Jung verwitwet und alleinerziehend „Ich muss Mama und Papa in einem sein“

Der Verlust des Partners reißt eine Lücke für die Hinterbliebenen. Foto: KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Wenn der Partner früh stirbt: Zwei jung Verwitwete erzählen, wie sie ihre Kinder allein großziehen, mit Schmerz umgehen – und was ihnen Halt gibt.

Der Verlust des Partners reißt eine Lücke, die sich kaum in Worte fassen lässt – besonders, wenn Kinder betroffen sind. Hier erzählen Susanne K. und Oliver Scheithe von Schmerz, Hilflosigkeit und Verantwortung, aber auch von Momenten, die Kraft geben.

 

Susanne K. (40): „Bei der Diagnose war unsere Tochter drei Monate alt“

Als mein Mann im Jahr 2019 die Diagnose Glioblastom erhielt, war unsere gemeinsame Tochter gerade einmal drei Monate alt. Bei Glioblastomen handelt es sich um die aggressivste Form von Gehirntumoren im Erwachsenenalter.

Mein Mann hatte einen epileptischen Anfall und kam daraufhin ins Krankenhaus. Die Ärzte sagten, er habe noch sechs Wochen zu leben. Doch er erholte sich entgegen den Erwartungen der Ärzte, war eine Zeit lang sogar krebsfrei. Aber im Jahr 2021 wuchs der Tumor wieder. Im Sommer des Folgejahres ging es ihm immer schlechter. Ab September konnte er nichts mehr selbstständig machen. Ich pflegte ihn zu Hause. Wir haben gehofft bis zum Schluss. Ab dem 1. Oktober war er auf der Palliativstation, wo er wenige Wochen später verstarb.

Ich fand Halt in einer Selbsthilfegruppe für jung Verwitwete. Egal, wie eng man mit Freunden und Familie ist, es sind doch noch mal andere Gespräche mit Menschen, die das Gleiche erlebt haben. Bereits vor dem Tod meines Mannes hatte ich mich an die Flüsterpost, einen Verein für Kinder krebskranker Eltern, gewandt. Ich erhielt dort viele wertvolle Tipps, wie ich meiner Tochter den Tod ihres Vaters beibringen konnte. Man soll zum Beispiel nicht sagen, der Papa wird einschlafen oder weggehen, sondern es klar und deutlich aussprechen: Er wird sterben.

Die Angst vor dem Ungewissen ist für Kinder oft schlimmer als die Wahrheit, sagte man mir. Neben der Trauer musste ich mich auch mit vielen anderen Dingen auseinandersetzen. Ich hätte mir mehr Hilfe von Seiten des Staates gewünscht. Die bürokratischen Hürden rund ums Erbe haben mich im ersten Jahr viel Kraft gekostet. Wir haben uns alleingelassen gefühlt.

Meine Trauer hat sich verändert. Im ersten Jahr habe ich vor allem funktioniert, und versucht stark zu sein für meine Tochter. Man blockt viele Gefühle einfach ab, um nicht daran zu zerbrechen. Dann kamen irgendwann die Emotionen zurück, man kann einerseits wieder richtig lachen, aber auch die traurigen Gefühle kamen mit extremer Wucht. Nach wie vor kommt die Trauer in Wellen, es gibt gute Phasen, aber auch schwierige Zeiten. Aber die Erinnerungen sind nicht mehr nur traurig, sondern lösen oft auch eine Dankbarkeit aus, diesen wunderbaren Menschen als Mann und Vater meiner Tochter gehabt zu haben.

