Schornsteinfeger in Stuttgart verdienen heutzutage gut, manche sind auch Energieberater. Bei einer jährlichen Reise nach Italien gedenken sie einer düsteren Ära der Kinderarbeit.
Der Arbeitstag von Phillip Kulemann beginnt am Morgen, oft um 7 Uhr. Dann macht sich der Schornsteinfegergeselle auf den Weg zu den ersten Häusern im Stuttgarter Süden – und hofft, dass die Leute den Zettel an der Tür gesehen haben, mit dem er sich eine Woche zuvor angekündigt hat. Wenn er eingelassen wird, geht es in den Heizungskeller oder an einzelne Gasthermen. Kulemann prüft den Kohlenmonoxidgehalt im Abgas, testet mit einer Tauplatte, ob irgendwo Abgas austritt, kontrolliert Leitungen auf Ablagerungen und guckt, ob irgendwas beschädigt ist.
Außerdem steigt der 22-Jährige aufs Dach. Für den Besuch aus der Redaktion hat Kulemanns Chef, Schornsteinfegermeister Marco Bracone, extra ein Flachdach beim Marienplatz im Stuttgarter Süden ausgesucht – doch wer Schornsteinfeger werden will, darf auch vor anderen Kalibern nicht zurückschrecken. „Schwindelfrei sollte man schon sein“, sagt Kulemann – und erinnert sich. „Ich hab zwei, drei Dächer gebraucht, bis ich mich an die Höhe gewöhnt hab.“ Von oben kehrt er den Kamin aus. In Stuttgart fällt dabei nur wenig Ruß an, denn die meisten Heizungen laufen mit Gas. Bei Öl- und insbesondere bei Holzheizungen müsse man dagegen mehr und öfter kehren, erklärt der Geselle. Insgesamt mache das Kehren vielleicht fünf Prozent der Tätigkeiten aus, schätzt er, das Gros der Aufgaben seien Messtätigkeiten.
Schornsteinfeger in Stuttgart – und zudem Energieberater
Dass sich die Art des Heizens wandelt, spiegelt sich im Berufsbild. Marco Bracone ist nicht nur Bezirksschornsteinfeger im Stuttgarter Süden, sondern auch Energieberater. Diesen Weg will Phillip Kulemann ebenfalls einschlagen. Auch die Aufgaben haben sich im Lauf der Zeit gewandelt. „Inzwischen reinigen wir auch Lüftungsanlagen“, sagt Bracone.
Wer den Beruf ergreifen will, sollte ein gewisses Verständnis für Physik und Chemie mitbringen, sagt Kulemann. Und: „Man sollte gut frei sprechen können, den Kontakt zu Menschen mögen, sich benehmen können, umgänglich sein“, führt er aus. In manchen Betrieben sei auch ein Führerschein Voraussetzung. „Es ist ein abwechslungsreicher Beruf, man ist viel unterwegs“, sagt Nico Knobloch, der als Lehrling bei Marco Bracone angestellt ist. „Wir haben oft eine schöne Aussicht – und sind viel unter Menschen“, ergänzt Vincent Chroszcz, ebenfalls Auszubildender.
Stuttgarter Kaminfeger fahren zusammen nach Italien
Die Atmosphäre in Bracones Team ist familiär – genauso wie die Beziehung zu den anderen Schornsteinfegerinnen und -fegern in Stuttgart. Wenn mal jemand ausfällt, helfen sie sich gegenseitig aus. Es gibt eine gemeinsame Weihnachtsfeier. Und einmal im Jahr, im September, fahren sie zusammen zum internationalen Schornsteinfegertreffen nach Santa Maria Maggiore ins italienische Piemont.
Dort gibt es ein Schornsteinfegermuseum. Und dort, im Vigezzo-Tal, gedenken sie der teils dunklen Vergangenheit ihrer Zunft: Von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts waren viele Bergbauern-Familien in dem Tal bitterarm. In ihrer Not verkauften manche eines ihrer Kinder an einen der sogenannten Padroni (Meister), welche die meist schmächtigen Jungen als lebendige Kehrbesen in Norditalien einsetzten.
Die Buben mussten sich mit Knien und Ellbogen durch enge, verrußte Kamine bis ganz nach oben stemmen und den Ruß herausraspeln. Durch viele Kamine, Tag für Tag. Und oft ohne Obdach, Nacht für Nacht. Einige bekamen kein Essen von ihren Meistern und mussten bei den Leuten darum betteln. Viele Kinder starben unter den grausamen Bedingungen. Für alle, die das Thema interessiert, hat Marco Bracone einen Filmtipp: „Die schwarzen Brüder“ (basierend auf dem gleichnamigen Buch von Lisa Tetzner).
