem akustischen Original eine elektronische Variante. Wolfgang Dauner, Keyboardspieler aus Stuttgart zwischen Jazz und Rock, wurde zum Botschafter des Instruments. In Werbeanzeigen machte sich Hohner Dauners Bekanntheit zunutze: „Wenn Sie ebenso individuell sein wollen, effektvoll, improvisationsfreudig, begeisternd und erfolgreich, eben so wie Wolfgang Dauner, dann gibt es nur eines: Hohner-Elektra-Melodica.“

Dauner machte Verbesserungsvorschläge, die allerdings von Hohner nicht aufgegriffen wurden. „Das war schade, sonst hätte das der erste Synthesizer in Deutschland werden können“, bedauerte Dauner das Desinteresse. Der Elektra-Melodica blieb der Durchbruch versagt. Sie verschwand nach wenigen Jahren wieder von der Bildfläche.

Das ursprüngliche Modell erwies sich als resistenter. Wenn auch nicht als Hauptinstrument, ist die Melodica in der Popmusik bis heute präsent, aktuell etwa bei der deutschen Band AnnenMayKantereit. Bei der amerikanischen Rockgruppe The Hooters steht sie sogar im Mittelpunkt. Manchmal werden von der Gruppe auf der Bühne bis zu drei Melodicas gleichzeitig gespielt.

Schon der Name der Band aus Philadelphia ist eine Huldigung an das ominöse Blasinstrument. Mit „Hooter“ ist eine Hupe oder Tröte gemeint, wie die Bandmitglieder die Melodica ironisch nennen. Und The Hooters wissen deren Potenzial optimal zu nutzen. Bei ihnen verwandelt sich die Tröte in ein Musikinstrument mit vielen Facetten.

Die Geschichte der elektronisch erzeugten Klänge in Wort und Ton

Musikstil
  „Freak-Sounds“ – das sind die Klänge abseits der Norm, ob gespielt von Clavinet oder Melodica, von Toypiano oder Glasharmonika. Man findet solche Töne an den Rändern der Popmusik und in Musikformen, die in die Ritzen zwischen den Gattungen fallen. Unser Autor Christoph Wagner hat diesem speziellen Stil ein Buch gewidmet:  „Freak-Sounds: Musik abseits der Norm“, Edition neue Zeitschrift für Musik, 288 Seiten, 29,95 Euro.

Veranstaltung
 Christoph Wagner stellt in einem multimedialen Konzert am Sonntag, 26. April 2026 (Beginn: 19.15 Uhr) im Stuttgarter Theaterhaus das Trautonium vor. 1930 in Berlin erfunden, ist das Trautonium eines der ersten elektronischen Musikinstrumente überhaupt – die Mutter des Synthesizers. Alfred Hitchcocks Film „Die Vögel“ haben es berühmt gemacht. Die elektronisch erzeugten Schreie der Krähen ließen den Horror noch unheimlicher erscheinen. 

Weitere Themen