„Ich kann mir nicht vorstellen, mein Leben lang allein zu bleiben“

Ich trauere selbst und begleite die Trauer meines Kindes. Das ist manchmal sehr zermürbend. Das Verständnis der Mitmenschen habe ich nur im ersten Trauerjahr gespürt. Ich bin nun alleinerziehend und habe nicht am Wochenende einen Expartner, der das Kind nimmt oder wichtige Entscheidungen gemeinsam mit mir trifft. Viele in meinem Umfeld meinen, mir gehe es wieder gut, ich lachte ja wieder. Aber es hat sich nichts geändert. Mein Mann ist immer noch tot und ich muss immer noch alles allein entscheiden und stemmen. Allein die Arbeit und damit verbundene spontane Zusatztermine oder wenn das Kind krank ist – das ist schon eine größere Herausforderung.

Ich muss Mama und Papa in einem sein, das ist erschöpfend. Ob ich irgendwann wieder einen neuen Partner in mein Leben lasse? Tatsächlich kann ich es mir nicht vorstellen, mein Leben lang allein zu bleiben, und es war auch der Wunsch meines Mannes, dass ich gut über ihn hinwegkomme. Ob jetzt schon der richtige Zeitpunkt ist, das weiß ich nicht.

Mittlerweile ist meine Tochter sechs Jahre alt. Wir haben unseren eigenen Umgang mit der Trauer gefunden. Wir haben ein Kissen genäht aus einem seiner T-Shirts, damit sie mit ihm kuscheln kann. Für meine Tochter ist ihr Vater nach wie vor sehr präsent in ihrem Leben. Sie trauert immer noch stark. Sie möchte jeden Tag über ihn reden, sagt oft, sie wünsche sich, ihr Papa könne sie in den Arm nehmen. Manchmal ist sie wütend, weil sie in Bilderbüchern und auf Kinderfesten immer Väter sieht und sie selbst keinen mehr hat. Vor seinem Tod hat er ihr versprochen, wenn er in den Himmel kommt, nimmt er sich einen Platz am Mond, damit sie immer weiß, wo er ist. Ich bin dankbar für dieses Symbol. Noch heute schaut meine Tochter zum Mond in den Himmel.

Oliver Scheithe (59): „Plötzlich Alleinerziehender mit drei Kindern“

Im September 1998 wurde ich alleinerziehender Witwer mit drei Kindern im Alter von drei bis zehn Jahren. Ich war erst 31 Jahre alt. Wir besuchten an einem Sonntag zusammen mit unseren Kindern und Freunden eine Kirmes. Meine Ehefrau Kristin und ich waren in einem Fahrgeschäft, bei dem man aus eigener Kraft versucht, die Kabine zu einem Überschlag zu bewegen. Während des Schaukelns ist Kristin plötzlich zusammengebrochen.

Wie sich später herausstellte, hatte sie Herzkammerflimmern. Es hat rund 45 Minuten gedauert, bis die Sanitäter das Herz wieder in einen Rhythmus brachten. Nach fünf Tagen hat man die Geräte abgestellt.

Am Mittwoch hatte ich erfahren, dass der Hirntod meiner Frau festgestellt wurde. Die gesetzlich vorgeschriebene Bestätigung dieser Feststellung erfolgte am Freitag. Danach wurde ich darüber informiert, dass man die lebenserhaltenden Geräte abgestellt hatte. Kristin war erst 31 Jahre alt, als sie starb.

Ich habe gewartet, bis meine beiden älteren Kinder von Schule und Kindergarten nach Hause gekommen waren. Dann habe ich es ihnen erzählt. Meine Jüngste konnte noch nicht verstehen, was es bedeutet, wenn jemand stirbt. Das war eine Woche vor ihrem dritten Geburtstag. Kleine Kinder haben kein Gefühl für Endlichkeit. Meine sechsjährige Tochter hingegen hatte es schon verstanden. Für meinen zehnjährigen Sohn war es am heftigsten, da er die engste Bindung zu seiner Mutter hatte. Er war am Boden zerstört.

Auch ich selbst musste alles verarbeiten. Es dauert einfach eine Weile, bis sich der Schock legt und man realisiert, was da wirklich passiert ist. Man weiß es vom Kopf her, aber vom Gefühl her kann man es nicht greifen. Zumal man als plötzlich Alleinerziehender mit drei Kindern in den ersten Wochen kaum Zeit hat, zur Ruhe zu kommen.

