Jugendkonferenz am Esslinger Georgii- Gymnasium Politisches Speed Dating mit erstaunlichen Ergebnissen

Unter großer medialer Aufmerksamkeit wurde an den Thementischen über Medienwahrnehmung und anderes diskutiert. Foto: Roberto Bulgrin

Bei der Jugendkonferenz am Esslinger Georgii-Gymnasium diskutierten 80 Schülerinnen und Schüler über politische Teilhabe, mediale Glaubwürdigkeit, Demokratie und vieles mehr. Dabei kommt Erstaunliches heraus.

Bei der Jugendkonferenz haben die Politiker das erste Wort. Da muss man nicht gleich Etikettenschwindel wittern. Das kann auch fürs Ernstnehmen sprechen. Im Esslinger Georgii-Gymnasium, wo am Mittwoch eine von landesweit 70 Jugendkonferenzen dieses Schuljahres stattfand, vermieden die politischen Akteure aus Stadt und Land jedenfalls jeden Von-oben-herab-Ton. Auch wenn die Parade der Video-Grußworte etwas lang geriet und zudem ein Live-Redebeitrag von Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) folgte. Immerhin erkannte er messerscharf: „Aus Betroffenen Beteiligte machen“ sei Sinn der Übung.

 

Daher ergeht in dem vor zwei Jahren vom Kultusministerium ins Leben gerufenen Format an die „erwachsene“ Politik eigentlich die Weisung: Klappe halten und zuhören – nämlich den Jugendlichen; was sie umtreibt, was ihnen Sorge oder Hoffnung macht, wie und ob sie sich auch ohne Wahlrecht politisch wirksam einbringen können. „Jugendliche möchten mitreden“, heißt es in der Projektbeschreibung des Kultusministeriums. „Sie erwarten zurecht, dass sich Entscheider dafür interessieren, was die Jugend zu aktuellen Themen denkt.“

Was zumindest die 80 gymnasialen Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den Klassen acht bis elf am Georgii denken, zeigte sich zuerst in einer spielerischen Positionsbestimmung. Glaubwürdig in Gesellschaft und Politik sind für die Schülerinnen und Schüler vor allem jüngere und seriös wirkende Menschen. Den Alten traut nur ein einziger Schüler über den Weg. Und woher beziehen die Jungen ihre Informationen? Fast ausschließlich aus dem Internet, dort aber bevorzugt aus der Online-Ausgabe der „Tagesschau“, so man sie nicht im guten alten TV guckt. „Immerhin eine seriöse Quelle“, kommentierte Schülersprecherin Maria Spaeth, die zusammen mit Franka Hemminger, Noah Schubert und Moritz Förschler – den drei weiteren Schülersprechern des Georgii – die absolut professionelle Moderation und Ablauforganisation übernommen hatte.

„Seriös“ – ein Schlüsselwort bei der Veranstaltung. Es bedeutet „ernsthaft“, „aufrichtig“, meldet also den Anspruch an, selbst ernst genommen und „nicht verarscht“ zu werden, wie ein Schüler sagte. In den Kleingruppen an den zehn Thementischen war das Wort vielfach zu hören, oft im Zusammenhang mit der Medienwahrnehmung. Das kritische Bewusstsein gegenüber digitalen Medien – „Fake News“ oder „Social-Media-Sucht“ sind die Stichworte – scheint stark ausgeprägt. „KI wird richtig gefährlich“, ist sich ein Junge sicher. Allerdings schlägt Misstrauen auch auf die mutmaßlich seriösen Medien zurück: „Ich habe“, erzählte ein Schüler, „im Fernsehen die Rede von JD Vance bei der Münchner Sicherheitskonferenz gesehen und mich gefragt, warum ich von all diesen Dingen nichts wusste“ – Dinge, die der US-Vize als Beleg für seine Behauptung vom Demokratieabbau in Europa anführte, etwa die annullierte Präsidentenwahl in Rumänien oder die Anklage eines Mannes in Schweden, der einen Koran verbrannt hat. Bei dem Schüler hat Vance erfolgreich den Eindruck erweckt, hier werde etwas verschwiegen. Wurde es zwar nicht, aber Algorithmen sind gnadenlos. Da kommt dann halt nicht vor, was sehr wohl berichtet wurde. Eine Chance für Demagogen.

Erst gelacht, dann nachgedacht

Ein anderer Schüler berichtete von der Wirkung eines Youtube-Videos auf Fünftklässler, das SPD mit Schlechteste Partei Deutschlands ausschreibt. Kam als Gag super an, bleibt aber als Wahrheit hängen, fürchtet der Schüler – und dabei ist es nur eine Meinung, die man teilen kann oder nicht. Sein Fazit: Man müsse auch Jüngere über solche Stimmungsmache aufklären; quasi nach der Devise: erst gelacht, dann nachgedacht.

