Jugendfußball in Stuttgart-Ost Nach Gründung der Leistungsabteilung rumort es im Verein

Die Jungen vom Stuttgart FC und FSV Waldebene gehören zum selben Verein. Die Trennung in Leistungsbereich und Breitensport ab der D-Jugend führt zuweilen zu Unmut unter den Eltern. Foto: FSV

Der FSV unterscheidet zwischen Leistungs- und Breitensport. Eltern kritisieren, dass Fußball so zu einem Privileg für Bessergestellte werde. Was ist dran an dem Vorwurf?

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Die Mail ist mit „besorgte Eltern“ unterschrieben, und sie hat es in sich. Es geht um den Jugendfußball auf der Waldebene Ost. „Seit 2023 beobachten wir eine zunehmend schwierige Lage im lokalen Fußballverein hinsichtlich der Teilhabe von Kindern aus dem unmittelbaren Stadtteil“, heißt es. Mehr als 25 Mädchen und Jungen hätten dort keinen Platz mehr bekommen, während Plätze vielfach an Kinder aus anderen Stadtteilen vergeben worden seien. Dies betreffe vor allem Kinder, die auf Unterstützung angewiesen seien und führe zu erheblichem Unmut.

 

Kritisiert wird auch die neue Vereinsstruktur des FSV. Seit einiger Zeit gibt es unter dem Dach des Gesamtvereins für den Leistungsbereich den Stuttgart FC und für den Kinder- und Breitensport den FSV Waldebene. Das vermeintliche Ziel sei die Förderung beider Bereiche, schreiben die Verfasser der E-Mail. Ihrer Meinung nach profitieren die Kinder im Breitensport deutlich zu wenig. Denn Ressourcen wie Trainer und Platzzeiten seien knapp und würden lieber in den Leistungsbereich investiert. Auch von „schwierigen Vorfällen“ ist zu lesen. So seien Kinder angeschrien worden.

Die Mail richtet sich an die Mitglieder des Stuttgarter Gemeinderats. Angesichts der hohen finanziellen Mittel, welche die Stadt in den Sport und den Verein investiere – unter anderem durch Zuschüsse für Organisation, Infrastruktur und Pendelbusse – verlangen die Verfasser eine Stellungnahme. Es gelte zu verhindern, „dass sportliche Angebote zu einem Privileg für bessergestellte Kinder werden und die gesellschaftliche Integrationskraft des Fußballs beeinträchtigt wird.“

Verein wünscht sich „Kommunikation auf Augenhöhe“

Die Mail hat auch den Vereinspräsidenten Ralf Bohlmann und den Fußball-Abteilungsleiter Thomas Christ erreicht. Allerdings nur auf Umwegen, direkt an den FSV adressiert worden war sie nicht. „Das ist nicht der Standard, wie wir kommunizieren“, sagt Ralf Bohlmann und ergänzt, dass man so keine Chance habe, mit den verärgerten Eltern ins Gespräch zu kommen. Er betont auch: „Wir sind auf breiter Front offen für Gespräche und interessiert daran, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Aber dazu brauchen wir eine Kommunikation auf Augenhöhe.“ Was ihn richtig ärgert: „In der anonymen Mail wird auch ein Trainer namentlich kritisiert. So etwas geht gar nicht.“

Der Fußball-Abteilungsleiter Thomas Christ (links) und der Vereinspräsident Ralf Bohlmann wünschen sich eine offene Kommunikation. Foto: FSV

Thomas Christ wirkt gleichermaßen angefressen und enttäuscht. Sein Herz hängt an dem Verein, er arbeitet sehr hart daran, diesen in eine erfolgreiche Zukunft zu führen. Das Konzept, Leistungs- und Breitensport voneinander zu trennen, geht maßgeblich auf ihn zurück. Das Ziel ist es, möglichst vielen Kindern gutes und passgenaues Fußballtraining und die aktive Teilnahme an Wettbewerben zu ermöglichen. Darum ist der Stuttgart FC als leistungsorientierte Fußballabteilung für die D- bis A-Jugend unter dem Dach des Gesamtvereins FSV gegründet worden. Auf die Weise kann der Verein in jeder Altersklasse theoretisch vier Mannschaften anbieten, die alle auch am Ligabetrieb teilnehmen können: zwei für den Stuttgart FC und zwei für den FSV Waldebene. Dabei sind die Mannschaftsgrößen jeweils so gewählt, dass alle Kinder und Jugendliche die Chance haben, bei den Spielen dabei zu sein und nicht nur auf der Bank zu sitzen.

