Interview mit Schauspielchef „An Kultur und Bildung darf nicht gespart werden!“

Stuttgarts Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski Foto: Lichtgut

Das Schauspiel der Stuttgarter Staatstheater liefert gerade Premieren am laufenden Band. Intendant Burkhard C. Kosminski sieht allerdings große Gefahren durch die Sparpolitik der Stadt.

Kultur: Tim Schleider (schl)

Morgens „Hamlet“-Probe, abends „Hamlet“-Probe, dazwischen Bürozeit und bei einer anderen Produktion in den Proben vorbeischauen – der Arbeitstag eines Stuttgarter Schauspielintendanten kann ganz gut gefüllt sein. Burkhard C. Kosminski nimmt sich trotzdem zwischendurch Zeit für ein Gespräch.

 

Herr Kosminski, kürzlich war ich zu Besuch in einer Vorstellung Ihres Hauses, in der zum Schluss nicht geklatscht wurde. Nach einigen Minuten verließ das Publikum schweigend den Saal. Eine ungewöhnliche Erfahrung.

Sie sprechen sicher von einer Aufführung der „Ermittlung“ von Peter Weiss. Tatsächlich gibt es da an manchen Abenden zum Schluss Beifall, an anderen keinen. Unsere Schauspieler und alle im Team sind darauf eingestellt, am Ende womöglich keinen Applaus zu ernten. Und wenn es Beifall gibt, so ist besprochen, dass sich das Ensemble nur kurz verbeugt– aus Respekt vor dem, was zuvor zur Sprache kam.

Die Premiere des Stücks, das auf den Prozessakten des Frankfurter Auschwitz-Prozesses von 1963 bis 1965 basiert und selbst der Dramaturgie eines Strafprozesses folgt, fand Ende September im Stuttgarter Landtag statt. Spätere Aufführungen gab es im Landgericht. War es schwer, dort für eine solche Theateraktion Gastrecht zu bekommen?

Gar nicht. Frau Aras, die Landtagspräsidentin, war sofort begeistert. Und auch das Entgegenkommen des Landgerichts ist riesig, weil es selbst thematisch stark engagiert ist. Eine Ausstellung im Haus beschäftigt sich gerade mit den 423 Menschen, die zwischen 1933 und 1945, verurteilt von der Nazi-Justiz, in einem Hof des Gebäudes hingerichtet wurden. Unsere Aufführungen in einem Verhandlungssaal dort machen den Abend für viele Zuschauer wahrscheinlich noch dichter und berührender.

„Die Ermittlung“ im Stuttgarter Landtag Foto: Staatstheater/Ingrid Hertfelder

Das Interesse an Karten ist wohl sehr groß, aber auch der Aufwand Ihres Hauses. Wie oft werden Sie die „Ermittlung“ in dieser Saison noch spielen können?

Wir wollen die „Ermittlung“ ein paar Jahre lang spielen. Es gibt bereits Gastspielanfragen für die Saison 2026/27. Wir können und wir wollen damit an die unterschiedlichsten Orte ziehen, in verschiedenste Säle. Für uns ist das jetzt ein fester Baustein in unserem Spielplan: Wie können wir in einen Diskurs über Demokratie gehen ohne erhobenen Zeigefinger – indem wir nämlich schlicht zeigen, woher wir kommen, was unsere geschichtliche Verpflichtung ist.

Nicht nur die „Ermittlung“ hat Ihrem Haus zu Beginn der neuen Saison viel positive Berichterstattung beschert: Zwei Uraufführungen mit Stücken von Tomer Gardi und Thomas Köck, eine hoch theatralische Inszenierung über Thomas Melles autobiografischen Roman „Die Welt im Rücken“, großes Schauspielertheater im Beziehungsdrama „Wer hat Angst vor Virginia Woolf …?“ – da hat das Schauspiel gleich in den ersten zwei Monaten der Spielzeit ganz schön was gestemmt.

Nicht zu vergessen unser Familienstück „Die unendliche Geschichte“, ein großer Theater-Bilderreigen, der hoffentlich viele kleine und große Menschen zum Staunen bringen wird. Aber die Bewertungen sind Sache des Publikums und der Presse.