Absolut professionell moderierten die Schülersprecherinnen Maria Spaeth (links) und Franka Hemminger zusammen mit den Schülersprechern Noah Schubert und Moritz Förschler die Konferenz. Foto: Roberto Bulgrin

Die Thementische, die die Schüler wie bei einem politischen Speed Dating alle paar Minuten wechseln, sind das Herzstück der Jugendkonferenz. Aus den Diskussionen werden Anliegen formuliert, die ans Kultusministerium gehen und dort, so die Beteuerung, ernst genommen werden.

Videoüberwachung? Ja bitte!

Bemerkenswert ist die Perspektive der Jugendlichen. Die Diskussion zum Thema „Sicherheit“ etwa kreiste kaum um Kriege und Konflikte, auch wenn ein Mädchen sagte, dass sie gern mehr über deren Hintergründe erfahren würde, sondern kehrte vor der eigenen Haustür. Und dort sehen vor allem Schülerinnen Handlungsbedarf, wünschen sich – ausdrücklich „trotz Datenschutz“ – mehr Überwachungskameras, mehr Polizeipräsenz, auch wenn es „nicht wie in einem Polizeistaat sein muss“ sowie Sicherheits- und Selbstverteidigungstraining in der Schule.

Anderes Thema: Ob sich gesellschaftliches Engagement lohnt, steht für die Jugendlichen nicht so sehr in Frage. Sondern ob man Zeit dafür hat. Man hat sie – zumindest im G-8-Korsett – meistens nicht. Klare Forderung: Strafferer Unterricht, weniger Schulstunden. Freizeit statt Fridays for Future? Schließt sich ja nicht aus. Das Gefühl, gegen den Klimawandel – oder die ihn ignorierende Politik – machtlos zu sein, ist sehr präsent. Ebenso die Sorge um die Demokratie. Die zunehmende Weigerung, Probleme zu hinterfragen und andere Meinungen zu tolerieren, führe zu Radikalisierung und Demokratiefeindschaft, wird analysiert.

Nur: Wer gehört zur Demokratie, wer nicht? Ausgerechnet die laut Infratest bei den Jungwählern stärkste Partei blieb bei der Politikerrunde am Ende der Jugendkonferenz außen vor: die Linke, bei der Bundestagswahl an der Spitze bei den 18- bis 24-Jährigen mit bundesweit 25 Prozent. Auch die AfD ist in dieser Altersgruppe als zweitstärkste Partei mit 21 Prozent gut dabei. Am wenigsten Zuspruch finden die Rechtspopulisten mit nur zehn Prozent bei den Wählerinnen und Wählern über 70.

Weil sie, anders als die Linken, im Landtag sitzt, war die AfD mit ihrem Abgeordneten Hans-Peter Hörner auf dem Podium vertreten. Ebenso die Esslinger Landtagsabgeordneten Andrea Lindlohr (Grüne) und Nikolas Fink (SPD), die FDP-Abgeordnete Julia Goll (FDP) und der Esslinger Stadt- und Regionalrat Tim Hauser (CDU). Sie beantworteten Fragen der Schülerinnen und Schüler. Womit die Politiker nicht nur das erste, sondern auch das nahezu letzte Wort hatten. Wie wär’s das nächste Mal umgekehrt – Politiker fragen, Jugendliche antworten?

Initiative des Kultusministeriums

Format
Die Jugendkonferenzen in Baden-Württemberg sind ein Beteiligungsformat, das auf Initiative des Kultusministeriums entstanden ist. Jugendliche sollen über Themen diskutieren, die ihnen wichtig sind, und die Ergebnisse der Politik gegenüber zur Sprache bringen. Die erste Jugendkonferenz fand 2023 statt, inzwischen ist die Nachfrage groß. Im laufenden Schuljahr finden landesweit 70 Jugendkonferenzen statt. Bewerben können sich Schulen mit Schülerinnen und Schülern ab 14 Jahren. Die Konferenzen werden mit 50 bis 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmern durchgeführt.

Resultat
Die Resultate jeder Konferenz in Form von Forderungen und Anliegen werden den jeweiligen Schulleitungen und dem Kultusministerium zugestellt. Vonseiten des Ministeriums wird beteuert, man nehme diese Ergebnisse sehr ernst. Außerdem werden sie in die Landesjugendkonferenz am Ende des Schuljahrs eingebracht. Außerdem können Schüler als Delegierte einer Konferenz deren Resultate Sozialminister Manfred Lucha oder Kultusministerin Theresa Schopper persönlich vortragen.

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