Hindernisse? Immer gern. Diese zu überwinden ist Kernpunkt der Sportart Parkour. Foto: IMAGO/Shotshop
Mit Mut und Körperbeherrschung über Geländer und Mauern: Parkour ist ein urbaner Hindernislauf mit immer mehr Anhängern, wie auch ein Besuch auf der Waldau zeigt.
Tom Bloch
27.05.2026 - 07:00 Uhr
Hangeln an Querstreben, hüpfen von Mauer zu Mauer, waghalsige Flugeinlagen, dazu chillige Beats aus den Lautsprechern und eine Community im Austausch: Willkommen zum fünften Parkour-Jam unterm Degerlocher Fernsehturm. Fast 200 Teilnehmer aus ganz Deutschland sind erneut der Einladung von Parkour Stuttgart gefolgt – ein Pfingst-Wochenende im Zeichen von Bewegung, Austausch und gemeinsamem Training.
So weit, so gut. Aber was ist Parkour überhaupt? „Sich mit dem eigenen Körper kreativ bewegen. Eine effiziente Fortbewegung über Hindernisse hinweg“, beschreibt Leo Brillet vom Organisationsteam des Vereins seine Sportart. Cineasten werden sich vielleicht an die atemraubende Eröffnungsszene des James-Bond-Films „Casino Royale“ erinnern, in der Daniel Craig als damals neuer Darsteller des Super-Agenten ein Statement setzte. Durch eine Großbaustelle und in schwindelerregender Höhe über einen Kranausleger jagte er einen offensichtlich Parkour-erprobten Bombenattentäter.
Der Deal rund ums Degerlocher Event: Süßigkeiten gegen sportliche Übungen. Foto: Tom Bloch
Stuttgart hat zwar auch eine Großbaustelle, aber der dort beliebteste Parkour-Treffpunkt war der Eingangsbereich zur U-Bahnhaltestelle Rathaus – bis vor deren Umbau. „Selbst Leute von außerhalb kamen extra dorthin angereist. Diese 70er-Jahre-Architektur war irgendwie der perfekte Ort für Parkour“, erinnert sich Leo Brillet und zeigt auf sein schwarzes T-Shirt. Auf der Rückseite des offiziellen „Jam“-Shirts prangt in Umrissen das Gelände um die Haltestelle. In memoriam.
Und auch das gehört zum Jam, nämlich mit rund 100 Leuten durch die Innenstadt zu ziehen und dort alle möglichen Hindernisse im Parkour-Style zu überwinden, was am vergangenen Samstagmittag erfolgte. Insgesamt erstreckte sich das Meeting über drei Tage.
Benötigt wird dabei, das hat das aktuelle Event gezeigt, nicht viel an Drumherum. Beobachtungen beim Besuch auf der Waldau: Die Jam-Teilnehmer übernachten alle in der Sporthalle, in der sie tagsüber trainieren. Und neben dem vereinseigenen Gerüst, den Sporthallen-Kästen, Schwebebalken und Matten, liegen zwecks zwischendurch anderem Zeitvertreib auch Gitarren, und in einem Raum steht sogar ein E-Piano. Überall sitzen kleine Gruppen, tauschen sich aus, beobachten andere, die sich an einem Hindernis ausprobieren, und versuchen dann, diesen „Run“ nachzumachen.
„Wir schaffen einen Raum für Begegnung und Austausch in der Parkour-Community“, sagt Leo Brillet zu dem Happening. Der Vorbereitungsaufwand hält sich in Grenzen. Was es für eine Teilnahme braucht? „Das Wichtigste ist ein für sich selbst gut anfühlender Schuh“, sagt Leo Brillet, während ein Akteur barfuß auf dem Asphalt vor der Halle seine Übungen beginnt. Jeder kann, wie er will. Es sei „eine sehr junge Sportart, die sich, nicht zuletzt durch die Gründung des Deutschen Parkour-Verbandes, stark weiterentwickelt.“
Manche machen regelmäßig Krafttraining, andere wiederum trainieren ausschließlich in der Praxis am Objekt. Aber das Wichtigste ist die Landung danach. Nicht nur, weil man ja unverletzt bleiben will. „Wenn man die Landung hört, war sie zu laut“, sagt Leo Brillet, der im Alltag als Briefzusteller arbeitet.
Die Ursprünge der Sportart liegen in Frankreich
Geschmeidigkeit ist angesagt bei den Parkourläufern, den sogenannten Traceuren. Das Wort genauso wie die Sportart kommt aus dem Französischen. Dort hat sich diese kreative Fortbewegungskunst im vergangenen Jahrhundert entwickelt. Als Stammväter gelten Raymond Belle, ein französischer Soldat und Feuerwehrmann, sowie dessen Sohn David. Der eine erprobte der Erzählung nach während seiner Militärzeit in Vietnam mit Freunden Fluchttechniken – woraus Parkour entstand. Der andere machte sich später unter anderem als Stuntman einen Namen.
Was selten in der Welt des Sports ist: Parkour wird nicht im Wettstreit praktiziert. Kein Vergleich mit Konkurrenz, sondern die Auseinandersetzung mit der eigenen Leistung. Dazu gibt es in Stuttgart auf dem Parkour-Kurs vor der Sporthalle Waldau genügend Gelegenheit für jedermann und jederfrau. Und sollte dennoch mal ein Sprung daneben gehen, ist der grüne Boden extra weich gepolstert. Der Verein bietet regelmäßig Einführungskurse an.