Cartoonist Michael Holtschulte „Nicht politisch zu sein, ist für mich befremdlich“

Zeichnet mit spitzer Feder: Cartoonist Michael Holtschulte Foto: IMAGO/Funke Foto Services/VladimirxWegener

Wie funktioniert Humor? Der Cartoonist Michael Holtschulte präsentiert sein Programm „Tot, aber lustig“ in Stuttgart.

Der Cartoonist Michael Holtschulte karikiert mit „Tot, aber lustig“ Geschichten vom Sensenmann. Was einen guten Cartoon ausmacht und weshalb es Elon Musk derzeit auch einem gestandenen Karikaturisten schwer macht, erzählt er vor der Fahrt nach Stuttgart.

 

Herr Holtschulte, was verrät der Humor in Ihren Cartoons über die Gesellschaft, in der wir leben? Inwiefern sehen Sie Ihre Arbeit als Spiegel der Zeit?

Ich bin ein Kind meiner Zeit und habe eine subjektive Sicht auf die Dinge, die sich mit meinem schwarzen Humor vermengt. Nichts ist nicht politisch, würde ich sagen. Wenn es in den sozialen Medien zu politisch wird, erhalte ich häufig Kommentare, dass sich der Cartoon-Zeichner doch lieber auf lustige Sachen konzentrieren sollte. Unpolitisch zu sein, ist für mich als Cartoonist aber eher befremdlich. Allerdings war ich auch kein Freund vom Bild eines sinkenden Schiffs mit Ampel. Das musste schon etwas mehr sein.

Elon Musk bietet viel Stoff

Donald Trump, Alice Weidel oder Elon Musk – politisch ist viel los und verschafft der Satire wohl Hochkonjunktur. Sie haben sicher viel zu tun.

Kurz vor unserem Gespräch habe ich Elon Musk gezeichnet, der momentan ja sehr viel Stoff bietet. Da habe ich manchmal den Eindruck, dass ich mit einer Karikatur gar nicht mehr übertreiben kann. Da passiert so viel Realsatire, das macht es mir tatsächlich etwas schwerer.

In „Tot, aber lustig“ ist der Sensenmann der Hauptcharakter. Darf man eigentlich Witze über den Tod machen und wo ziehen Sie die Grenzen zwischen provokantem Humor und Respektlosigkeit – oder sollte es diese Grenze überhaupt nicht geben?

Ein Cartoon muss in nur einem Bild funktionieren. Da muss ich mit Klischees, Vorurteilen und Schubladen arbeiten. Beim Sensenmann weiß man sofort, was seine Motivation ist. Anfangs habe ich auch wütende Reaktionen bekommen. Inzwischen arbeite ich mit Hospizen zusammen, gehe auf Messen, wo es ums Sterben und den Tod geht. Ich bekomme auch Nachrichten, dass meine Kunst vielen in schwierigen Zeiten geholfen hat. Humor hilft, den Alltag zu vergessen. So legitimiert sich das für mich.

Auch negative Rückmeldungen

Und haben Sie jemals einen Cartoon gezeichnet, der eine besonders starke Reaktion hervorgerufen hat?

Zuletzt gab es zu Weihnachten eine starke Reaktion auf einen Cartoon mit dem Sensenmann, der ins Seniorenheim reinplatzt und „Last Christmas“ ruft. Das war einigen zu viel. Negative Rückmeldung bekomme ich auch, wenn ich Sachen zur AfD mache. Dann sind die Kommentare besonders heftig. Da muss man sich ein dickes Fell anschaffen.

Gibt es ein Thema, das Sie niemals behandeln würden?

Erst mal schließe ich nichts aus, aber ich mag Humor nicht so sehr, der nach unten tritt.

Wichtige Denkanstöße

Glauben Sie, dass Cartoons das Potenzial haben, gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen?

Man kann sicherlich Denkanstöße geben. Aber wirklich etwas verändern kann man eher nicht. Von der eigenen Blase bekommt man Applaus, und die anderen empören sich. Das bleibt dann in Erinnerung. Ein Beispiel dafür ist Charlie Hebdo, wo wir gerade zehnjähriges Gedenken gefeiert haben.

Welchen Rat würden Sie jemandem geben, der gerne mit dem Cartoon-Zeichnen anfangen möchte?

Anfangen! Vor allem die Idee ist erst mal wichtig und weniger das perfekte Zeichnen. Und dann heißt es, machen, und irgendwann wird es besser.

Termin. 6. Februar, Michael Holtschulte, „Tot, aber lustig – das Ende ist nah“, Helene P., Obere Weinsteige 9, S-Degerloch; 20 Uhr

Michael Holtschulte

Zeichner
 Michael Holtschulte, 44, zeichnet seit seinem 15. Lebensjahr als Cartoonist, Karikaturist und Illustrator für Tageszeitungen und Verlage.

Auszeichnung
Der zweifache Familienvater lebt in Essen. Bekannt wurde er vor allem durch die Cartoon-Reihe „Tot, aber lustig“. Letztes Jahr gewann er den deutschen Karikaturenpreis.  

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