Das Publikum reagiert mit stabil starkem Interesse. Am Ende der vergangenen Saison konnte die Schauspiel-Sparte bei den zur Verfügung stehenden Plätzen mit einer Auslastungsquote von über 80 Prozent abschließen. Wenn man bedenkt, dass Sie hier vor sieben Jahren ein von Ihrem Vorgänger recht offensiv leer gespieltes Haus übernommen haben und dann gleich noch on top die Corona-Krise zu bewältigen hatten, ist das ein enormer Erfolg.

Natürlich freuen uns die Zahlen sehr. Wir haben hier in Stuttgart ein tolles Publikum. Wir überlegen uns, welche Themen für die Stadt virulent sind und planen langfristig mit unseren künstlerischen Gastteams und mit dem Ensemble. Wir befragen die bekannten Texte der Literatur neu. Wir beschäftigen uns mit aktuellen Themen der Gegenwart. Und wir bemühen uns um eine möglichst enge Vernetzung mit anderen wichtigen Akteuren in der Region. Meine Intendantenkollegin Barbara Mundel hat einmal gesagt, das Theater müsse „the Heart of the City“ sein, also das Herz der Stadt. In diesem Sinn möchte das Schauspiel Stuttgart Theater für die Stadt sein.

Szene aus: „Die Welt im Rücken“ Foto: Staatstheater/Julian Baumann

Und Sie wissen immer genau, für wen Sie das alles machen?

Nach der Publikumsbefragung der Staatstheater und einer großen Milieustudie, die wir als Schauspiel im vergangenen Jahr in Auftrag gegeben haben, wissen wir das relativ genau. Die gesamte Kulturlandschaft steht, was das Publikum angeht, vor einem gewaltigen Wandel. Die Pandemie hat das noch beschleunigt. Noch ist bei uns im Parkett ein zahlenmäßig starkes Bildungsbürgertum vertreten, aber wer wird sich in zehn, 15 Jahren für unsere Spielpläne interessieren? Deswegen ist unser Engagement in der kulturellen Bildung kein theaterpädagogisches Beiwerk, sondern Grundlagenarbeit. Am Anfang haben wir mit vier, fünf Partnerschulen zusammengearbeitet, heute sind es 137 in der ganzen Region. Und wir haben immer mehr Anfragen von Lehrern der 7. und 8. Klassen nach gemeinsamen Projekten – das sind just jene Schülerinnen und Schüler, die von manchen Einschränkungen der Corona-Jahre besonders hart getroffen wurden.

Erwartet man vom Schauspiel des Staatstheaters nicht besonders viel Nähe zu den aktuellen Debatten und damit noch mehr Nähe zum Publikum als etwa in Oper und Ballett?

Jede Sparte hat da ihre eigenen Aufgaben und ihre eigene Strategie. Aber natürlich können wir in gewisser Weise am flexibelsten auf Aktualitäten reagieren. Das Schauspiel hat den kürzesten Planungsvorlauf und die meisten neuen Produktionen in einer Saison. Die Klimakrise, Antisemitismus, die Kriege in Nahost und in der Ukraine, die Verteilungskämpfe auf dem Wohnungsmarkt, Künstliche Intelligenz – all das haben wir ja bei uns schon zum Thema gemacht. Aber manchmal ist es auch ein Nachteil, wenn ein Stück scheinbar brandaktuell ist. Ich erinnere mich an 2020, da hatte das Bundesverfassungsgericht gerade in einer Grundsatzentscheidung ein Recht des einzelnen auf selbstbestimmtes Sterben verkündet, und bei uns stand wenige Tage danach Noah Haidles Uraufführung „Weltwärts“ zum Thema Sterbehilfe auf dem Spielplan. Damals hat die aktuelle Lage die Kunst quasi überholt und damit erdrückt; alle dachten, wir wollten das Verfassungsgericht kommentieren, dabei war alles lange im Voraus geplant.

Sie wollen, wenn möglich und wo nötig, aktuell sein, aber ohne eindeutig zugespitzte Botschaft?

Das Werk, das auf der Bühne zu sehen ist, muss für sich selbst stehen. Der Zuschauende mag darin etwas für sich und seine eigene Position finden, aber er darf nie das Gefühl haben, wir wollten ihn belehren.

