Jazz Open Konzertkritik Krawumm! So war’s bei Lenny Kravitz in Stuttgart

Bestager-Rolemodel: Lenny Kravitz begeistert am Donnerstagabend bei den Jazz Open auf dem Stuttgarter Schlossplatz 7200 Fans. Foto: JAZZ OPEN/REINER PFISTERER

„Danke, dass ihr mich in euer schönes Haus eingeladen habt!“ Lenny Kravitz ist am Donnerstag bei den Jazz Open in Stuttgart aufgetreten: Bilder, Setlist und Kritik vom Konzert auf dem Schlossplatz.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Lenny Kravitz ist der Jerry Bruckheimer unter den US-Rockstars. Er liebt überlebensgroße musikalische Effekte, verabscheut alles, was auch nur den Anschein von Langeweile erwecken könnte. Wo er ist, muss es krachen. Und am besten von Anfang an. Was beim Hollywood-Produzenten Bruckheimer die Explosionen sind, mit denen er in seinen Actionspektakel stets schon in den ersten Minuten die Leinwand erschüttert, ist bei Lenny Kravitz der Song „Are You Gonna Go My Way“. Seinen von Craig Ross’ fiesen Gitarrenriff beseelten Überhit bewahrt Kravitz beim Konzert auf dem Stuttgarter Schlossplatz nämlich nicht etwa bis zu dem Zugabenteil auf, wie es andere wahrscheinlich tun würden, sondern fällt scheppernd mit ihm mit der Tür ins Haus: Krawumm!

 

Lenny Kravitz darf so was. 7200 Besucherinnen und Besucher sind natürlich sofort aus dem Häuschen, als der coolste Dreadlock-Werbeträger seit Milli Vanilli, der auch als 60-Jähriger noch verboten gut aussieht, mit seiner Band um 20:40 Uhr und einer rabiat-rasanten Version von eben „Are You Gonna Go My Way“ zwischen wild zischendem Trockeneisnebel hervor auf die Bühne im ausverkauften Ehrenhof vor dem Neuen Schloss kommt. Zuvor sind dort bereits die Newcomerin Jules aus Böblingen sowie die Bassistin Nik West aufgetreten.

Led Zeppelin trifft Curtis Mayfield

Und auch der Rest des Programms, das Kravitz am Donnerstagabend über zwei Stunden lang in Stuttgart spielt, ist voller Knaller: von dem aufmüpfigen Guess-Who-Klassiker „American Woman“ über den Falsett-Soulschmachtfetzen „It Ain’t Over ’Til It’s Over“ oder das Riff-Ungetüm „Always On The Run“ bis zum Crossover-Meisterwerk „Fly Away“.

Kravitz wechselt von einer Flying-V-Gitarre zu einer Les Paul, spielt hier die twistende Glamrock-Nummer „I’m A Believer“, da die unwiderstehliche Powerballade „Stillness Of Heart“. Er flirtet bei „The Chamber“ auch mal mit Discobeats oder bei „Again“ mit Pophymnen. Und er vermengt immer wieder bei Songs wie „Believe“ souverän Soul und Rock, als wäre das die einfachste Sache der Welt. Nicht nur bei diesem Stück überlässt er dem Gitarristen Craig Ross, mit dem er schon seit dem Beginn seiner Musikkarriere Anfang der 1990er Jahre zusammenarbeitet, gerne mal den Platz im Scheinwerferlicht.

Ausufernde Soloeinlagen

Auch der Song „Fear“, durch den am Donnerstagabend anfangs ein verschleppter Reggae-Groove schleicht und der sich später in eine jazzige Jam verwandelt, bei der Keyboarder George Laks und vor allem Saxofonist Harold Todd Zeit für ausufernde Soloeinlagen sorgen, begleitet Kravitz schon viele Jahre. „Wart ihr da eigentlich schon auf der Welt?“, fragt er das Publikum.

Überhaupt ist Kravitz ziemlich gesprächig an diesem Abend. „Danke, dass ihr mich in eurer schönes Haus eingeladen habt“, sagt er zum Beispiel, bevor er den Song „I Belong To You“ spielt, lobt die „beautiful vibrations“ in Stuttgart und schwärmt davon, wie toll es ist lebendig zu sein, und Musik, Liebe und Gemeinschaft zu erleben. „Es gibt keinen Tag, an dem ich das für selbstverständlich halte.“ Und unserer aller Aufgabe sei es „to amplify love“, die Liebe zu verstärken.

Lenny Kravitz – der Liebesverstärker

Und seinen Job als Liebesverstärker nimmt der notorische Sonnenbrillenträger aus New York City sehr ernst an diesem Abend, verdingt sich einmal mehr, als das Bindeglied zwischen Jimi Hendrix und Curtis Mayfield, zwischen Led Zeppelin und Prince. Das gilt auch für Songs wie den knurrigen Rocker „Paralyzed“ oder den knackigen Funk „TK421“, die von seinem im Mai erschienen zwölften Album namens „Blue Electric Light“ stammen.

„Ich weiß, dass die Zeit knapp wird“, sagt Kravitz schließlich, als die behördlich vorgeschriebene Uhrzeit für das Konzertende schon ziemlich nahe ist, verspricht aber: „Wir spielen hier solange, bis sie uns den Saft abdrehen.“ Im Zugabenteil ist dann zunächst die Discofunk-Nummer „Human“ dran, bevor er seine Band noch eine Endlosversion des Soulepos’ „Let Love Rule“ spielen lässt. Irgendwann steigt er dabei von der Bühne runter ins Publikum, durchquert einmal den gesamten Ehrenhof, lässt sich von Fans umarmen, fotografieren, feiern. Und keiner dreht ihm den Saft ab. Lenny Kravitz darf so was.

Lenny Kravitz: Setlist vom Konzert in Stuttgart

  1. Are You Gonna Go My Way
  2. Minister of Rock 'n Roll
  3. TK421
  4. I’m a Believer
  5. I Belong to You
  6. Stillness of Heart
  7. Believe
  8. Fear
  9. Low
  10. Paralyzed
  11. The Chamber
  12. It Ain’t Over ’Til It’s Over
  13. Again
  14. Always on the Run
  15. American Woman
  16. Fly Away
  17. Human (Zugabe)
  18. Let Love Rule (Zugabe)

Weitere Konzerte auf dem Schlossplatz

Im Rahmen der Jazz Open finden noch folgende Konzerte auf dem Schlossplatz in Stuttgart statt: Sam Smith (Freitag, 26. Juli), Veronica Swift/Jamie Cullum (Samstag, 27. Juli), Sting (Sonntag, 28. Juli), Parov Stellar/Meute (Montag, 29. Juli).

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