Jungunternehmer aus Schorndorf Start-up aus Schorndorf jagt Krypto-Betrüger
Zwei junge Unternehmer aus dem Rems-Murr-Kreis verfolgen digitale Geldflüsse – und helfen Opfern einer boomenden Betrugsmasche, ihr Geld zurückzufordern.
Zwei junge Unternehmer aus dem Rems-Murr-Kreis verfolgen digitale Geldflüsse – und helfen Opfern einer boomenden Betrugsmasche, ihr Geld zurückzufordern.
Es begann mit einem Klick – und endete in einem finanziellen Albtraum. Zwei Männer aus dem Rems-Murr-Kreis wurden im Herbst vergangenen Jahres Opfer professionell inszenierter Krypto-Betrugsmaschen. Ein 33-jähriger Schorndorfer verlor rund 50.000 Euro, ein Mann aus Winterbach sogar einen sechsstelligen Betrag. Beide glaubten, über vermeintlich seriöse Online-Plattformen in Kryptowährungen zu investieren. Doch die versprochenen Gewinne existierten nur auf gefälschten Webseiten. Als sie sich ihr Geld auszahlen lassen wollten, war es zu spät.
Die Polizei ermittelt – doch wie das Polizeipräsidium Aalen einräumt, sind diese Fälle extrem schwer aufzuklären. Die Täter sitzen oft im Ausland, verwenden KI-generierte Stimmen und nutzen Fake-Webseiten, die kaum von echten zu unterscheiden sind. Auch die Rückverfolgung der Kryptowährungen ist technisch aufwendig, und für klassische Ermittlungsbehörden meist nicht zu leisten.
Genau hier setzt ein Start-up aus dem Rems-Murr-Kreis an: Gann Labs, gegründet im Herbst 2025 von Marc Müller und David Cigeli, beide 27 Jahre alt. Die beiden kennen sich seit ihrer Schulzeit am Max-Planck-Gymnasium in Schorndorf. Cigelj war mehrere Jahre in unterschiedlichen Rollen bei einem Softwareunternehmen für Kryptobesteuerung tätig. Müller absolvierte ein Philosophiestudium. Jetzt arbeitet das Duo mit einer eigenen Firma als Kryptoforensiker, als „digitale Detektive“ für betrügerische Geldflüsse im Kryptowährungsbereich.
An den konkreten Schorndorfer und Winterbacher Fällen war die junge Firma nicht beteiligt. Sie stehen jedoch exemplarisch für die Art von Betrugsfällen, mit denen sich das Unternehmen beschäftigt: Kryptowährungen, falsche Plattformen, professionelle Täuschung. Fälle, in denen die Behörden oft nicht weiterhelfen – und in denen Opfer auf technische Expertise angewiesen sind, um ihre Verluste überhaupt nachvollziehen zu können.
Gann Labs unterstützt Betroffene durch strukturierte Analysen und Aufbereitung der betrügerischen Transaktionen auf der Blockchain. Letztere ist eine Art öffentliches Kassenbuch für Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum. Jede Transaktion wird dauerhaft gespeichert und kann theoretisch zurückverfolgt werden. Doch die Wege sind oft verschachtelt: Täter nutzen sogenannte Wallets (digitale Konten), tauschen dort zur Erschwerung der Nachvollziehbarkeit häufig Kryptowährungen und wechseln zwischen mehreren Blockchains.
Gann Labs analysiert diese Transaktionen und erstellt ein Geldflussdiagramm, das zeigt, wohin die Kryptowährungen nach der Einzahlung geflossen sind – und ob sie tatsächlich „investiert“ wurden oder direkt in andere Wallets verschwanden. „Wir sehen häufig, dass das Geld nicht wirklich angelegt wurde“, sagt Mitgründer Marc Müller. „Es wird weitergeleitet, oft in anonymisierte Wallets oder auf Kryptobörsen außerhalb der EU.“
Damit diese technischen Analysen auch juristisch verwertbar sind, arbeitet das Start-up mit spezialisierten Kanzleien zusammen – darunter auch der des Frankfurter Rechtsanwalts Max Hortmann. Hortmann, ehemals in Großkanzleien tätig, hat sich auf Krypto- und Bankenrecht spezialisiert. In seinen Fällen unterstützt ihn Gann Labs bei der digitalen Spurensuche.
