Internationale Bauausstellung Andreas Hofer über totgesagte IBA – „Sie ist ein wahnsinniger Erfolg“

Andreas Hofer, Intendant der IBA’27 in Stuttgart Foto: Lichtgut/Julian Rettig

lntendant Andreas Hofer verteidigt die IBA’27 in Stuttgart gegen Kritik. Vor allem betont er deren Einfluss auf die Region und spricht über schon heute weltweit beachtete Projekte.

Architektur/Bauen/Wohnen: Andrea Jenewein (anj)

Die IBA’27 steht auch ein Jahr vor der Ausstellungseröffnung in der Kritik, insbesondere aufgrund mangelnder Fortschritte bei Schlüsselprojekten – ein Scheitern der hochgesteckten Ziele wird befürchtet. Andreas Hofer (63), Intendant der IBA’27, zeichnet ein anderes Bild der Lage.

 

Herr Hofer, ich falle gleich mit der Tür ins Haus: Die IBA’27 wird immer wieder totgesagt . . .

Ich würde die Geschichte umdrehen: Die IBA ist ein wahnsinniger Erfolg, mit so vielen visionären, progressiven Projekten, von denen wir einige in einem ersten Schritt auch tatsächlich als gebaute Häuser zeigen können. Und in einem zweiten Schritt liefern wir die Blaupause für die Region der nächsten 20 Jahre.

Bei früheren IBAs wollte man abgeschlossene Ergebnisse präsentieren. Hat sich der Anspruch gewandelt?

IBAs sind die letzten Jahrzehnte von Ausstellungen auf begrenztem Gelände zu komplexen Stadt- und Regionalentwicklungsprojekten geworden. Wir haben aber wahrscheinlich mehr gebaute Gebäude als viele IBAs der letzten zwanzig, dreißig Jahre.

Warum ist die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit eine andere?

Weil viele Menschen das Format nicht kennen und sich verständlicherweise unter Ausstellung etwas sehr viel Einfacheres vorstellen. Wenn Sie aber auf die letzte sehr einflussreiche IBA 84/87 in Berlin schauen: Die wurde um drei Jahre verschoben – und noch 1987 war die Presse voll mit: ‚Was haben die hingekriegt? Nicht mal die Hälfte!‘. Es war genau die gleiche Rhetorik.

Dabei war die Aufgabenstellung an die IBA in Berlin sehr viel konkreter . . .

Ja, bei vielen IBAs gab es ein sehr konkretes Problem und kommunale oder Landesmittel für die Umsetzung. Ich denke da etwa an den Weissenhof vor 100 Jahren, da sollten im Auftrag der Stadt 63 Wohnungen gebaut werden. Die konnten dann dieses Programm abarbeiten – und am Schluss war alles da, was mal versprochen war. Die IBA’27 wurde in einer Zeit des Immobilienbooms als Think-Tank für die regionale Entwicklung gegründet. Wir hatten kein Portfolio, sondern sammelten in einem offenen Prozess Projekte. Dabei ist dann natürlich auch vieles bei uns gelandet, was man bis dato nicht auf die Reihe gekriegt hat, die schwierigen Fälle. Aber genau das zeigt doch den Bedarf für außergewöhnliche Formate.

Eine Bauausstellung arbeitet unter realen rechtlichen, finanziellen und politischen Bedingungen in ihrer Zeit. Experimente finden nicht im Schutzraum, sondern im laufenden Betrieb und in der Öffentlichkeit statt. Dazu gehören auch Verzögerungen und das Projekte nicht realisiert werden können.

In der Pharma-Forschung siehst du natürlich diese 9999 Experimente nicht, die sie aus Reagenzgläsern über der Spüle ausschütten. Da siehst du am Ende nur das fertige Medikament. Der Forschungsaspekt ist ein grundsätzliches Problem beim Bauen. Denn im Bau scheitern sollte man lieber nicht, wenn man 100 Millionen investiert. Aber so richtig gescheitert oder gecancelt worden ist bei der IBA’27 bis jetzt eigentlich noch kein einziges Projekt. Corona, der Ukrainekrieg und die Kostenexplosionen haben einige Projekte aber verzögert oder dafür gesorgt, dass manche momentan auf Eis liegen.

