Interview Manfred Kluge Desinformation ist das größte Risiko

Das Internet wird mittlerweile von Tech-Plattformen wie Google oder Meta dominiert – und vor allem jüngere Menschen nutzen deren Apps, beispielsweise Instagram. Foto: dpa/Mascha Brichta

Manfred Kluge und andere Medienexperten kämpfen für verlässlichen Journalismus – und gegen die Allmacht von Meta, Google und Co im Internet. Sie fordern Hilfe von der UN.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Vor zehn Jahren haben die Vereinten Nationen 17 Nachhaltigkeitsziele ausgerufen: von Armutsbekämpfung bis weniger Ungleichheit. Nun fordern Experten aus der Medienwirtschaft ein 18. Ziel: Schutz vor Desinformation und einem Monopol der Plattformgiganten. Mit ihrer „Initiative 18“ wollen sie Medienvielfalt, seriöse Recherche, Medienkompetenz und unabhängigen Journalismus fördern. Werbefachmann Manfred Kluge leitet die Initiative.

 

Herr Kluge, wie ist es um die Vielfalt und Verlässlichkeit der Medien in Deutschland bestellt?

Noch können wir glücklich sein über ein breites Portfolio an Medien. Andererseits sehen wir, wie der Druck auf diese Medien immer weiter wächst. Die Notwendigkeit, freie und vertrauenswürdige Medien zu haben, wird uns täglich vor Augen geführt. Angesichts der Flut an Desinformation und schädlicher Inhalte, primär im Netz, bedarf es seriöser Journalisten als Gegengewicht.

Foto: Christian Knieps

Wo sehen Sie die größten Gefahren?

Was Medienvielfalt weltweit massiv schwächt, ist die Entdemokratisierung des Internets. Das Netz wird inzwischen von ganz wenigen digitalen Plattformen kontrolliert. Schon 2019 lag deren Anteil bei 50 Prozent. Und da wurden Tiktok und Instagram noch nicht in dem Maße genutzt wie heute. Inzwischen dürften mindestens zwei Drittel der Internetnutzung durch globale Plattformen kontrolliert werden. Deren Algorithmen bestimmen, welche Inhalte gesehen werden – und welche nicht. Das ist eine große Gefahr für die Medienvielfalt in unserem Land. Ein zweiter Aspekt kommt hinzu: Werbegelder wandern zunehmend in Richtung dieser Plattformen. Damit haben die klassischen Medien ein Finanzierungsproblem.

Kann es dem Publikum nicht egal sein, wer ihm Informationen serviert?

Natürlich ist die Tagesschau auch auf Tiktok präsent. Wenn sich damit Werbeeinnahmen erzielen lassen, dann kassiert diese aber Tiktok – die Informationen wurden jedoch von Journalisten beschafft. Sie produzieren den Inhalt, bekommen dafür aber allenfalls ein paar Brosamen.

Die Initiative 18, für die Sie stehen, strebt ein „wertebasiertes Media-Ökosystem“ an. Was hätten Zeitungsleserinnen oder Tageschau-Zuschauer davon?

Zunächst einmal Medienvielfalt – freie Medien, deren Informationen vertrauenswürdig sind, die Jugend- und Datenschutz ernst nehmen, transparent arbeiten. Investitionen in vertrauenswürdige Medien ist wie grüner Strom – gut für unser demokratisches Klima.

Auch Ökonomen wie der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz warnen vor einem Ende des seriösen Journalismus . . .

Das ist so, weil in den USA binnen Monaten die Medienlandschaft völlig umgepflügt wurde. Presse- und Meinungsfreiheit werden mit Füßen getreten. Wer kritisch berichtet, wird verfolgt. Die Mächtigen können via Social Media und regierungstreuen Medien Desinformationen und Beleidigungen in die Welt setzen – das macht mir große Sorgen.

Mit Ihrer Initiative 18 spielen Sie an auf die 17 Nachhaltigkeitsziele der UN. Dabei geht es um Armut, Hunger, Klimaschutz. Warum sind freie, vielfältige Medien ähnlich wichtig?

