Buch zur 750-Jahr-Feier Ausgefuchste Dachteler – kleines Dorf, riesiges Potenzial

Das Team hinter dem Jubiläumsbuch (von links): Ortsvorsteher Ulrich Eisenhardt, Grafikerin Maggie Jarak, Bürgermeisterin Helena Österle, Redakteur Otto Kühnle (mit Anzündholz fürs Backhaus unterm Arm), der frühere Ortsvorsteher Ralf Böhret und Birgit Breitling alias Berta Backblech. Foto: Saskia Behnsen

Ein Buch zum 750-Jahr-Jubiläum spiegelt wieder, wie viel Engagement das Ereignis bei den Menschen in dem Aidlinger Ortsteil auslöst. Das reicht andernorts für fünf Gemeinden.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Als langjähriger Lokalredakteur kannte sich Otto Kühnle in Dachtel bereits früher bestens aus. In den vergangenen zwei Jahren hat der ehemalige Chefredakteur der Kreiszeitung Böblinger Bote aber noch einige Überraschungen erlebt, mit dem Aidlinger Ortsteil und den Menschen, die dort leben. Zwei Jahre – so lange hatte es nämlich gedauert, bis Kühnle mit der Grafikerin Maggie Jarak und einem vielköpfigen Team das insgesamt 140 Seiten umfassende Jubiläumsbuch zu Dachtels 750-Jahr-Feier fertiggestellt hatten.

 

Seit einigen Tagen, pünktlich vor dem bevorstehenden Festwochenende, ist das Endprodukt im Bürgerbüro im Aidlinger Rathaus erhältlich – und macht sowohl optisch als auch inhaltlich was her. Kein Wunder, schließlich waren hier zwei Profis am Werk. Der eine ist Otto Kühnle (Jahrgang 1957) hat der stetig größer gewordenen Text- und Bildsammlung eine inhaltliche Struktur gegeben und die Beiträge von Amtsträgern, Ehrenamtlichen und Geschichtskundlern in eine thematische Reihenfolge gebracht. „Meine Leitlinie war dabei, nicht den obersten Zensor zu spielen“, erklärt er. Vielmehr sei es ihm darum gegangen, „die Authentizität der einzelnen Stimmen“ und die für ihn so verblüffende Vielfalt in dem 1400-Seelen-Ort im Heckengäu rüberzubringen.

Grafikerin Maggie Jarak war früher Artdirektorin bei ProSieben

Die zweite professionelle Kraft bei diesem Werk ist Maggie Jarak. Die Grafikdesignerin war früher bei ProSieben in München als Artdirektorin tätig und hat in dieser Zeit Logos entwickelt, die noch heute die CI des Privatsenders prägen. CI steht für Corporate Identity und genau die hat die vor 24 Jahren von München über England im Heckengäu gelandete Maggie Jarak auch für ihre neue Heimat Dachtel geschaffen. Die Rede ist von dem Dachteler Fuchs. „Es geht um einen historischen Rückblick. Deshalb blickt der Kopf zurück“, erklärt die 57-Jährige, die übrigens derzeit im Aidlinger Rathaus ihre Arbeiten ausstellt.

Nicht nur in dem Buch – überall in und um Dachtel begegnet einem seit einiger Zeit dieses Logo. Es steht für den lokalen Ortsnecknamen, für den die Dachteler in der Region bekannt sind: die Füchse. In dem hochwertig gestalteten Druckwerk im Format 21 mal 26,5 Zentimeter (etwas kleiner als Din A 4), zieht sich das Fuchslogo wie ein orangeroter Faden durch das gesamte Buch – samt verspielter Pfotenabdrücke, die wie Spuren durch die vielen Geschichten führen.

