Jazz Open in Stuttgart So eröffnete Dianne Reeves das Sommerfestival
Dianne Reeves hat am Mittwoch zum Auftakt der Jazz Open in der Spardawelt die German Jazz Trophy überreicht bekommen.
Dianne Reeves hat am Mittwoch zum Auftakt der Jazz Open in der Spardawelt die German Jazz Trophy überreicht bekommen.
Im Gespräch mit den Stuttgarter Nachrichten bekannte Dianne Reeves einmal, dass ihr großes Idol Sarah Vaughan sei. Ihr eifere sie nach, seit sie mit zarten fünfzehn Jahren vom berühmten US-Jazztrompeter Clark Terry entdeckt worden war. Allerdings ist es gar nicht möglich, Sarah Vaughan nachzuahmen, sagte sie, denn jede Stimme ist einzigartig wie die Person selbst. Gerade das habe sie von ihrer Inspirationsquelle, der „göttlichen Sassy“, gelernt. Mit „The Calling“ hatte sie ihr ein sehr schönes Album gewidmet. Das war 2000, zehn Jahre nach dem Tod von Sarah Vaughan. Inzwischen gehört Dianne Reeves, die 1956 in Detroit auf die Welt kam, längst selbst zum erlauchten Kreis der größten Sängerinnen in der Geschichte des Jazz. Viele sagten nach ihren Auftritten bei Barack Obama im Weißen Haus: „Dianne ist die Nummer 1!“
Reeves beherrscht locker Registersprünge, die aus samtenen Baritontiefen in glockenhelle Sopranhöhen hinaufführen, sie hat ein fabelhaftes Rhythmusgefühl, glänzt mit ihrer Melodiegestaltung, mit jazzigen Phrasierungen und lautmalerischem Scatting. Die Jazzvokalistin aus Denver hat Soul in der Stimme und Blues im Blut. Und mehr als das: Dianne Reeves ist eine über gesellschaftliche Widersprüche reflektierende Persönlichkeit mit einer warmen, den Menschen zugewandten Ausstrahlung. Geschichte schrieb sie, als sie als Erste in drei Jahren hintereinander Grammy Awards gewann. Geehrt wurde Reeves zudem mit der Ehrendoktorwürde des Berklee College of Music und der Juilliard School. Und wie begehrt sie auch heute ist, kann man daran sehen, dass die aktuelle Tour Dianne Reeves vom Start in Stuttgart zu den wichtigsten Jazzfestivals dieser Welt führt: Montreux, Juan-les-Pins, Molde, zum legendären Newport Jazz Festival, Monterey und zuletzt als Blue-Note-Künstlerin nach Minato bei Tokyo.
Doch zuvor eröffnet sie in Stuttgart das Sommerfestival Jazz Open. Das darf inzwischen zu den ganz großen gezählt werden. Geschäftsführer und Macher Jürgen Schlensog nennt es in Anbetracht der genreübergreifenden Konzeption gerne „Jazz & Beyond“. 2026, direkt nach den Auftritten in Stuttgart wird es nach Modena exportiert, der Heimat von Luciano Pavarotti und Enzo Ferrari. Mit dem aktuellen CEO Benedetto Vigna der Autofirma ist Schlensog befreundet. Für einen Jazz-Open-Ableger gibt es bestimmt schlechtere Sponsoren als den in der norditalienischen Uni-Stadt.
„Ein Leben für Jazz“ lautet der Untertitel der German Jazz Trophy. Nach Carla Bley und Dee Dee Bridgewater ist Dianne Reeves erst die dritte Frau, der die Kleinskulptur von Herbert O. Hajek übergeben wird. Das farbenfrohe Multiple, eine seriell hergestellte Arbeit wurde von den bislang 23 Preisträgern erfreut entgegengenommen und manchmal auch ein wenig erstaunt betrachtet. Reeves findet sie gleich toll und lässt sie nicht mehr aus den Augen. Überreicht haben sie Sparda-Bank-Chef Martin Buch und – ganz in Weiß - Jürgen Schlensog. Souverän durch den Abend führt - wie in den Jahren zuvor – Moderator Markus Brock, der meint, Dianne Reeves würde der prominenten Reihe der Preisträger „das Krönchen aufsetzen“. Die perfekte Laudatorin, geistreich mit dem Oeuvre von Dianne Reeves vertraut machend, ist Fola Dada, selbst eine leidenschaftliche Sängerin. Die bewundert die große Kollegin, deren Klarheit und die natürliche Leichtigkeit ihres Singens. „Immer auf den Punkt, unprätentiös und wunderbar emotional“, sagt sie. Genau das zeigt Dianne Reeves im nun folgenden Konzert mit einem exzellent eingespielten Quartett, in dem Ersatzgitarrist Chico Pinheiro verdienten Sonderapplaus bekommt. Im Zentrum dieses mitreißenden Jazz steht die mit überbordender Freude singende Dianne Reeves, deren Stimme zart klingen kann wie eine brasilianische Sommerbrise, aber auch kraftvoll wie ein Sturm. Die Songs, die von Liebe, Freiheit und Frieden erzählen, spiegeln die Stimmungen ihres und unseres Lebens. Aufmerksam lauschen die Menschen im Saal und applaudieren voller Begeisterung. Sie empfinden es als Privileg, diesen Weltstar in einem so intimen Rahmen zu erleben. Wenn die Stimme von Dianne Reeves erklingt, „steht die Welt für einen Moment still“, hatte Fola Dada vor dem Konzert gesagt. Zu Recht. Wir ergänzen: In diesem Rhythmus darf sie sich gerne weiterdrehen.