Auch der Neue Stöckach ist wegen der Kostensteigerung gestoppt worden. Die EnBW ist noch immer in Gesprächen mit der Stadt. Viel hat sich aber noch nicht getan, oder?

Die haben sich ein bisschen verhakt, und es geht natürlich auch um Werte und Kosten. Ich meine, der Gemeinderat kann schon fordern: ‚Wir kaufen das.‘ Aber wir reden da von einer Investitionssumme von mehreren Hundert Millionen Euro.

Auch ein Bauvorhaben der Stadt, die Neue Mitte Leonhardsvorstadt, ist im Moment noch offen. Wie war die Zusammenarbeit mit der Stadt? War die mutig genug, war die offen genug, hat die vielleicht auch eine Chance verspielt?

Das hat zwei Seiten. Gerade bei der Leonhardsvorstadt gab es wahnsinnig engagierte Leute bei der Stadt, und sie hat mit uns einen aufwendigen partizipativen Prozess durchgeführt. Für die IBA’27 hat die Stadt Stellen geschaffen, interne Workshops für Projektideen gemacht. Und es gibt tolle städtische Projekte wie das Weissenhof.Forum. Es ist aber andererseits schon auch so, dass sich die ganz große Begeisterung für die IBA nicht durchs gesamte Rathaus zieht und wir an gewissen Stellen vermutlich als Störung und Stress empfunden werden. Das offene Format hieß auch für die Stadt Stuttgart, dass es nicht diese fünf konkreten Probleme gab, die mit der IBA gelöst werden sollten. Wir diskutieren im Moment viel darüber, ob IBAs nicht doch so etwas wie ein Portfolio mit einem gesicherten Budget und baurechtlichen Freiräumen dafür bräuchten. Dies schien beim Start nicht nötig, aber über die zehnjährige Laufzeit können sich die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen verändern. Vermutlich hat das bisher keine IBA in dem Maße erfahren wie wir.

2027 ist das Ausstellungsjahr. In Stuttgart selbst werden acht von 15 Projekten fertiggestellt sein. Werden die unfertigen in der Ausstellung im ehemaligen Galeria-Gebäude gezeigt?

Das ist genau unser Ausstellungskonzept: Wo etwas gebaut ist, zeigen wir es vor Ort. Und in der zentralen Ausstellung im Kaufhaus führen wir die Erkenntnisse des zehnjährigen Prozesses zusammen — mitsamt aller Projekte. Es macht ja keinen Sinn, die Leute auf den leeren Acker zu schicken. Das verlangt aber insgesamt mehr Vermittlungsarbeit , als ich vor vier, fünf Jahren noch gedacht habe.

Werden auch Baustellen zu besichtigen sein? Ich erinnere mich an ein Gespräch mit der Geschäftsführerin der IBA’27, Gabriele König, die sagte, Baustellen haben durchaus auch ihren Reiz.

Ja, etwa die Weimarstraße, das wird eine spektakuläre Holzbaustelle sein, während der ganzen Ausstellungsdauer.

Was ist bei diesem Wohngebäude des Architekten Florian Nagler gerade der Stand?

Vermögen und Bau haben vor drei Monaten die Baubewilligung bekommen und kürzlich auch die interne Freigabe der Mittel. Irgendwann im Sommer wird man wohl zu bauen beginnen. Das Zero in Stuttgart-Möhringen, das mehrgeschossige Bürogebäude aus vorproduzierten Holzmodulen, war auch so eine sehr spektakuläre Holzbaustelle.

Aber das Zero ist doch schon fertig und gehörte anfangs gar nicht zu den IBA-Projekten . . .