Nach drei Monaten, als die Beerdigung vorbei und auch alles andere organisiert und fertig war, habe ich eine starke Migräne bekommen. Erst da hat sich gezeigt, was das alles für eine Belastung war. Meine Familie war grundsätzlich für mich da, aber meine Eltern und Schwiegereltern lebten 50 Kilometer weg. Ich hatte den Vorteil, dass meine Mutter Sozialarbeiterin war und mich mit Informationen versorgte, welche Hilfen man über das Jugendamt beantragen kann.

„Ich bin dankbar, dass ich so viel Unterstützung hatte“

Auch die Anteilnahme bei der Beerdigung war überwältigend. Aber ich merkte, dass viele Hemmungen und Unsicherheiten haben, wie man richtig auf Trauernde zugeht. Bei jung Verwitweten kommt schnell der Schulterklopfer und der Spruch: Du bist ja noch jung, du findest schnell eine neue Partnerin. Das finde ich einfach unangebracht. Was mich überrascht hat: Viele aus der Nachbarschaft, die ich kaum kannte, waren plötzlich für mich da, während andere, die ich als gute Freunde eingeschätzt hatte, plötzlich untertauchten.

Ich bin dankbar, dass ich so viel Unterstützung hatte. Ich denke, das geht nicht allen so. Ich glaube auch, dass ein verwitweter Mann mit kleinen Kindern schneller Hilfe bekommt als eine Frau. In unserer Gesellschaft ist es noch normaler, dass eine Frau allein mit kleinen Kindern dasteht. Einem Mann hingegen traut man das nicht so zu.

Nach dem Tod meiner Frau wurde für meine jüngste Tochter extra ein Kindergartenplatz zur Verfügung gestellt. Das war schon eine große Unterstützung und Entlastung. Meine mittlere Tochter wurde gerade eingeschult und hatte eine sehr verständnisvolle Klassenlehrerin. Für meinen Sohn war es am schwierigsten. Er war gerade erst aufs Gymnasium gekommen. Für ihn war ohnehin alles neu. Nach einem halben Jahr wechselte er vom Gymnasium auf eine Gesamtschule. Ich hatte nicht die Kapazitäten, ihn so zu unterstützen, wie es fürs Gymnasium nötig gewesen wäre.

Ich selbst bin Bankkaufmann. Ich war ein halbes Jahr lang krankgeschrieben. Danach konnte ich problemlos in Teilzeit wechseln. Meine Kinder waren vormittags durch Kindergarten und Schule versorgt, nachmittags war ich dann da.

Von Anfang an hatte ich einen großen Bedarf, mich mit anderen Betroffenen auszutauschen und suchte eine Selbsthilfegruppe für jung Verwitwete, die ich über den Verband alleinerziehender Mütter und Väter fand. Der Austausch hatte mir sehr geholfen. Im Jahr darauf entstand die Idee einer Internetseite als Treffpunkt für jung Verwitwete. Seit Weihnachten 1999 betreibe ich nun das Internetportal verwitwet.de, bei dem sich seitdem über 38 000 Betroffene angemeldet haben.

Jung Verwitwete sind in unserer Gesellschaft eine Randgruppe. Das dürfte ein Grund sein, wieso es nur so wenige Beratungsangebote und Selbsthilfegruppen gibt. Dabei ist der Austausch wichtig, denn ein junger Witwer hat andere Lebensthemen als ein Witwer im höheren Alter. Und die meisten trifft es völlig unvorbereitet. Wir selbst hatten keine Lebensversicherung abgeschlossen oder andere Vorsorgen getroffen. Auch ob man Witwerrente und die Kinder Halbwaisenrente bekommt, ist von Fall zu Fall unterschiedlich.

Die Protokolle wurden aufgezeichnet von Stefanie Unbehauen.

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