Das Weltwirtschaftsforum sagt, Desinformation sei mittlerweile das größte globale Risiko. Desinformation führt zur Spaltung der Gesellschaft, schlimmstenfalls zu Gewalt und Kriegen. Deshalb sind freie und vertrauenswürdige Medien als Bollwerk gegen Desinformation so wichtig wie saubere Luft und sauberes Wasser.

Noch ein Nachhaltigkeitsziel der UN – nur ein weiterer Papiertiger?

In zehntausenden Unternehmen wurden die bestehenden 17 Nachhaltigkeitsziele seit 2015 mit Nachdruck verfolgt. Da hat sich eine Menge getan, deshalb würde ich keinesfalls von „Papiertigern“ sprechen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Nachhaltigkeit von vielen gerade von der Agenda gestrichen wird. Das liegt an den ökonomischen Herausforderungen, aber auch an Trump & Co, die Solidarität dem Profitstreben opfern.

Wie bewerten Sie das Potenzial der Künstlichen Intelligenz mit Blick auf Fakten und Fälschungen?

KI schafft eine völlig neue Dimension der Produktivität und bietet spannende Optionen. Auf der anderen Seite werden wir riesige Probleme bekommen, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden. Da braucht es seriöse Journalisten oder Wissenschaftler, die das überprüfen, andere Quellen befragen. Ansonsten unterliegen wir einer gigantischen Desinformation. Das ist wie Feuer: es wärmt, liefert Energie – hat aber auch zerstörerische Gewalt. Auch KI wird dominiert von großen Playern. Das ist ein weiterer Schritt zur Entdemokratisierung des Internets.

Sie sorgen sich auch um die Finanzierungsbasis des seriösen Journalismus. Wo sehen Sie neue Einnahmequellen?

Wie wäre es, wenn man User und Abonnenten einen Vorteil verschafft, indem die Abogebühren von der Steuer abgesetzt werden können? Damit könnte Nachfrage für journalistische Produkte stimuliert werden. Ich weiß nicht, ob der Plattformsoli, den Kulturstaatsminister Wolfram Weimer vorgeschlagen hat, die Lösung aller Probleme ist. Aber es ist ein Ansatz, Plattformen zur Kasse zu bitten, um freien Journalismus abzusichern, mit dessen Inhalten sie Geld verdienen.

Sehen Sie auch Journalisten und klassische Medien in der Pflicht?

Seriöser Journalismus darf sich nicht in Clickbaiting und der Verstärkung schlechter Nachrichten erschöpfen. Er muss relevante, vertrauenswürdige Inhalte bieten – und die Vielfalt der Meinungen abbilden. Gerade Lokaljournalismus könnte zu einem Hebel werden, um Bürger Selbstwirksamkeit erleben zu lassen. Sie können etwas bewegen, wenn sie von Journalisten unterstützt werden. Journalismus sollte ein Seismograf dafür sein, was die Bedürfnisse der Bürger sind.

Sollte der Staat mehr tun, um seriösen Journalismus zu unterstützen?

Wir sind sehr froh, dass sich dazu wichtige Vorhaben im Koalitionsvertrag der neuen Regierung wiederfinden: das Bekenntnis zur Stärkung von Medienvielfalt, der entschlossene Kampf gegen Desinformation. Da sollte unsere Regierung beziehungsweise die EU noch viel stärker Flagge zeigen: schädliche Inhalte konsequenter verfolgen und sanktionieren.

Kämpft für verlässliche Medien

Werbefachmann
Manfred Kluge arbeitet seit mehr als 35 Jahren im Bereich Media und Marketing. Seit 2016 ist er Präsident des Verwaltungsrats der Omnicom Media Group Schweiz, Tochter einer weltweit agierenden Werbeagentur mit 27 000 Mitarbeitern.

Initiative 18
Experten aus der Medienbranche, dem Journalismus und der Forschung setzen sich dafür ein, die Vielfalt und Unabhängigkeit der Medien zu bewahren und zu stärken, engagieren sich für freie, sichere und nachhaltige Medien als Grundlage einer offenen Gesellschaft. Der Führungsriege gehören vor allem Werbefachleute, Medienrechtler und Verlagsmanager an. Die Anliegen der Initiative finden sich unter: initiative18.org. Eine Petition kann auf change.org unterstützt werden. (kä)

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