John Neumeiers „Epilog“ beim Hamburg Ballett Würdiger Abschluss einer langen Karriere

Begegnungen, Berührungen, Verabschiedungen: „Epilog“ Foto: dpa/Daniel Bockwoldt

Die Tanzlegende John Neumeier verabschiedet sich nach 51 Jahren als Intendant vom Hamburg Ballett: In „Epilog“ gibt sich der letzte große Meister des Erzählballetts überraschend abstrakt – und übt sich auf beeindruckende Weise in der Kunst des Loslassens.

Eigentlich hätte es diesen Abschied schon vor einem Jahr geben sollen. Geplant war, dass John Neumeier seine Intendanz beim Hamburg Ballett nach 50 Jahren mit der Uraufführung „Dona Nobis Pacem“ krönen sollte. Daraus wurde nichts – Nachfolger Demis Volpi kam 2023 noch nicht aus seinem Leitungsposten in Düsseldorf frei, Neumeier musste noch eine Saison dranhängen. Ein Glücksfall.

 

Die vergangenen Monate nutzte der scheidende Ballettindendant, um sein Erbe zu ordnen: Er zeigte Wiederaufnahmen von Stücken, die ihm wichtig waren, darunter Entdeckungen wie die überraschend heutige „Odyssee“ (1995). Als Neuproduktion gab es nur eine der in Hamburg seltenen Gastchoreografien: Die Zürcher Ballettchefin Cathy Marston studierte mit dem Ensemble „Jane Eyre“ ein, eine Arbeit, die wohl vor allem die Aufgabe hatte, Neumeiers eigene Produktionen umso heller scheinen zu lassen. Und jetzt, kurz vor Spielzeitschluss und als Eröffnung der Hamburger Ballett-Tage, die letzte Premiere: „Epilog“.

Der Choreograf möchte „Erwartungen ausschließen“

Ein Epilog ist in der Literatur ein Nachwort, ein paar Sätze, die nach dem Ende eines Theaterstücks oder einer Erzählung folgen und die das eben Abgeschlossene noch einmal zusammenfassen, in einem neuen Licht erscheinen lassen, Fragen beantworten, Fragen aufwerfen, einen Ausblick in die Zukunft geben.

Der studierte Literaturwissenschaftler Neumeier kennt diese Bedeutung natürlich, geht aber anders an seine letzte Kreation als Hausherr heran: Für ihn wichtig ist der Aspekt des Nachgeschobenen, des Spielerischen, das zwar einen Mehrwert fürs Publikum haben kann, das eigentliche Werk aber nicht berührt. Im lesenswerten Programmbuch bezeichnet er den Abend – nicht ohne Koketterie – als Marginalie: Er wolle „Erwartungen ausschließen“. „Nicht noch eine literarische Adaption“, heißt es da, „nicht noch eine wichtige Musikkomposition, nicht noch ein religiös inspiriertes Ballett. Einfach ein Werk – das entsteht, mit meinem Ensemble.“

Frei von Bedeutungsschwere

Und was da entsteht, ist überraschend abstrakt. Überraschend, weil Neumeier als einer der letzten großen Meister des Erzählballetts gilt, ein Ruf, den er hier konsequent ignoriert. Das macht den Abend frisch, es befreit ihn auch von der Bedeutungsschwere, die noch auf „Dona Nobis Pacem“ lastete. Näher ist „Epilog“ dem 2020er „Ghost Light“, kreiert in der Pandemie, als Tanz nur unter massiven Einschränkungen entstehen konnte: kurz aus der Abstraktion aufscheinende Bilder, die gleich wieder in einem stetigen Erinnerungsstrom verschwinden.

Neumeier entwirft das Tableau vivant einer Familie am Abendessenstisch, in das sich ein Tänzer einfügen will, aber nie wirklich dazu gehört. Später dann eine lange Menschenreihe, die sich ausdruckslos die Rampe entlang bewegt, wo Gefährten umarmt werden, um dann stumm weiterzugehen. Man denkt an die Achtzigerjahre, als die Aidsepidemie zu wüten begann, an Begegnungen, Berührungen und Verabschiedungen. Und bevor das Bild ganz klar wird, verschwimmt es auch schon wieder.

Eine ähnliche Funktion hat auch die Musik: Erinnerungen werden hier angetriggert, mit Songs von Simon & Garfunkel, Klavierstücken von Franz Schubert und Liedern von Richard Strauss, scharfklingend gespielt von David Fray (der schon bei „Ghost Light“ beteiligt war) und gesungen von Asmik Grigorian. Und zwischen diesen Erinnerungen tanzt das Ensemble, in Kostümen von Albert Kriemler, die den Hang zum Ästhetizismus, der diesem Ballett eben auch innewohnt, ansprechend unterstreichen.

Die zentralen Figuren sind nicht die großen Tanzstars

Allerdings: Ein echtes Ensemblestück hat Neumeier nicht choreografiert. Es gibt wie so oft bei ihm Figuren, die einen durch den Erinnerungsstrom leiten. Und die werden diesmal nicht von den großen Stars des Hamburg Ballett getanzt, sondern von Louis Musin und Caspar Sasse. Das sind hochtalentierte Tänzer, aber es sind eben nicht die Publikumslieblinge, Solist der eine, Aspirant der andere, während Anna Laudere oder Ida Praetorius, Matias Oberlin oder Alexandr Trusch im Hintergrund präsent sind. Was für die Ensemblestärke und für die Führungsqualitäten des Intendanten spricht, wenn man sieht, mit welcher Leidenschaft solche Hochkaräter auch kleinere Auftritte absolvieren. Es sagt aber auch etwas aus, wie Neumeier hier die Hierarchien einer klassischen Ballettkompanie zu unterlaufen versteht.

Loslassen, Zwängen widerstehen – abgeben

„Für ,Epilog‘ habe ich mir vorgenommen, möglichst das gesamte Ensemble einzubeziehen, aber nicht zwanghaft“, beschreibt Neumeier seine Personalpolitik. Und vielleicht ist der Halbsatz am Schluss ein Schlüssel zu der Arbeit: „nicht zwanghaft“. Loslassen, Zwängen widerstehen, abgeben. Ein würdiger Abschluss für eine große Künstlerkarriere.

Epilog: Vorstellungen in der Hamburger Staatsoper am 2., 4. Juli und ab November

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