Verliebt, verlobt, schon verheiratet? Was früher selbstverständlich war, erscheint heute eher ungewöhnlich – das Für-Immer-Versprechen passt schließlich nicht zur Wisch-Und-Weg-Mentalität. Doch während den unter 30-Jährigen regelmäßig Bindungsphobien und Sprunghaftigkeit nachgesagt werden, zeigen verschiedene Studien, dass das Heiraten ausgerechnet bei dieser Generation Z in den letzten Jahren immer beliebter wurde. Werden junge Menschen also wieder traditioneller? Und wieso entscheidet man sich für eine Hochzeit in einer Lebensphase, in der einem die ganze Welt offen steht?
„Ich würde uns nicht als konservativ bezeichnen, sondern als normal“, sagt Jessica Süssespeck. Sie ist 25 Jahre alt und wird im Sommer ihren Freund Luis Wüllner heiraten, der ein Jahr älter ist als sie. Mitte zwanzig - für viele Menschen die Zeit der Selbstfindung. Die einen beenden ihre erste langjährige Beziehung oder bleiben in dieser und ziehen in die erste gemeinsame Wohnung. Andere wiederum schreiben ihre Masterarbeit und reisen danach mit ihrem Rucksack nach Südamerika. Wieder andere machen die ersten Schritte in der Berufswelt. Das Thema Hochzeit? Für die meisten noch ein Thema der Zukunft.
„Für uns ist das gar nicht so früh“, sagt Jessica. „Schließlich sind wir schon eine ganze Weile zusammen.“ Die beiden lernten sich bereits während des Studiums kennen – sechs Jahre ist das mittlerweile her. Heute wohnen sie zusammen, arbeiten im gleichen Unternehmen und verbringen die Wochenenden mit gemeinsamen Ausflügen. Sich das Ja-Wort zu geben, ist für beide der nächste logische Schritt. Am Anfang der Beziehung habe das Heiraten noch keine Rolle gespielt. Auch sei das früh verheiratet zu sein, bei beiden kein To-do in der Lebensplanung gewesen. „Aber ich habe schon immer von einer klassischen Traumhochzeit geträumt, so wie man sie aus Filmen kennt“, erzählt die Stuttgarterin, „und ich hatte schon immer den Wunsch, jemanden zu finden, den ich heiraten kann“.
Hochzeit mit 19
Bei Anja und ihrem Mann haben hingegen ungeplante Umstände zu einer frühen Hochzeit geführt. Sie war gerade 19 als sie ihrem 20 Jahre älteren Mann das Ja-Wort gab. „Ich wurde ungeplant schwanger. Von da an war irgendwie klar, dass wir heiraten wollen, um gemeinsam eine Familie zu gründen“, erzählt die heute 25-Jährige, „für unsere Familien war das ebenfalls klar und sie haben öfter danach gefragt.“ Durch die Schwangerschaft habe das Paar einen gewissen äußeren Druck wahrgenommen. Ohne Kind „hätte das Ganze vermutlich noch ein paar Jahre gedauert“. Doch die Entscheidung, so früh zu heiraten, würden Anja und ihr Mann heute wieder genauso treffen. Aber Anja sagt auch: „Im Nachhinein finde ich es etwas schade, dass wir es vor allem wegen der Schwangerschaft getan haben und es so nicht die klassische Reihenfolge war.“ Gleichzeitig sieht die 25-Jährige im Heiraten einen großen Liebesbeweis: „Es gibt mir ein Gefühl von Sicherheit und Halt, zu wissen, dass ich geliebt werde und ich mich darauf verlassen kann“.
Auch Soziolog:innen sehen in dem Wunsch zu heiraten, einen Wunsch nach Sicherheit und Beständigkeit, der vor allem durch die Schnelllebigkeit, Corona und die weltpolitische Lage in den letzten Jahren stärker wurde. Eine Studie der Plattform Elitepartner, bei der 6000 Singles und Vergebene befragt wurden, fand heraus, dass vor allem Menschen in ihren Dreißigern und Vierzigern Heiratsmuffel sind. Unter den 18- bis 29-Jährigen streben dagegen 23 Prozent den Bund der Ehe an – ein ähnlicher Wert wie bei den 60- bis 69-Jährigen. Auffällig dabei: Vor allem junge Männer sind der Meinung, dass das „Ja, ich will“ die Beziehung langfristig festigt. Im Vergleich zu Frauen zwischen 18 und 29, bei denen nur jede Zehnte daran glaubt, liegt die Zahl bei Männern im selben Alter bei rund 16 Prozent.
Nachnamensfindung läuft noch traditionell ab
Doch wie traditionell tickt nun die Stuttgarter Generation Z im Speziellen beim Thema Heiraten? Sehr traditionell und gleichzeitig gar nicht, könnte die kurze Antwort lauten. Dass die Paare, die vor den Altar treten, immer jünger werden, lässt sich zumindest in der Stadt nicht beobachten. Mehrere Wedding-Planer:innen und Brautmodenverkäufer:innen berichten davon, dass die meisten Frauen und Männer, die zu ihnen kommen, das 30. Lebensjahr bereits überschritten haben. „Die Brautpaare sind älter als früher, eher Mitte 30“, erzählt Miriam Haab, die als Floristin und Hochzeitsplanerin arbeitet.
Beim Thema Nachnamen sind die jungen Stuttgarter:innen hingegen traditionell eingestellt, zeigt die Statistik des Stuttgarter Standesamt: 2022 wurden dort 4058 Männer und 7071 Frauen unter 30 Jahren getraut. Und wer hat welchen Namen angenommen? Nur knapp 150 Männer verabschiedeten sich bei der Hochzeit von ihrem Familiennamen, bei den Frauen waren es hingegen mehr als 3300.
„Bei uns war das Thema Nachname kein Diskussionspunkt“, sagt Jessica, „wir haben uns zusammengesetzt, die Vor- und Nachteile abgewogen und uns dann für meinen entschieden.“ Für ihren Mann sei das kein Problem gewesen. Der Antrag lief hingegen traditionell ab. Wenn Jessica an ihr zukünftiges Eheleben denkt, hat sie keine besonderen Erwartungen, „ich hoffe einfach, dass es so gut weiterläuft wie bisher“.
Anja hingegen kann mit 25 auf sechs Jahre Eheleben zurückblicken. „Als symbolischer Akt bedeutet mir eine Hochzeit sehr viel und ich finde es sehr schön verheiratet zu sein und dadurch zu wissen, dass ich geliebt werde“, sagt sie. Doch daran, dass man sich nur verheiratet glücklich oder verbunden fühlen kann, glaubt sie nicht. Die intensive Verbundenheit, die sie heute zu ihrem Partner empfindet, kam vor allem durch die mittlerweile drei gemeinsamen Kinder. Dass sie einmal so früh heiraten werde und „alles so schnell kommt“, hätte sie sich früher nicht vorstellen können. Doch heute ist sie glücklich mit ihrer Entscheidung. Ob sie jungen Paaren empfehlen würde, zu heiraten, kann sie nicht beantworten, das müsse jede Person selbst entscheiden: „Eine Hochzeit sollte nur wegen der Liebe und nicht basierend auf kulturellen Traditionen stattfinden, egal in welchem Alter.“
Dieser Text erschien erstmals am 29.03.2024.