Längst klettern Schornsteinfeger nicht mehr durch Kamine – und der Beruf ist für alle offen. „In Stuttgart gibt es auch drei selbstständige Meisterinnen“, sagt Bracone. Wer Bezirksschornsteinfeger werden will, müsse sich auf das Amt bewerben. Alle sieben Jahren wird es ausgeschrieben. Wer es bekommt, hat im Bezirk die Hoheit über staatliche Aufgaben wie die Abnahme von Feuerstätten, bei der man prüft, ob eine Heizung in Betrieb gehen darf, oder die Feuerstättenschau – ein Check der Anlagen, der zweimal innerhalb von sieben Jahren vorgeschrieben ist. Zudem dokumentieren und kontrollieren Bezirksschornsteinfeger mit dem sogenannten Kehrbuch, ob alle Arbeiten im Bezirk durch einen qualifizierten Schornsteinfegerbetrieb erledigt wurden.
Schornsteinfeger-Gesellen starten bei etwa 3200 Euro brutto
Und wie viel hoch ist das Gehalt? Es gibt einen bundesweiten Tarifvertrag. „Bei Gesellen geht es mit circa 3200 Euro brutto Einstiegsgehalt los, dann steigt es über die Jahre an auf 3500, 3600, 3700 Euro“, sagt Bracone. „Dazu kommt die Pensionskasse, in die ich für Phillip einzahle, und Vermögenswirksame Leistungen“ – also Geld, das in spezielle Anlageformen, zum Beispiel Bausparverträge, fließt. 480 Euro pro Jahr schreibt der Tarifvertrag hier vor, also 40 Euro pro Monat.
Phillip Kulemann ist inzwischen in seinem zweiten Gesellenjahr. Damit wäre er in Tarifgruppe 1. Marco Bracone zahlt dem 22-Jährigen aber etwas mehr. „Er bekommt 3700 Euro brutto, da bleiben am Ende 2500 netto übrig“, sagt der 30-Jährige. Am Ende des Jahres packe er meist noch einen Bonus drauf. Außerdem gehen sie regelmäßig zusammen essen – der Chef zahlt: „Ich sage immer, wenn es mir gut geht, soll es meinen Mitarbeitern auch gut gehen.“ In Stuttgart gebe es noch einige Betriebe ohne Gesellen, sagt Bracone. Interessierten empfiehlt er ein Praktikum. So sind auch er und seine heutigen Angestellten zu ihrem Beruf gekommen.
Familiäre Atmosphäre in der Werkstatt: Nico Knobloch, Marco Bracone, Phillip Kulemann und Vincent Chroszcz (von links). Foto: Ferdinando Iannone
Schornsteinfeger setzen auf Funktionskleidung
Den Koller, die traditionelle hochgeschlossene Arbeitsjacke, trägt das Team nur bei besonderen Anlässen. Wenn sie Spalier stehen bei Hochzeiten etwa. Oder wenn sie in Santa Maria sind. „Der Koller ist praktisch, wenn es dreckig wird“, erklärt Bracone. Wenn also eine Heizung stark rußt. Weil das in Stuttgart durch die vielen Gasheizungen aber nur selten der Fall ist, ziehen sie im Arbeitsalltag Funktionskleidung vor, die sich per Zwiebelprinzip flexibel den Temperaturen anpassen lässt.
Und was ist mit dem Zylinder, wäre der nicht praktisch? „Nein, gar nicht“, sagt Bracone und lacht. Er sei ebenfalls ein Relikt aus der Vergangenheit. Früher stellten die Schornsteinfeger demnach ihre Hüte vor den Häusern ab, damit die Leute dort ihren Lohn hineinlegen konnten.
Als Erkennungszeichen brauchen die Schornsteinfeger die Kluft ohnehin nicht: Sie sind auch so im Viertel bekannt. „Die Leute grüßen uns auf der Straße und wollen uns manchmal auch berühren“, erzählt Vincent Chroszcz. Ob mit oder ohne traditionelle Zunftkleidung: Wer für Brandschutz und damit für mehr Sicherheit sorgt, ist es in den Augen der Menschen also über die Jahre hinweg geblieben: ein Glücksbringer in Schwarz.