Ja. Ich war am Anfang zurückhaltend mit Projekten, die nicht von Beginn an mit uns entwickelt wurden. Aber wir sind ja auch Teil einer historischen und technischen Entwicklung. Beim Zero konnten wir dann auch bei einigen baurechtlichen Problemen unterstützen. Das Gebäude und seine Entstehungsgeschichte sind wirklich wegweisend – das wollen wir natürlich zeigen, und die Bauherrschaft freut sich mit uns, wenn das Projekt breite Aufmerksamkeit erfährt. Und es sind ja noch mehr solcher spektakulären Dinge dazugekommen. Auch das Holzparkhaus in Wendlingen, das ist Spitzentechnologie , das hat es so noch nie gegeben. Wir haben gerade erst mit dem Wendlinger Bürgermeister Steffen Weigel gesprochen, die werden überrannt von Besuchern aus der ganzen Welt. Das ist jetzt der Prototyp. So werden vielleicht die nächsten 30 Jahre Parkhäuser gebaut.

Das Holzparkhaus in Wendlingen Foto: Ines Rudel

Da kommen Besucher, nur um das Holzparkhaus zu besichtigen?

Ja, aus Südkorea, aus der ganzen Welt. Bei der Entwicklung waren wir nicht intensiv dabei, aber ich glaube, man kann schon behaupten, dass das in Wendlingen möglicherweise nicht so zustande gekommen wäre, wenn nicht im Rathaus ein bisschen ein IBA-Fieber ausgebrochen wäre. Zuerst gab es das Otto-Areal, das ja dann eine unglückliche Wendung nahm. Dann die Neckarspinnerei,die sich großartig entwickelt, dann das Parkhaus. Das hat, glaube ich, mit Wendlingen wirklich etwas gemacht, auch mit dem Selbstbewusstsein.

Liefen die IBA-Projekte in der Region anders als in Stuttgart?

In der Region gab es eine positive Selektion. Von diesen 179 Kommunen sind vielleicht 30 oder 40 auf uns zugekommen, die in der Zusammenarbeit mit der IBA konkrete Vorteile sahen. Und die, die die IBA blöd finden, nicht. Die Stadt Stuttgart musste ja irgendwie, oder? Von daher kann man es nicht vergleichen.

Und die, die auf Sie zukamen, was erhofften die sich von der IBA?

In der Region gab es diesen Effekt, dass sich viele an uns gewandt haben, die an etwas ganz Schwierigem dran waren, das sie mit Bordmitteln und mit ihrem Planungsamt nicht bewältigen konnten. Da gab es etwa solche, die sagten: ‚Wir haben noch nie einen Architekturwettbewerb durchgeführt. Und jetzt gibt es da eine Organisation, die uns auf diesem Weg hilft.‘ Das hat teilweise zu einer Euphorie geführt, und manche haben Sachen gemacht, die ohne die IBA undenkbar gewesen wären. Das kleine Städtchen Uhingen etwa hat einen offenen internationalen Architekturwettbewerb gemacht. Das muss man sich mal geben.

Konnte die IBA in jedem Fall weiterhelfen?

Einige dieser Projekte sind in der Weiterbearbeitung gestrandet, teilweise an den strukturellen Problemen in diesen Kommunen. Es fehlen manchmal einfach die Erfahrung und die Leute, um den Plan dann auch durchziehen können. Der Supertanker Stuttgart fährt zwar auch nicht immer genau an den richtigen Ort, aber da gibt es in der Verwaltung und bei Bauträgern Strukturen, die anspruchsvolle Projekte wie die Quartiere der SWSG und der Baugenossenschaften Neues Heim in Zuffenhausen und Rot durchziehen können. Bei kleineren Kommunen ist es teilweise auf der Strecke verhungert.

Sie werden die Projekte auch über das Ausstellungsjahr hinaus begleiten. Wie wird das konkret aussehen?

Unsere Gesellschafter haben beschlossen, dass die IBA GmbH drei Jahre weiterlaufen wird. Mit schrumpfenden Beiträgen, aber doch so, dass wir operativ arbeiten können. Das ist klug, auch weil es das Ausstellungsjahr extrem entspannt. Das ist gerade unser Fokus. Und dann sind auch nicht alle Mitarbeiter schon dieses Jahr am Stellenbewerbungenschreiben, weil sie keine Perspektive nach 2027 haben. An dem Problem ist ja die Remstal Gartenschau fast gestorben. Die hatten im Ausstellungsjahr fast kein Personal mehr.

