Superlative, heißt es, sollten eher sparsam verwendet werden. Lassen wir stattdessen Klaus Graf zu Wort kommen, den Lead-Saxofonist der SWR-Bigband, seines Zeichens Jazzprofessor in Nürnberg: „Der Tenorsaxofonist Joe Lovano ist – neben Chris Potter – für mich seit Jahren die allerwichtigste Inspirationsquelle.“ Die Jazz Open haben nun am Donnerstag in der Sparda-Welt dem Stuttgarter Publikum die Gelegenheit gegeben, den von Jazzern hochgeschätzten Saxofonisten hautnah zu erleben.
Lovanos Spiel hat eine swingende Note
Tatsächlich ist es spannend, dem US-Amerikaner Joe Lovano zuzuschauen, wie er in die druckvoll vorwärtstreibende Musik aufspringt wie auf einen Zug, was er dann spielt und wie er unvermittelt wieder abspringt. Zur Freude all jener, denen bei modernem Jazz eher Stacheliges und Widerborstiges in den Sinn kommt, klingt Lovano oft überraschend melodisch. Das liegt daran, dass er – nicht wie andere – Licks als musikalische Bausteine verwendet, sondern dass er motivisch denkt.
Daran ist der Herr Papa nicht ganz unschuldig. Lovano senior war auch Saxofonist und hat mit seiner Band und dem jungen Joe zum Tanz aufgespielt. Seither hat das Spiel von Lovano junior diese musikantisch-swingende Note. Seine Spielfreude, nein, Spiellust überträgt sich auf alle im Saal. Da steht einer auf der Bühne, der, auch wenn ein anderer ein Solo spielt, sich mit Gesten und ausgeprägter Mimik im Innern der musikalischen Abläufe befindet.
Zwischen Tradition und Moderne
Die Zuhörerschaft nimmt er mit dem Tenorsaxofon oder der ungarischen Klarinette Tárogotó mit auf musikalische Pfade, die keiner kennt. Ausgetrampelte Wege meidet Lovano. Er ist ein Unikum, unverwechselbar vom ersten Ton an. Seine Pfade führen vom zupackenden Hard Bop zum fröhlichen Wildwuchs des Free Jazz, von durchschimmernden Blues-Harmonien einer Up-Tempo-Nummer hin zu leisen Lyrismen und warmherzigen Balladen. Viele im Publikum schließen da die Augen.
Lovano erweist sich als genialer Brückenbauer zwischen Tradition und Moderne, gehorsamem Schritt und wildem Ritt. Und doch ist dieser Jazz kein eklektizistisches Nebeneinander, sondern eine faszinierende Einheit der Vielfalt. Das Tenorsaxofon klingt schrill, dann wieder daunenweich, mal störrisch, dann geschmeidig, mal kantig und wieder schön rund. Das Konzept: Abwechslung statt Routine, Offenheit statt Enge, Begegnung statt Ego-Trip. So entsteht nach einer Weile ein Flow, den Lovano gerne „die Magie der Musik“ nennt.
Hochdynamisches Klaviertrio
Das geschieht mit dem hochdynamischen Klaviertrio von Marcin Wasilewski wie von selbst. Mit den drei Polen tritt Lovano seit 2019 auf und hat bei ECM mit „Arctic Riff“ und „Homage“ zwei hervorragende Alben eingespielt. Für die vier Jazzer, bei denen neben dem fulminanten Pianisten Marcin Wasilewski besonders Schlagzeuger Michal Miskiewicz beeindruckt, ist der Auftritt in Stuttgart „a gmähts Wiesle“. Man kennt sich, man versteht sich, man beflügelt sich.
Der Auftritt bei den Jazz Open, mit dem sie ihre Tour beginnen, wird so zu einem tollen Erfolg. Und weil man ja Superlative meiden soll, sagen wir es lieber mit dem Worten des Stuttgarter Saxofonisten Sandi Kuhn: „Das Konzert war schlicht der Hammer!“