Jean-Michel Jarre hat bei den Jazz Open in Stuttgart elektronische Musik als betörendes Spektakel inszeniert: Bilder, Setlist und Kritik von der Show auf dem Schlossplatz.
Wer bei handgemachter Musik nur an Rock’n’Roll und Gitarren denkt, wer glaubt, elektronische Musik heißt, dass jemand einfach auf „Play“ drückt, der kennt Jean-Michel Jarre nicht. Bevor der Franzose am Freitagabend auf dem Schlossplatz das Stück „Équinoxe 7“ spielt, setzt er sich eine Brille auf, an der eine Kamera befestigt ist: Alles was er sieht und tut, wird daraufhin in Echtzeit auf die Videowände auf und neben der Bühne übertragen. „Elektronische Musik zu machen, ist wie Kochen“, sagt er, „und ich nehme euch jetzt mal mit in meine Küche.“
Jean-Michel Jarre auf der Schlossplatz-Bühne Foto: Reiner Pfisterer
Musik aus einer anderen Welt
Staunend darf man dann zusehen, wie der 76-Jährige blitzschnell an Knöpfen dreht, Regler hin und her schiebt, Hüllkurven manipuliert und seine Finger über Keyboardtasten fliegen lässt und nebenher lässig über sein Podest tänzelt. Staunend darf man dann zuhören, wie dabei Soundlandschaften entstehen, die zischen, brummen, knarren, pulsieren. Auf einmal zaubert er einen tuckernden Beat hervor. Und plötzlich ist da diese vibrierend-zitternde Synthesizer-Melodie, die schon im Jahr 1978 wie die Musik aus einer anderen Welt, aus einer anderen Zeit klang, als sich in den Hitparaden sonst nur Disconummern der Bee Gees, Softrock-Schmachfetzen von Smokie und „Das Lied der Schlümpfe“ tummelten.
Im Jahr 2025 klingt die Musik von Jean-Michel Jarre immer noch nach dem Soundtrack einer fernen Galaxie, nach Science-Fiction. Er war nicht nur, als er in den 1970ern anfing, als Außenseiter elektronische Musik zu machen, seiner Zeit weit voraus. Er ist es immer noch. Seinen Stil hat er stets weiter entwickelt, neugierig auf technische Fortschritte reagiert. Während andere sich von Künstlicher Intelligenz vor allem bedroht fühlen, sieht er darin auch die Chance, seine eigenen künstlerischen Ausdrucksformen zu erweitern. „Der Algorithmus ist dein Freund“, behauptet er in Stuttgart. Und als er das Stück „Robots Don’t Cry“ ankündigt, sagt er, eigentlich müsste der Titel nicht „Roboter weinen nicht“ lauten, sondern „Roboter weinen noch nicht“.
Jean-Michel Jarre in Stuttgart Foto: Reiner Pfisterer
Jarre tritt Mondrian, Schlemmer und Jean Paul Gaultier
Jean-Michel Jarre, der neben Kraftwerk als der wichtigste Pionier der populären elektronischen Musik gelten darf, liefert am Freitag auf dem Schlossplatz eine denkwürdige Show ab, kommt zwischen den Stücken immer wieder nach vorne an die Bühne, verrät, dass elektronische Musik mehr Gemeinsamkeiten mit Jazz und klassischer Musik als mit Rock und Pop hat. Vor allem begeistert er die 6400 Menschen im Publikum aber mit Auszügen aus Großwerken wie „Équinoxe“, „Oxygène“, „Les Chants Magnétique“ oder „Zoolook“ – und inszeniert die Musik mit betörenden Visuals und KI-Kunst als multimediales Spektakel.
Bei „Sex in the Machine“ werden die störrischen Breakbeats in einen Mondrian-Tanz der geometrischen Formen und Primärfarben übersetzt. Zum House-Groove von „Oxymore“ gibt es eine bizarr-surreale KI-Modeschau zu sehen, bei der man den Eindruck hat, Jean Paul Gaultier hätte Aliens neu eingekleidet. Während er das Stück „Zero Gravity“ langsam ausbremst, bis nur noch ein Ton übrig ist und dann wieder furios neu startet, blubbern über die Bildschirme Wesen, die aus Oskar Schlemmers Triadischen Ballett stammen könnten.
Die Poesie der elektronischen Musik
Die Nummer „Arpegiateur“ widmet Jean-Michel Jarre bei dem Konzert in Stuttgart zwar all den deutschen Elektronik-Künstlern, die ihn selbst beeinflusst haben und die er bewundert. Doch sein Zugang zur Musik ist trotzdem ein eigenständiger, der viel dem musikalischen Impressionismus verdankt. Während Kraftwerk, die drei Tage zuvor auf dem Schlossplatz aufgetreten sind, das Kalte, Unpersönliche, Technoide der elektronischen Musik betonen, bemüht sich Jarre stets darum, dieser einen organischen, poetischen Ausdruck zu verleihen.
Jarre, der der Sohn des Filmkomponisten Maurice Jarre („Lawrence von Arabien“, „Die Blechtrommel“) ist, zu diesem aber nie ein persönliches Verhältnis hatte, darf zwar schon seit den 1970er Jahren als einer der großen Innovatoren der Popmusik gelten, doch sein Alter sieht man ihm kein bisschen an. Bei seiner Show kommt er einem eher vor, wie einer der hippen DJs, die in den angesagtesten Clubs in Berlin, London oder New York auflegen. Und obwohl es viele Stücke, die er an diesem Abend spielt, schon lange Zeit gab, bevor House, Techno, Trance oder Ambient entstanden sind, wirken sie wunderbar frisch, forsch und jugendlich, wie der Mann der da so eindrucksvoll elektronische Geräte bedient.
Diese Musik scheint jedenfalls immer noch auf einem anderen Stern zu Hause zu sein. Dass im Jahr 1990 der Asteroid 4422, der Irgendwo in der Nähe des Zwergplaneten Ceres durchs Weltall zischt, zu Ehren Jean-Michel Jarres und seines Vaters auf den Namen „Jarre“ getauft wurde, ist da nur konsequent.
Samstag, 12. Juli, 21 Uhr, Bix Jazzclub: Immanuel Wilkins Quarte
Sonntag, 13. Juli, 18 Uhr, Schlossplatz: Lionel Richie (Support: José James, Vincent Varus) AUSVERKAUFT
Mit dem Konzert Lionel Richies gehen die Jazz Open am Sonntag zu Ende geht. Im Jahr 2026 findet das Festival wieder Anfang Juli statt. Informationen zum Festival gibt es hier.