Jörg Kachelmann räumt mit Klima-Vorurteilen auf Württemberg schlägt Baden

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Die Schwaben brauchen keineswegs mehr wegen des Wetters neidisch nach Baden zu blicken, sagt der Meteorologe Jörg Kachelmann. Dafür müssen die Freiburger jetzt ganz stark sein.

Nicht immer ist es in Freiburg abends so schön wie auf diesem Bild. Oft kommen Quellwolken. Foto: AP
Nicht immer ist es in Freiburg abends so schön wie auf diesem Bild. Oft kommen Quellwolken. Foto: AP

Freiburg/Stuttgart - Über Baden lacht die Sonne, über Schwaben die ganze Welt – von diesem Spruch müssen sich die Gelbfüßler jetzt wohl verabschieden. Der Meteorologe Jörg Kachelmann (59) hat ermittelt, dass der württembergische Landesteil im langjährigen Mittel viereinhalb Stunden mehr Sonne im Jahr abbekommt als Baden.

Kachelmann ist nicht nur ein erfahrener Wetterbeobachter, sondern als Schweizer in badisch-schwäbischen Fragen absolut neutral. Er ließ seine Zahlen auf der Grundlage der Werte des Deutschen Wetterdienstes (DWD) ermitteln. Demnach verzeichneten die württembergischen Wetterstationen in den vergangenen 20 Jahren durchnittlich 1676,6 Sonnenstunden im Jahr, auf einst badischem Hoheitsgebiet waren es nur 1672,1.

Der Schwarzwald ist schuld

Was am badischen Selbstverständnis kratzen dürfte, kommt für Kachelmann nicht überraschend. Der Unterschied sei zwar statistisch wenig signifikant, doch er lasse sich erklären. Vor allem der Schwarzwald sei schuld. Weite Teile Badens liegen im so genannten Luv des Gebirges. Die Westwinde müssen den Schwarzwald hoch. „Das macht Wolken und Regen“, sagt Kachelmann. Württemberg profitiere vom entgegengesetzten Phönomen. Im so genannten Lee fallen die Winde, werden trocken und warm. Zudem wirke sich positiv aus, dass ein Teil des Allgäus zu Württemberg gehört. „Da gibt es weniger Nebel.“

„Badischer Wein – von der Sonne verwöhnt.“ Dieser Werbespruch könnte im Lichte der neuen Erkenntnisse ausgedient haben. Besonders hart trifft es Freiburg. Die Stadt, die sich immer noch brüstet, die „sonnigste Großstadt Deutschlands“ zu sein, lande bei den Temperaturen nicht einmal unter den ersten 20. Es belaste ihn „mehr als eine Milchschnitte“, twitterte Kachelmann jüngst, wenn immer wieder „eine herausgehobene Rolle in Sachen Wärme für Freiburg zusammenphantasiert“ werde. Zuvor hatte das Magazin der Deutschen Bahn das Vorurteil aufgewärmt.

Freiburger Hauswand-Klima

Auch Freiburg liegt auf der Luv-Seite des Schwarzwalds. Die Sonne lugt erst spät über die Gipfel. Abends sammeln sich häufig Quellwolken vor dem Höllental. Trotzdem lebt die Legende weiter und hat sich in Internetportalen und bei Reisemagazinen verselbstständigt. Der Deutsche Wetterdienst ist daran nicht unschuldig. Jahrelang meldete die Freiburger Wetterstation tatsächlich Spitzenwerte. Die Wetterfrösche hatten ihre Messgeräte ausgerechnet an einer Sonnen beschienenen Hauswand installiert.

Das verfälschte die Ergebnisse. „Die Werte haben mehr über das Klima an einer Hauswand ausgesagt, als über die Temperaturen in Freiburg“, sagt Kachelmann. Inzwischen zog die Anlage auf den Flugplatz im Freiburger Westen um. Seither stehen moderate Werte in den Büchern. Die Durchschnittstemperatur beträgt 11,19 Grad. Anderswo ist es im Mittel fast ein Grad wärmer.

Jetzt geht’s nach Waghäusel

Allerdings löst die meteologische Klarstellung auch außerhalb von Freiburg keine Freudenstürme aus. „Toll, dann geht der nächste Urlaub nach Köln-Stammheim, Frankfurt-Westend, Duisburg-Baerl“, murren Nutzer auf Twitter. Die drei Standorte waren in den vergangenen Jahren die Top drei der wärmsten Orte Deutschlands. Und auch in Baden-Württemberg sind die wärmeren Pflaster nicht unbedingt die heißeren. Vorne rangieren touristische Kleinode wie Mannheim (bundesweit Platz vier), Waghäusel (5) und Rheinstetten (9).