Das ist ein sehr profaner Grund weiterzumachen . . .

Ja, aber es gibt natürlich auch inhaltliche. Wir können zusammen mit den Partnern weiterentwickeln, wie sich das, was wir über zehn Jahre aufgebaut haben, langfristig in der Region entfalten kann. Die Projekte, die noch unterwegs sind, erhalten weiter Support von uns. Und die Phase ein, zwei Jahre nach dem Einzug ist ja auch wichtig: Wie nehmen die Leute ein neues Quartier an, was entwickelt sich da an Prozessen, was funktioniert, was nicht?

Werden Sie gegebenenfalls auch noch mal an bestimmten Stellschrauben nachdrehen?

Wir werden weiterhin da sein, beobachten und mitdiskutieren. Für die dauerhafte Wirkung ist es aber wichtig, dass man auch evaluiert. Auch technisch übrigens und energetisch – wir haben ein riesiges Wissensproblem beim Bauen. Meistens ist es ja so: Kaum steht die Hütte, rennen alle weg. Und kein Mensch weiß, ob das Heizungssystem auch wirklich so funktioniert, wie gedacht. Da möchten wir einen Beitrag leisten: Projekte weiter begleiten, reflektieren, dokumentieren.

Die zehn vorgesehenen Jahre reichen also nicht . . .

Beim Bauen von großen, komplexen Projekten sind zehn Jahre plötzlich doch eine relativ kurze Zeitspanne. Was man mit Blick auf diese IBA sicher diskutieren und kritisieren muss und wird – nicht zuletzt ich – ist die Frage nach der architektonischen Exzellenz.

Was meinen Sie damit konkret?

Wir stellen in der Realisierung immer wieder fest, dass ambitionierte Projekte in der Ausführung teilweise zwei, drei Schritte zurückgehen. Im internationalen Vergleich gibt es bei der Wohnbaukultur in diesem Land noch ziemlich viel Entwicklungsbedarf. Wir haben uns zusammen auf einen guten Weg gemacht und mit den Partnern tolle Sachen für die Region entwickelt. Aber eine auf jeder Ebene und in jedem Detail grandiose Architektur, die auch international Beachtung finden könnte, die gibt es vielleicht bei Klett, bei der Weimarstraße, beim Weissenhof.Forum, das ist natürlich absolut top. Und bei der Brenzkirche und beim Holzparkhausen.

Und wo mangelt es an architektonischer Exzellenz?

Gerade im Wohnungsbau ist es eine besonders große Aufholjagd. Da hat sich mit der IBA in der Region einiges entwickelt, an der einen oder anderen Stelle kämpfen wir unter dem aktuellen Kostendruck aber schon sehr darum, die Qualitäten aufrechtzuerhalten. Das sehen am Ende vielleicht manche Laien nicht, aber ich sehe es schon. Dennoch: Für die Region hat die IBA, glaube ich, viel bewegt. Wie hieß es auf dem Mond: ‚Ein großer Schritt für die Region, ein kleiner für die Menschheit.‘

Info

IBA
Die Internationale Bauausstellung ist ein Sonderformat der Stadt- und Regionalentwicklung, das sich seit mehr als 100 Jahren mit aktuellen Fragen des Bauens und Planens beschäftigt. Ziele sind die Entwicklung zukunftsweisender Lösungen für den Städtebau, die auch ästhetische, technologische sowie soziale, wirtschaftliche und ökologische Aspekte einbeziehen. Die nächste Ausstellung ist 2027 in Stuttgart.

Andreas Hofer
ist seit 2018 Intendant der Internationalen Bauausstellung 2027 in Stuttgart. Geboren wurde er 1962 in Luzern (Schweiz), er studierte Architektur an der ETH Zürich und war dort Partner im Planungs- und Architekturbüro Archipel. Er engagierte sich für den genossenschaftlichen Wohnungsbau bei der Verbandsarbeit und als Berater. Hofer publiziert regelmäßig in verschiedenen Medien zu Architektur-, Städtebau- und Wohnungsfragen, begleitet Wohnbauprojekte als Jurymitglied in Wettbewerben und engagiert sich in der Lehre an Hochschulen.

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