Jugendherbergen-Sterben geht weiter Aus für Idylle mit Stockbett

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Ein Drittel der Jugendherbergen im Land sind in den vergangenen 15 Jahren verschwunden. Jetzt traf es Schloss Rechberg. Der Verband investiert lieber in den großen Städten.

Auf Schloss Rechenberg haben 50 Jahre lang Schüler schöne Tage verbracht. Foto: DJH
Auf Schloss Rechenberg haben 50 Jahre lang Schüler schöne Tage verbracht. Foto: DJH

Stimpfach - Die Stockbetten sind nach Rumänien abtransportiert, die Tischtennisplatten im Spielekeller sind abgebaut. Nur die Theke der Rezeption ist noch da. Doch die Zeiten, in denen auf Schloss Rechenberg bei Stimpfach (Kreis Schwäbisch-Hall) Schüler eincheckten, Spaghetti aßen, sich von der Burgmauer abseilten und im nahen Mühlweiher badeten, sind vorbei. Das Haus ist seit anderthalb Jahren geschlossen. Eigentlich soll es längst saniert werden. Jetzt hat der Vorstand des baden-württembergischen Jugendherbergswerk (DJH) entschieden, dass daraus nichts wird. Es ist die 22. Jugendherberge im Land, die in den vergangenen 15 Jahren von der Landkarte verschwindet.

Der DJH-Landesgeschäftsführer Karl Rosner sagt das, was er in solchen Fällen immer sagt: „Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht.“ Doch der Sanierungsbedarf sei immens. Die Grundmauern der Burg stammen aus dem 13. Jahrhundert, im 16. Jahrhundert wurde das Gemäuer in ein romantisches Fachwerkschloss umgebaut, zuletzt war es 1966 grundlegend modernisiert worden. Aus der damaligen Zeit stammt auch die Struktur des Gebäudes: große Schlafsäle, viele ohne fließend Wasser. Das wolle heute niemand mehr, sagt Rosner. Hinzu kämen Auflagen zum Brandschutz und zur Barrierefreiheit.

Sanierung nur bei Zuschuss

1,3 Millionen Euro hatte das Jugendherbergswerk ausgeben wollen und dabei auf einen kräftigen Zuschuss der Gemeinde gehofft. Doch schon während der Planungen liefen die Kosten davon. Zuletzt sei die Drei-Millionen-Euro-Grenze in Sicht gewesen. Es habe keine andere Wahl gegeben, als die Reißleine zu ziehen, sagt Rosner.

Früher waren die Jugendherbergen gleichmäßig über das ganze Land verteilt. Von der einen zur nächsten war es nicht mehr als ein Tagesmarsch. Doch dieses Konzept spielt schon lange keine Rolle mehr. Der DJH ziehe sich immer mehr aus dem ländlichen Raum zurück, klagt der Stimpfacher Bürgermeister Matthias Strobel (CDU). So traf es Forbach, Singen und Bonndorf. In Villingen machten die Behörden das Haus dicht wegen Mängeln beim Brandschutz. In Heidenheim kündigte die Stadt wegen Eigenbedarfs. Noch gibt es mehr als 40 Jugendherbergen im Land. Doch im württembergischen Nordosten sei nur noch die Einrichtung in Schwäbisch Hall übrig geblieben, sagt Strobel. Der Sanierungsbedarf sei teilweise gewaltig. Schloss Rechenberg habe der Verband jahrelang vernachlässigt.

Drei Kategorien von Häusern

Es gebe drei Kategorien von Häusern, erklärt der DJH-Chef Rosner. Die einen lägen in den großen Städten und touristisch interessanten Gebieten, etwa am Bodensee. Die Standorte der zweiten Kategorie ergänzten dieses Netz. Und dann gebe es die dritte Kategorie: Häuser im ländlichen Raum, wo allenfalls noch Grundschulklassen abstiegen. Hierzu gehört auch Schloss Rechenberg. Zuletzt waren dort im Durchschnitt nur noch 21 Prozent der 99 Betten belegt. Zum Vergleich: in Stuttgart sind es 65 Prozent. Der Schnitt liegt bei 42 Prozent.

Kein Wunder, dass sich der Jugendherbergsverband bei seinen Investitionen auf die Häuser der obersten Kategorie konzentriert. So wurden an den beiden Stuttgarter Standorten fast 16 Millionen Euro verbaut. Der Ausbau der Mannheimer Jugendherberge verschlang 15,2 Millionen. Auf dem Gelände der Heilbronner Bundesgartenschau eröffnet im Herbst ein Neubau für 10,5 Millionen.

Ein großzügiger Spender muss her

Derweil geht auf Schloss Rechenberg eine mehr als 50 Jahre lange Ära zu Ende. Bis zuletzt hatten die Stimpfacher gehofft und sogar einen Zuschuss in sechsstelliger Höhe für die Sanierung in Aussicht gestellt. Auf Wunsch des DJH wurde für 250 000 Euro bereits die Zufahrtsstraße gerichtet. Jetzt ist der Gemeinderat des 3200-Einwohner-Ortes sauer. „Das Geld hätten wir anderswo sinnvoller ausgegeben“, sagt der Bürgermeister. Sein Gemeinderat forderte vom DJH das investierte Geld zurück.

Dass der Verband zahlt, ist unwahrscheinlich. Rosner kündigte lediglich an, bei der Suche nach einem Käufer für das Schloss auf die Wünsche der Gemeinde Rücksicht nehmen zu wollen. Doch bisher weiß niemand, wie eine geeignete Nachnutzung aussehen könnte. Ganz ungeniert verweist Rosner deshalb auf das Beispiel Dilsberg (Rhein-Neckar-Kreis). Auch dort befindet sich die Jugendherberge auf einer Burg. Ihr Ende war schon beschlossen. Nun wird sie doch für 2,4 Millionen Euro saniert. Die Wiedereröffnung ist für Mai 2019 geplant. Ein anonymer Gönner hatte dem Herbergswerk eine Millionensumme dafür gespendet. Und in Stimpfach? Er kenne niemanden, der eine solche Summe zur Verfügung stelle, sagt der Bürgermeister.