Ihr Haus will „Heart of the City“ sein – aber wie schlägt gerade das Herz der Stadt Stuttgart? Sie steckt mitten in einer dramatischen Wirtschafts- und Finanzkrise. Folgt da nicht zwangsläufig auch eine Krise des Selbstbildes?

Ich spüre tatsächlich im Gespräch mit Politikern, vor allem aber mit unseren Besuchern, mit Bürgern ganz große Ängste und Selbstzweifel, wie es weitergehen kann, eine große Sorge um den gesellschaftlichen Bestand, auch um die soziale Sicherung der persönlichen Zukunft. Man ahnt, dass Stadt und Region vor einer gewaltigen Transformation stehen – und ich hoffe, diese dauert nicht so lang wie beispielsweise einst im Ruhrgebiet oder in einigen Teilen Ostdeutschlands.

Burkhard C. Kosminski Foto: Lichtgut

Diese Transformation wird womöglich auch die Kulturlandschaft verändern. In Stadt und Land stehen bereits jetzt enorme Haushaltskürzungen an.

Natürlich verstehe ich, dass angesichts des deutlichen Rückgangs der Steuereinnahmen auch Ausgabenkürzungen notwendig sind. Wie die Stadt im Moment vorgeht, halte ich aber für katastrophal. Die Rasenmäher-Methode bedeutet nur Vernichtung. Ich erwarte hingegen von der Politik, vom Oberbürgermeister und den Stadträten, dass sie – im Austausch mit Stuttgarter Akteuren und Bürgern und Bürgerinnen – eine Vision entwickeln, in was für einer Stadt wir in Zukunft leben wollen. Kultur und Bildung sind zentrale Treiber für Demokratie und für ein empathisches Miteinander. Wir sind der Kitt der Gesellschaft. In diesen Bereichen darf man nicht sparen, das ist unsere Zukunft! Für die Württembergischen Staatstheater ist bei den bisherigen Plänen besonders tragisch, dass sie gemeinsam von der Stadt und vom Land betrieben werden. Dadurch verdoppeln sich die Kürzungen für uns. Und das könnte dramatische Auswirkungen haben.

Sein oder Nichtsein?

Oh, kommen wir schon zum Schluss?

Kommen wir zur nächsten großen Premiere an Ihrem Haus. Sie inszenieren den „Prinzen von Dänemark“. Wann und warum kam der Regisseur Burkhard C. Kosminski zu dem Entschluss, jetzt sei für ihn der „Hamlet“ dran?

Mit Shakespeare beschäftige ich mich ja schon länger. Aber Sie haben Recht, um den „Hamlet“ kreist man besonders lange herum, die Tradition ist einfach gewaltig. Es ist zunächst auf seine Art eine ganz ferne Geschichte, die uns dann doch wieder sehr nahe kommt.

Es wird ein aktueller „Hamlet“ in Stuttgart?

Man muss jeden Klassiker der Literatur deuten und zuspitzen, aber die Texte von Shakespeare lassen das eben auch zu. Ich hoffe, das Publikum wird dieser fiktiven Geschichte zuschauen und sich zugleich darin wiederfinden. Ich glaube aber schon, dass die „Hamlet“-Premiere ein sehr politischer Abend wird …

„Hamlet“ und „Faust“ scheinen ja immer noch die beiden Säulenheiligen des deutschen Theaters zu sein. Wird es von Ihnen vielleicht irgendwann auch noch einen Stuttgarter „Faust“ geben?

Lassen Sie sich doch bei der nächsten Spielplan-Pressekonferenz überraschen.

Der Intendant und die Premiere

Burkhard C. Kosminski
 Der gebürtige Schwenninger, Jahrgang 1961, hat in New York Regie und Schauspiel studiert. Nach Leitungstätigkeiten in Düsseldorf und Mannheim übernahm er zur Spielzeit 2018/19 als Nachfolger von Armin Petras die Intendanz des Schauspiels der Staatstheater Stuttgart.

Premiere
 Kosminski gehört zu den Intendanten, die selbst auch Regie führen – am Samstag, den 6. Dezember, präsentiert er um 19.30 Uhr seine Sicht auf William Shakespeares „Hamlet“.

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