Am Ende wurden es sogar noch mehr Geschichten, als ursprünglich gedacht: In rund zehn Sitzungen mit dem Redaktionsteam kamen nämlich laut den Machern des Buchs so viele Ideen zusammen, dass aus den ursprünglich angedachten 100 Seiten am Ende 140 wurden. Das Jubiläumsbuch erzählt eine Vielzahl an Geschichten: Von der frühen Ortshistorie, die mit der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 1275 im Kodex des Klosters Hirsau beginnt, über die Dachtelerer Mühle, die hier fast viereinhalb Jahrhunderte in Betrieb war, den verheerenden Kirchenbrand von 1766 und die französische Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg bis hin zur heute beinahe vergessenen Trikotagenfabrik Wißmann, der Gründung des Fair Weltladens und Cafés und dem Bundesverdienstkreuz für Gisela Boller für ihren Einsatz mit dem von ihr gegründeten Verein Dachtel hilft kranken Kindern.

Damit aber längst nicht genug: Auch das 1839 erbaute und vor 15 Jahren sanierte Backhaus, der als Entwicklungshilfeprojekt gestartete Verein Pro Haiti, die Familiengeschichte des Schafzüchterbetriebs Schaible oder der im Landkreis wohl einmalige Sinnesspielplatz, Liederkranz, Schützenverein, Fasnetsgruppen, Heimatmuseum und Feuerwehr-Oldtimerverein – all dies sind Facetten einer sehr lebendigen Dorfgemeinschaft, die im Zuge der Jubiläumsplanung nun auch als eingetragner Verein existiert und dabei viel bewegt.

„Was hier in alle Richtungen an Engagement passiert, würde anderswo für fünf Gemeinden reichen“, zeigt sich Kühnle deshalb noch immer verblüfft, von den Eindrücken, die er in zwei Jahren Recherche und Redaktionsarbeit gesammelt hat. Dieses Engagement spiegle sich nun in diesem Jubiläumsbuch wider. Darin kommen sogar Menschen zu Wort, die den Erscheinungstag des Buchs nicht mehr erleben – so wie fast 101 Jahre alt gewordene Ur-Dachteler Ernst Breitling oder Aidlingens Alt-Bürgermeister Martin Häge, der kurz vor seinem Tod im Juli 2023 noch seine persönlichen Erinnerungen an den in seiner Amtszeit eingemeindeten Teilort niederschrieb. „Es ist ein großes Glück, dass wir so früh angefangen haben“, freut sich Otto Kühnle ganz besonders über diesen Beitrag.

Redakteur Otto Kühnle: „Da steckt so viel Herzblut drin.“

„Da steckt so viel Herzblut drin“, sagt der Calwer, der Dachtel in dem Buch als Autor und Radfahrer eine Art lyrisch-sportliche Liebeserklärung widmet. Dachtels Ortsvorsteher Ulrich Eisenhardt stimmte ihm da bei der Präsentation des Buchs zu: „All dies wäre ohne das große Engagement der Dachteler nicht möglich gewesen“, würdigte Eisenhart.

Ab dem 4. Juli wollen die Dachteler diesem Engagement noch eins draufsetzen: Mit einem Jubiläumsfest, das noch für so mache Überraschung sorgen könnte.

Buch und Festprogramm

Viel drin
Das Jubiläumsbuch ist in einer Auflage von 1000 Exemplaren erschienen. Erhältlich ist es zum Preis von 15 Euro unter anderem im Bürgerbüro im Aidlinger Rathaus. Die Gesamtproduktionskosten betragen 15 000 Euro. Darin enthalten sind Materialkosten, Honorare und wohl Tausende Arbeitsstunden aller Beteiligten.

Viel los
Höhepunkt der Jubiläumsfeierlichkeiten ist ein langes Festwochenende mit Musik, Oldtimerrallye, historischer Feuerwehrübung, Heißluftballons, Spielmobil, und weiteren Programmpunkten auf dem Festgelände im Ortskern zwischen Deufringer Straße und Aischbach. Los geht es am Freitag, 4. Juli, mit einem Festakt für geladene Gäste und DJ-Party ab 19 Uhr im Festzelt. Am 5. Juli beginnt das Programm um 14 Uhr mit Eröffnungsfeier und Fassanstich im Festzelt. Auf der Open-Air-Bühne finden ebenfalls Auftritte statt. Am Sonntag beginnt das Fest um 10 Uhr, am Montag findet ab 12 Uhr der festliche Abschluss mit Handwerker-Mittagessen und Generationentreffen sowie Konzerten am Abend statt.

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