Viel sei im Vorfeld darüber diskutiert worden, in welche Richtung sich der Verein weiterentwickeln soll, sagt Thomas Christ. Soll der sportliche Erfolg im Vordergrund stehen oder der Breitensport? „Alle Trainer waren sich einig, dass es um beides gehen muss“, sagt der Abteilungsleiter. Das Ergebnis ist die beschriebene Doppelstruktur.

Auf beiden Seiten gibt es unzufriedene Eltern

Bei Gesprächen mit Eltern bekommt man den Eindruck, dass Mütter und Väter auf beiden Seiten unzufrieden sind. Die, deren Kinder im Breitensport sind, kritisieren, dass zu viele Ressourcen in die starken Spieler investiert werden würden. Die, deren Kinder in der Leistungabteilung sind, bemängeln, dass es im Hinblick auf eine echte Talentförderung noch an Professionalität fehle. Nun mögen Eltern eine Klientel sein, die im Hinblick auf den eigenen Nachwuchs zuweilen nur schwer zufriedenzustellen ist. Und oft sind die negativen Stimmen lauter als die positiven. Aber dass es im Verein brodelt, ist spürbar.

Das räumen auch Ralf Bohlmann und Thomas Christ ein. In den Wochen vor den Sommerferien habe es eine gewisse Unruhe gegeben. Das sei die Zeit gewesen, in der für den Übergang von der E- in die D-Jugend entschieden worden sei, wer künftig beim Stuttgart FC und wer beim FSV Waldebene spielt. Da würden manche Eltern zu anderen Einschätzungen kommen. Zudem befinde man sich mitten in einem „Change-Prozess“, und Veränderungen brauchten Zeit. „Wir haben aber immer offen kommuniziert und versucht alle mitzunehmen“, betont Thomas Christ.

Wettbewerbsgedanke auch im Breitensport

Bei allem, was er tut, sei ihm der Wettbewerbsgedanke wichtig. Auch die Mannschaften des FSV Waldebene seien keine Fußball-AGs, betont der Abteilungsleiter. Man biete gutes Training an und erwarte von den Spielern Einsatz und Verlässlichkeit. Richtig sei auch, dass auch im Kinder- und Breitensport aus Kapazitätsgründen nicht alle Interessierten aufgenommen werden. Weil die Nachfrage größer ist als das Angebot, muss ausgewählt werden. Dabei setzt der Verein auf Probetrainings und nicht auf Wartelisten. Bis zu einem gewissen Punkt wird also selbst im Breitensport eine Auswahl über Leistung getroffen. Zumindest schaue man darauf, wer eine Mannschaft gut ergänzen könne. So formuliert es Thomas Christ und fügt hinzu: „Weil wir es uns leisten können.“

Thomas Christ und Ralf Bohlmann betonen, dass nach wie vor viele Mädchen und Jungen, die auf der Waldebene Fußball spielen, aus Stuttgart-Ost kommen – und zwar, je jünger sie sind, desto mehr. Insgesamt seien etwa 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen aus S-Ost. Den in der anonymen Mail erhobenen Vorwurf, dass vor allem Kinder, die auf Unterstützung angewiesen seien, nicht im Verein sein könnten, weisen beide weit von sich. „Wir alle geben uns große Mühe, und ich bin überzeugt, dass ein sehr großer Teil unserer Mitglieder froh ist, Teil unseres Vereins zu sein, unsere Arbeit schätzt und uns genau deshalb bei der täglichen Vereinsarbeit aktiv unterstützt“, sagt Thomas Christ.

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