Interview mit Stadtplanerin „Die Uni Stuttgart sollte das Thalia-Gebäude am Schlossplatz übernehmen“

Martina Baum, Direktorin des Stuttgarter Städtebau-Instituts, schlägt eine Nachnutzung des Thalia-Gebäudes vor. Foto: Frank Dölling/Imago/Lichtgut

Martina Baum leitet das Städtebau-Institut in Stuttgart. Sie sieht sich als „Lobbyistin für das Gemeinwohl“ und sagt: Die Stuttgarter City braucht mehr Räume für alle.

Geld/Arbeit: Daniel Gräfe (dag)

Trotz Ladenschließungen und Baustellen: Die Stuttgarter Innenstadt zählt zu den belebtesten und umsatzstärksten in Deutschland. Doch bei der Verweilqualität schneidet sie im Vergleich zu anderen Städten schlechter ab. Grund genug für die Stadtplanerin und Professorin Martina Baum, von der Stadt Stuttgart mehr Initiative zu fordern – und auch unkonventionelle Lösungen jenseits von Handel und Gastronomie.

 

Frau Baum, wie blicken sie als Leiterin des Stuttgarter Städtebau-Instituts auf die City?

Ich sehe mich als Lobbyistin für das Gemeinwohl: Befriedigt die Innenstadt die Bedürfnisse der Stadtbewohnerinnen und -bewohner? Das große Ziel ist, dass sich die Menschen mit ihrer Umwelt identifizieren.

Erfüllen Handel und Gastronomie diese Bedürfnisse nicht?

Natürlich sind Handel und Gastronomie, aber auch der Tourismus wichtig für Stuttgart – aber sie verfolgen auch die eigenen Interessen. Die Universität sollte die Interessen des Gemeinwohls im Auge behalten, das heißt auch die Soziokultur und die konsumfreien Räume.

Was meinen Sie damit?

Man kann eine Stadt nicht auf den Handel, auf Waren und Güter, reduzieren. Eine Stadt war schon immer ein Austausch von Wissen und Praktiken, eine Quelle von Innovationen und Zusammenarbeit. Mir geht es um diese öffentlichen Häuser, wo wir uns austauschen und gemeinsam produktiv werden können.

Haben Sie Beispiele?

Eine Vision wäre, dass die Universität das Thalia-Gebäude am Schlossplatz übernimmt. Dann hätte die Universität in der Stuttgarter Mitte eine Schnittstelle zur Stadtgesellschaft. Wir haben in Stuttgart tolle Universitäten und eine wunderbare Volkshochschule – hier könnte man diese Einrichtungen sichtbar machen und zugänglich für alle. Das würde eine ganz andere Wirksamkeit entfalten als heute.

 

Haben Sie schon den Rektor darauf angesprochen?

Bisher nicht – er würde wohl denken, dass ich spinne. Aber es ist ein grundsätzlicher Denkanstoß, denn Shopping reicht heute nicht mehr aus, um die Menschen in die Innenstadt zu locken. Wer in die Stadt geht, will nicht nur einkaufen, sondern auch etwas essen, will sehen und gesehen werden, will sich austauschen. Ein City-Besuch hat heute Event-Charakter. Shoppen können sie auch vom Sofa aus.

Wie gehen andere Städte das an?

Andere Städte wie etwa Karlsruhe haben sich – teils aus der Not heraus – breiter aufgestellt und wieder Bildungseinrichtungen, Bibliotheken oder Teile der Verwaltung in die Innenstadt geholt, dafür haben sie auch Immobilien erworben. Aber sie beziehen auch die Privatwirtschaft mit ein, um leerstehende Gebäude zu nutzen, wo es zum Beispiel Wellness-Angebote oder Coworking gibt. All das belebt die City. Die öffentliche Hand kann hier Impulse setzen oder auch private Investoren gezielt einladen.

Die Investoren sitzen oft im Ausland und sehen sich meist nicht als Stadtplaner…

Das ist tatsächlich ein Problem. In Stuttgart oder anderen Städten weiß man manchmal gar nicht, wen man anrufen soll, weil internationale Investmentfonds die Immobilien besitzen. Auf kurzem Wege etwas auszuhandeln – etwa eine Zwischennutzung oder ein niedrigerer Mietpreis – ist oft nicht möglich.

Ist das ein Grund für den Leerstand?

Neben fehlenden Genehmigungen ist das ein wichtiger Grund. Stehen Gebäude leer, ist das für die Fonds kein Problem, die Verluste können sie abschreiben. Für die City kann das fatale Folgen haben, wenn ein Abwertungs-Prozess einsetzt, bei dem ein Leerstand mehr Leerstand nach sich zieht. Die Pforzheimer Innenstadt ist hier ein Negativ-Beispiel. Wenn man Leerstand wiederbeleben muss, ist es fast schon zu spät.

Professorin für Städtebau

Person
Martina Baum, Jahrgang 1977, ist seit 2014 Direktorin des Städtebau-Instituts der Universität Stuttgart und Professorin für Städtebau und Entwerfen. Sie war Mitglied im Beirat „Zukunft Handel/Innenstadt“ in Baden-Württemberg und veröffentlichte ein Buch über die Bedeutung von öffentlichen Räumen.

Institut
Das Städtebau-Institut wurde 1964 gegründet und später zur lehr- und forschungsübergreifenden Einrichtung ausgebaut. Seit 1998 trägt es den heutigen Namen „Städtebau-Institut“. Es widmet sich der Erforschung und Gestaltung urbaner Zukünfte.

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