Kabarett in Böblingen Die Wahrheit über Prinzessinnen

Rena Schwarz trumpft mit doppelbödigem Humor auf. Foto: Thomas Morawitzky

Rena Schwarz macht in ihrem neuen Programm Kabarett auf den Spuren der Brüder Grimm. Am Sonntag war sie im Alten Amtsgericht in Böblingen.

Sie kannte die böse Stiefmutter persönlich. „Man bot mir die Rolle an, keine andere wollte sie haben“, erzählt Rena Schwarz im Alten Amtsgericht am Sonntagabend. Dorthin ist sie gekommen, um mit einigen Märchen aufzuräumen – nicht nur mit dem von Rapunzel („Lass dein Haar herunter!“ – „Das sind Extensions, die waren teuer!“), sondern mit jeder Art von Prinzesinnenhaftigkeit. Rena Schwarz hat einen erweiterten Märchenbegriff, der auch die vegane Ernährung umfasst. Sie trägt ein himmelblaues T-Shirt, auf dem ein Rundgesicht mit Krönchen zu sehen ist, das die Zunge streckt. Sie spielt Gitarre und sie erfindet alte Märchen neu, mit sehr desillusionierendem Flair. „Prinzessin ist auch kein Traumjob“, so heißt ihr Programm.

 

Fast wie bei einer Zwangsehe

Fast schon gemein ist es, wie Rena Schwarz den Prinzessinnen den Schleier vom Gesicht reißt. „Du musst immer den heiraten, den der König für dich aussucht“, sagt sie, aufgeklärt. „Auch wenn es ein Frosch ist. Das grenzt für mich an Zwangsehe!“ Wie alt die Kabarettistin ist, das erfährt man nicht, jedoch das Alter, in dem Frauen von Märchenprinzen träumen hat sie hinter sich. „Immer, wenn mein kleines Mädchen zu mir kommt und sagt, wenn es groß ist will es unbedingt Prinzessin werden und einen König heiraten, dann zeige ich ihr ein Bild von König Charles.“ Ausgeträumt!

Die Kabarettistin besitzt bodenständigen Humor genug, um solche Enttäuschungen aufzufangen. Sie bezieht ihr Publikum großzügig mit ein in ihr Spiel. Sie befragt Paare. „23 Jahre verheiratet! Wie lange müsst ihr noch?“ Einer Zuschauerin empfiehlt sie, sich auf Telefonsex zu verlegen – „Mit der Stimme!“ Sie selbst lernte, als sie noch jung war – „vor 35, 36 Jahren“ – einen Mann kennen, der sah aus, wie der junge Brad Pitt. „Ich hab so ein Zittern in den Knien gehabt, als ich den Kerl gesehen habe – und dann hat der die Fresse aufgemacht, und alles war vorbei.“ Auf den Ton kommt es an.

Die Brüder Grimm, bei denen man fast alle deutschen Volksmärchen findet, mögen in Kassel gewirkt, Märchen gesammelt und an der deutschen Grammatik gefeilt haben – allein: geboren wurden sie in Hanau, unweit von Frankfurt, gleich beim Spessart, in dem all die Hexen und Wölfe zuhause sind, einem Waldgebiet, nur übertroffen vom Schwarzwald, und voller Sagen. Rena Schwarz, geboren in Bielefeld, lebt nun auf der bayrischen Seite des Spessart, späht gelegentlich hinüber und sieht dort, in Hanau-Wolfgang, in einer Sozialwohnung, ein modernes Geschwisterpaar, Jamie Maurice und Jacqueline Chantal, die von ihren arbeitslosen Eltern ausgesetzt werden im Bahnhofsviertel der Metropole. „Der Wald des Rotlichtmilieus eröffnete sich vor ihnen und sie verliefen sich.“ Jedoch: Alles geht gut aus, der weiße Ring greift ein, die Kinder kehren heim in ihre Sozialwohnung, der Vater findet Arbeit, der Sohn eine Ausbildungsstelle, die Zuhälterin wird verurteilt. „Und wenn sie nicht gestorben sind…“.

Das „Märchen der Gleichberechtigung“

So sehr Schwarz‘ Humor Klischees bedient, so doppelbödig ist er. Schließlich ist auch die Gemeine Wegwarte, vermeintliches Unkraut, längst in der feinen Küche angekommen als Chicorée und was sich auf Italienisch anhört wie eine Arie entpuppt sich im Deutschen nicht selten als Magenkrampf oder als unordentliche Dame. Mit demselben Understatement lässt Rena Schwarz vor ihrem Publikum die Geschichte der Emanzipation Revue passieren – sie erzählt „das Märchen der Gleichberechtigung“. Man hört von Männern, die Cognac trinken und lachen („Hoho ho ha ho!“) und wird daran erinnert, dass beispielsweise die Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland erst 1997 unter Strafe gestellt wurde. „Entweder das“, sagten die Frauen, „oder wir wählen die Grünen oder die SPD“ – am Sonntag in Baden-Württemberg die letztere wohl eher nicht.

Rena Schwarz, die so sehr Bodenständige, entschuldigt sich zuletzt auch bei den Veganern, den „selbsternannten Besseressern“, über die sie vorhin noch gespottet hat. Sie greift zur Gitarre und singt ein schlichtes Lied, vom Wald, in dem der Jäger umgeht und kein GPS funktioniert, sie erzählt von männlichen Wildschweinen und Wetterhexen. Sie gesteht schließlich auch, dass sie selbst ihren Märchenprinzen längst gefunden hat. Er trägt sie auf Händen. Märchenfilme schaut sie sich dennoch gerne an und trinkt Kakao dazu – „Schmeckt ja gut mit Eierlikör.“ In ihrem Spessartdorf hat sie dem Musikverein die Instrumente geklaut. Die verteilt sie nun im Alten Amtsgericht in Böblingen. Und die Zuschauer dort werden zu begeisterten Musikanten, rasseln und singen: „Holla hi, holla ho!“

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