Einmal im Jahr findet die „Jewrovision“ statt - der größte jüdische Gesangs- und Tanzwettbewerb in Deutschland. Erstmals ist Stuttgart Austragungsort.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Die Vorfreude ist groß. Geprobt, gesungen und getanzt wird bereits monatelang. Jetzt, in Kürze, steht die Generalprobe an. Für die jüdische Gemeinde in Stuttgart und ihre Jugendgruppe HaLev (übersetzt: das Herz), Sieger des Jewrovision 2024, geht es um viel. Wie in den beiden Vorjahren wollen sie sich bei der Jewrovision dem größten jüdische Event des Jahres am 15. Mai in Stuttgart, von ihrer besten Seite zeigen. Es ist immerhin ihr Heimspiel!

 

Die Konkurrenz ist groß und dürfte kaum weniger ehrgeizig sein. Neben HaLev treten zwölf weitere jüdische Jugendgruppen zu dem Wettbewerb an. Sie kommen aus ganz Deutschland und tragen so klangvolle Namen wie Emet Nürnberg feat, Am Echad Bayern, We.Zair Westfalia Emuna Dortmund, Neschama München, Jachad Köln & Kavanah Aachen oder Olam Berlin. Insgesamt mehr als 1200 jüdische Jugendliche ab 14 Jahren werden im Internationalen Kongresszentrum der Stuttgarter Messe erwartet. Eine Riesenshow mit selbstgebauten Kulissen, aufwendigen Choreografien und Videos. Allein bei HaLev, der Stuttgarter Gruppe, werden mehr als 40 Kinder und Jugendliche auf der Bühne stehen und alles geben. Es geht um Musik, um Texte, um Tanz und noch um viel mehr.

Lars Neuberger von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) nennt die Veranstaltung „das lautstarke Statement der nachfolgenden jüdischen Generationen, die ihre Identität modern, kreativ und mit großem Selbstverständnis leben. Sie erheben ihre Stimmen für Hoffnung, Zusammenhalt, für jüdisches Leben in Deutschland und für eine positive Zukunft.“ Das spiegelt sich auch im Motto des Jewrovision 2026: „Voices of hope“, Stimmen der Hoffnung.

Der vom Zentralrat der Juden in Deutschland jährlich ausgerichtete Wettbewerb orientiert sich am Vorbild des Eurovision Song Contest. Er ist der größte überregionale Gesangs- und Tanzwettbewerb der jüdischen Jugendzentren in Deutschland und zugleich eingebettet in ein sogenanntes Mini-Machane, eine Form des Jugendaustausches. Auf den Wettbewerb am Freitag, 15. Mai, folgen am Samstag Gottesdienste, Workshops und andere gemeinsame Aktivitäten, die den Zusammenhalt stärken sollen. Den Abschluss bildet eine große Party in der Messe, bei der die Jugendlichen auch via Leinwand verfolgen werden, was „der große Bruder“ so macht – der Eurovision Song Contest, der am am selben Abend in Wien stattfindet.

Partystimmung beim Jewrovision 2025 in Dortmund Foto: Jewrovision

Boris Karasik ist neben Igal Shamailov einer der beiden Roschim (hebräisch Köpfe; eine gängige Bezeichnung für Jugendleiter in der jüdischen Jugendarbeit). Die beiden sind seit Monaten mit den Vorbereitungen beschäftigt, bereuen aber keine Sekunde davon. „Wir sind unfassbar stolz, dass der Jewrovision zum ersten Mal im Ländle stattfindet“, sagt Karasik und fügt schmunzelnd hinzu: „So haben die anderen auch mal Gelegenheit, die schönsten Seiten Deutschlands zu sehen.“ Einiges an Lokalpatriotismus schwingt mit, wenn er sagt: „Wir haben Stuttgart nicht nur auf die Karte geholt. Stuttgart soll auch auf der Karte bleiben!“ Und natürlich will Stuttgarter Jugendgruppe HaLev mit ihrem Auftritt an die Erfolge der vergangenen Jahre anknüpfen. Es geht ihnen aber nicht nur ums Gewinnen. Wichtiger sei es, ein gemeinsames Wochenende zu verbringen, dass dazu beiträgt, dass sich die Jugendlichen wohl und gefestigt fühlen, betont Karasik.

Die rund 1200 Jugendlichen werden komplett koscher verpflegt.

Die Stuttgarterin Bärbel Mohrmann, die für die IRGW auch die jüdischen Kulturwochen betreut und viel Erfahrung in der Organisation von Veranstaltungen hat, ist tief beeindruckt, von dem, was rund um die Jewrovision alles stattfindet, vor allem von dem Wie: „Das ist bis ins kleinste Detail hochprofessionell geplant“, sagt sie. Die rund 1200 Jugendlichen würden beispielsweise komplett koscher verpflegt. Sie selbst hat ein Sigthseeing-Programm organisiert getreu dem Motto ihres früheren Chefs, Alt-OB Wolfgang Schuster: „Wenn jemand nach Stuttgart kommt, soll er hinterher auch wissen, dass er in Stuttgart war.“ Das klingt wie ein Versprechen an die 1200 jungen Gäste.

Barbara Traub hat sich für Stuttgart als Austragungsort stark gemacht

Dabei war es keineswegs selbstverständlich, dass Stuttgart Austragungsort der Jewrovision wird, obwohl die Wahl üblicherweise auf den Heimatort der jeweiligen Jewrovision-Sieger fällt. Die Stuttgarter hatten vor zwei Jahren den Wettbewerb in Hannover gewonnen. Mangels Raumkapazitäten fand die Jewrovision 2025 dann jedoch in Dortmund statt „Stuttgart fehlen schon seit langem Räume für Großveranstaltungen“, sagt Mohrmann. Die Stadt sei anders als München, Frankfurt oder Düsseldorf weiterhin nicht gut aufgestellt. Außerdem seien viele Veranstaltungsräume im Vergleich mit anderen Städten zu teuer. Es sei ganz wesentlich der Hartnäckigkeit von IRGW-Vorstandsprecherin Barbara Traub zu verdanken, dass sich der Zentralrat der Juden letztlich für Stuttgart als Austragungsort entschieden habe, betont Mohrmann. Die Landesregierung habe sich ebenfalls dafür eingesetzt und die Stuttgarter Messe die räumlichen Möglichkeiten geschaffen.

Für Sicherheit ist gesorgt

Die Sicherheit ist dabei ein großes Thema, denn der große Musik- und Tanzwettbewerb, der unter der unter der Schirmherrschaft von Bundesbildungsministerin Karin Prien und Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper steht, findet in keiner heilen Welt statt. Die nötigen Vorkehrungen seien getroffen, heißt es. Gleichwohl steht die Veranstaltung auf der Messe allen Interessierten offen. Tickets für den Wettbewerb am 15. Mai kosten 15 Euro, ermäßigt 10 Euro. Beginn ist um 14 Uhr. Spätestens um 18 Uhr stehen die Sieger fest. Dann nämlich beginnt der Schabbat.