Iran-Demo in Stuttgart Ein Galgen für den Ajatollah und Lobgesänge auf den Schah

Neben Iranfahnen wurden auf dem Schlossplatz auch Fahnen von Israel und den USA geschwungen. Foto: Lichtgut

Am Samstag haben Hunderte an einer Demo am Schlossplatz teilgenommen. Viele wünschen sich ein Ende der Islamischen Republik und teilen auch kontroverse Positionen.

Stadtkind: Erdem Gökalp (erg)

Irgendwann muss die Polizei dann doch eingreifen. Ein Teilnehmer der Demonstration am Stuttgarter Schlossplatz hatte einen Galgen gebastelt, an dem etwas unförmig eine Puppe hing, die wohl den obersten iranischen Führer Ajatollah Ali Chamenei abbilden sollte. Die Demoteilnehmer waren sichtlich erfreut, den verhassten Anführer ihrer Heimat am Ende eines Stricks zu sehen – auch wenn es nur in Form einer Puppe war. Nach einer kurzen Diskussion mit den Beamten wurde die Puppe wieder abgebaut. Laut Polizei muss sich nun die Staatsanwaltschaft mit dem Thema befassen.

 

Die Stimmung am Schlossplatz war an diesem Samstag merklich emotional. Hunderte Teilnehmer hatten sich zusammengefunden, um ihre Ablehnung gegenüber der Islamischen Republik und ihren Anführern zum Ausdruck zu bringen. Viele iranische Flaggen wurden geschwungen, es wurden Parolen gerufen und Lieder gesungen.

Hohe Dunkelziffer an Toten

Seit fast drei Wochen laufen im Iran Proteste, die mit großer Brutalität vom Regime niedergeschlagen werden. Laut Angaben von Human Rights Watch gibt es nach 20 Tagen 3090 bestätigte Tote und 22 123 Festnahmen. Die Dunkelziffer ist wohl bedeutend höher. Im Land herrscht eine Nachrichten- und Internetsperre.

Die Menschen, mit denen man am Schlossplatz ins Gespräch kommt, stehen trotzdem in Verbindung mit ihren Angehörigen in der Heimat. „Es ist, als würde das Regime seine 92 Millionen Einwohner als Geiseln halten“, sagt eine Teilnehmerin. Sie hat die Demo an dem Tag mitorganisiert. Die Organisatoren hätten sich alle dadurch zusammengefunden, dass sie eine gemeinsame Ablehnung gegen die Führung des Irans hätten. Sie seien ein loser Zusammenschluss von Exil-Iranern. Einige von ihnen mussten das Land sogar verlassen oder fliehen. „Ich habe meine Heimat seit 33 Jahren nicht gesehen“, sagt eine Teilnehmerin. Sie sei damals im Iran gefoltert worden und habe sich zudem politisch engagiert, sagt sie.

Die Polizei musste wegen der Puppe am Galgen eingreifen. Foto: Erdem Gökalp

Auf der Demo wird ebenfalls deutlich, dass man die Ablehnung der Islamischen Republik gegen ihre Feinde Israel und die Vereinigten Staaten nicht teilt. Ein groß gewachsener Mann mit rasiertem Kopf hat sich in eine israelische Flagge gehüllt. Ihm wird von einem anderen Teilnehmer Zustimmung in Form von einem Luftkuss übermittelt.

Bilder von Donald Trump werden hochgehalten

Andere bringen durchaus kontroversere Positionen zum Ausdruck und haben Bilder des amerikanischen Präsidenten Donald Trump ausgedruckt oder schwingen US-Flaggen. „Wir haben genug von Kämpfen“, sagt eine Teilnehmerin, die eine Israel-Flagge hochält. Sie sieht die USA und auch Israel als Verbündete, die helfen könnten, dem Regime eine Ende zu bereiten. Und wenn es sein muss mit militärischer Gewalt.

Aber auch ein Name fällt an diesem Tag öfter als jeder andere. Es ist der von Reza Pahlavi. Der in den USA lebende Sohn des 1979 gestürzten Diktators ist für viele Iraner derjenige, der die Opposition einigen und eine Alternative zum Ajatollah bieten könnte. Sein Vater Schah Mohammed Reza Pahlavi sei vor vielen Jahren derjenige gewesen, der das Land modernisiert habe, bevor er gestürzt und aus dem Land vertrieben worden sei, sagt ein Iraner am Schlossplatz. Es werden daher auch in Stuttgart Parolen gerufen, die Pahlavi preisen oder Rocklieder gespielt, die seinen Namen enthalten.

Für viele scheint vergessen zu sein, dass auch der Schah das Land mit größter Gewalt geführt hatte. Sein Geheimdienst SAVAK war bekannt für äußerst brutale Foltermethoden. An einem Infostand am Schlossplatz hängen trotzdem groß ausgedruckte Bilder der Pahlavi-Familie und des alten Diktators. „Wir setzten unsere Hoffnung in Pahlavi“, sagt ein Teilnehmer. Inzwischen würden sogar alte Feinde des Schahs nach einer neuen Ära mit seinem Sohn an der Spitze des Staates rufen. Er könnte demnach helfen, das Land in eine Demokratie zu verwandeln und eine Übergangsregierung anführen. Von den Repressalien des alten Schah-Regimes will der Demo-Teilnehmer jedoch wenig wissen.

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