„Ich sehe in der forensischen Analyse ein wichtiges Werkzeug“, sagt Hortmann. „Die Polizei ist in diesem Bereich oft nicht ausreichend ausgerüstet. Die Spurensicherung müssen wir selbst organisieren.“ Seine Kanzlei prüfe jeden Fall auf Erfolgsaussicht. Bei kleineren Schadenssummen könne sich der Aufwand kaum lohnen, doch bei größeren Fällen sei das Tracing, also die Nachverfolgung der Coins, ein entscheidender Hebel.
Die Zusammenarbeit ist lose organisiert: Gann Labs liefert Gutachten, wenn Anwälte wie Hortmann oder andere Kanzleien dies beauftragen. Auch Opfer können sich direkt an Gann Labs wenden – über die Website oder über Empfehlungen. Dann vermitteln die Gründer an rechtliche Partner, mit denen sie kooperieren, unter anderem auch Steuerexperten.
Denn was viele nicht wissen: Auch wer betrogen wurde, kann später noch Ärger mit dem Finanzamt bekommen. Ab 2026 werden Kryptoplattformen wie Binance oder Coinbase automatisch Daten an deutsche Steuerbehörden melden. Wenn über ein Wallet große Summen geflossen sind – egal ob legal oder betrügerisch –, drohen Ermittlungen wegen möglicher Steuerhinterziehung.
„Wir haben Mandanten, die betrogen wurden – und dann plötzlich Briefe vom Finanzamt erhalten“, warnt Max Hortmann. Um das zu verhindern, erstellt Gann Labs Mittelherkunftsnachweise, in denen detailliert dargelegt wird, woher die Gelder kamen und wie sie veruntreut wurden. Diese Berichte helfen, die eigene Unschuld zu belegen und finanzielle Repressalien zu vermeiden.
Nach eigenen Angaben konnten die Gründer in einem besonders spektakulären Fall helfen, eine sechsstellige Summe einer betroffenen Frau ausfindig zu machen, weil die betrügerischen Transaktionen rekonstruiert und die entwendeten Gelder eingefroren werden konnten. In manchen anderen Fällen jedoch, das räumen sie ein, müssen sie ablehnen. „Wenn die Transaktionen zu stark anonymisiert sind oder das Geld schon mehrfach umgewandelt wurde, sind unsere Möglichkeiten begrenzt“, sagt Müller.
Für Opfer mit kleineren Schäden kann das dennoch teuer werden. Ein Umstand, den auch Hortmann kritisch sieht: „Nicht jeder kann sich das leisten. Aber ohne private Hilfe bleibt vielen Betroffenen nur die Resignation.“
Die Fälle aus Schorndorf und Winterbach stehen exemplarisch für eine wachsende Welle von Internet-Betrug, die oft im Schatten des Finanzsystems stattfindet. Zwei junge Unternehmer haben das wiederum als Geschäftsmodell erkannt und versuchen, den digitalen Tätern auf die Spur zu kommen.
Firmenname
Gann Labs ist eine Hommage an William Delbert Gann, einen legendären US-Börsenspekulanten, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch seine mathematisch fundierte Chartanalyse bekannt wurde. Gann entwickelte komplexe Methoden, um Kursbewegungen an der Börse vorherzusagen – mit einem beinahe mystischen Ruf unter Tradern.
Kontakt
Informationen zu dem Startup findet man im Internet unter www.gann-labs.com. Anfragen werden telefonisch unter 0163/1594005 oder per Mail an help@gann-labs.com beantwortet.