Jugendarbeit auf den Fildern Streetworker sollen Konflikte stoppen – „Wir wollen niemanden aufgeben“

, aktualisiert am 29.01.2026 - 11:06 Uhr
In anderen Städten gibt es Streetwork seit vielen Jahren. Hier sitzen zwei Mitarbeiter der Mobilen Jugendarbeit auf der Freitreppe am Stuttgarter Schlossplatz. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Seit Oktober arbeitet Bethancourt Paez in Leinfelden-Echterdingen mit Jugendichen. Die Erwartungen an die Streetworkerin sind hoch.

Filderzeitung: Natalie Kanter (nak)

Um mit Susanne Bethancourt Paez zu sprechen, brauchen Jugendliche keinen Termin und auch keine Anmeldung. Denn die junge Frau kommt dorthin, wo sich junge Menschen in Leinfelden-Echterdingen aufhalten. Seit Oktober gehört sie zum Team des Stadtjugendrings. Sie hatte dort schon als Studentin mitarbeitet und ist nun als Streetworkerin zurückgekehrt. Im November und Dezember war sie in Stetten und in Leinfelden „streeten“, wie sie zu ihrer Arbeit sagt. Denn dort hatte es zuvor Konflikte mit mehreren Jugendgruppen gegeben.

 

Details dazu weiß Bürgermeister Carl-Gustav Kalbfell: Auf dem Neuen Markt in Leinfelden hatten Jugendliche Pflanzkübel verstellt, Mülleimer angezündet, Verpackungen und Essensreste absichtlich liegen gelassen. Den Betrieb der Leinfelder Bücherei hatten sie „durch lautes Reden, Musikabspielen und unsorgfältigen Umgang mit den Medien der Bücherei“, gestört. Ansprachen und Ermahnungen des Büchereipersonals seien nicht beachtet worden, sodass Hausverbote ausgesprochen werden mussten. In den Toiletten der Bibliothek und der VHS seien Spiegel, Waschbecken, Kloschüsseln, Handtuchspender zerstört worden.

In den Gängen der VHS seien Mobiliar und Wände durch das Verteilen von Essensresten verunstaltet worden. Auch hier seien Hausverbote erteilt worden, Anzeige wurde erstattet. Im Bonus-Markt in Stetten kam es zu Ladendiebstähle, „die teils auf Grund des Alters nicht strafrechtlich verfolgt werden konnten“, sagt Kalbfell. „Wir sprechen hier von Lärmbelästigungen, umgeworfenen Mülleimern, zurückgelassenem Müll oder gelegentlich auch Streitigkeiten der Jugendlichen untereinander“, hatte ein Polizeisprecher damals unserer Zeitung gesagt.

Gibt es einen Zusammenhang zu den Schuleinbrüchen?

Die Polizei möchte keinen Zusammenhang zwischen den Sachbeschädigungen dieser Jugendgruppen und den Einbrüchen in verschiedene Schulen auf den Fildern herstellen, ermittelt aber in alle Richtungen. Der Bürgermeister betont, dass noch nicht geklärt sei, „inwieweit es zwischen den mittlerweile gefassten Einbrecherbanden sowie den anderen Jugendgruppen Verbindungen gibt“. „Das ist Gegenstand der noch laufenden Polizeiermittlungen“, schreibt er. Erfreulich sei, dass sich die Situation in Leinfelden am Neuen Markt und in Stetten durch den Einsatz des Stadtjugendrings und der Streetworkerin beruhigt habe.

Aus der Verwaltung war zunächst die Idee gekommen, einen Sicherheitsdienst einzusetzen. „Das wollen wir nicht“, hatte Sandra Fromme, die Geschäftsführerin des Stadtjugendrings, unserer Zeitung damals gesagt. Denn es gehe eigentlich darum, herauszufinden, warum diese Gruppen für Unfrieden sorgen. Bisher hatte es keine aufsuchende Jugendarbeit in Leinfelden-Echterdingen gegeben. Mit der neuen Stelle wurde eine Lücke geschlossen. „Wir wollen junge Leute, die durchs Raster fallen, auffangen“, sagt Fromme. Und: „Wir schauen nach vorn und nicht zurück. Wir wollen niemanden aufgeben.“ Die mobile Jugendarbeit soll nun aufs gesamten Stadtgebiet ausgeweitet werden. Akteure aus verschiedenen Jugendeinrichtungen wollen mit der neuen SJR-Kollegin „streeten“ gehen. Susanne Bethancourt Paez wird dann von Mitarbeitern des christlichen Jugendcafés Dominos, des Echterdinger Jugendbüros, des Forum Stetten und des Musberger Aktivspielplatzes begleitet werden.

Die Streetworker wollen eine belastbare, tragfähige Beziehung mit den Mädchen und Jungen aufbauen. Jugendlichen solle geholfen werden, dass sie sich als ein Teil der Gesellschaft wahrnehmen. Diskriminierungen, Ausgrenzungen, Stigmatisierungen und Kriminalisierungen von jungen Menschen sollen verhindert werden.

Mit Kooperationen will der Stadtjugendring die Lebensbedingungen der jungen Menschen vor Ort verbessern und Lobbyarbeit für junge Menschen betreiben. „Wir hatten schon Kontakt mit 17 Akteuren. Wir waren in vier Gremien, um die Arbeit vorzustellen und haben schon 31 Gespräche geführt“, sagt die Streetworkerin. Sie berät und begleitet Jugendliche auch einzeln, geht mit ihnen zu anderen Einrichtungen, wo sie Hilfe finden.

Am Neuen Markt ist Konfliktmanagement das große Thema. Dazu wurde ein Arbeitskreis gegründet. Gleiches gilt für die Situation am Bonus-Markt in Stetten. Hier arbeitet die neue Streetworkerin mit dem Forum Stetten zusammen. Es gab Gespräche mit der Filialleitung und Jugendlichen, die dort unterwegs sind. „Die Erwartungen sind hoch“, sagt die SJR-Geschäftsführerin Sandra Fromme. Und gibt zu Bedenken: „Es wird immer Konflikte geben.“ Sie beschreibt die Arbeit ihrer neuen Kollegin als einen weiteren Baustein für den sozialen Frieden in der Stadt.

Die Stelle ist befristet

70 Prozent
Die Stelle umfasst 70 Prozent, der Stadtjugendring finanziert sie selbst und sie ist zunächst auf ein Jahr befristet. Im jüngsten Sozialausschuss haben sich Stadträte unterschiedlicher Couleur und auch die Jugendvertretung dafür ausgesprochen, die mobile Jugendarbeit langfristig weiterzuführen; den Stellenumfang auf 100 Prozent aufzustocken, trotz der aktuellen Haushaltslage. Im Juni soll darüber gesprochen werden.

100 Prozent?
Die Verwaltung will dem Gemeinderat noch vor der Sommerpause einen Vorschlag zur Sicherung der Finanzierung und Verstetigung des Streetworkangebots beziehungsweise der mobilen Jugendarbeit machen, betont Bürgermeister Kalbfell.

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