Kürzungen bei der Schülerbeförderung und der Klimapolitik, dafür weiterhin Geld für den Hagelschutz aus der Luft: was der Kreistag des Rems-Murr-Kreises dieser Tage als Ergebnis seiner Konsolidierungsbemühungen beschlossen hat, trifft einmal mehr auf die beißende Kritik von TV-Meteorologe Jörg Kachelmann. „Die kriminelle Korruptionsenergie im Kreistag Rems-Murr würde ausreichen, einen ganzen Schurkenstaat zu betreiben“, schrieb Kachelmann gewohnt polemisch auf der Plattform X.
Seit Jahren hält der Wettermann den Hagelflug schlicht für Betrug. Es sei ein Modell, um Freizeitpiloten ihr Hobby zu finanzieren, sagte Kachelmann gegenüber dieser Zeitung. Im Rems-Murr-Kreis, wo bereits seit 45 Jahren die Hagelbekämpfung aus der Luft für weite Teile der Region Stuttgart koordiniert wird, sieht man sich hingegen als baden-württembergischer Vorreiter. 50 000 Euro stellt der Kreis dafür zur Verfügung. Neben rund 100 Partnern aus dem Obst- und Weinbau sowie der Württembergischen Gemeindeversicherung sind die Städte Esslingen und Stuttgart und der Landkreis Ludwigsburg weitere öffentliche Finanziers. Überall sind die Zuschüsse bis 2026 bewilligt.
Nur wenige Landkreise unterstützen Hagelflieger
Eine Umfrage unserer Zeitung bei den Landratsämtern im Land zeigt allerdings, dass nur die wenigsten Landkreise dem Beispiel der Region Stuttgart in ihrem Glauben an die Hagelfliegerei folgen. Nicht einmal am Bodensee, wo es viele Obstkulturen gibt, die sensibel auf Hagel reagieren, gibt es dafür öffentliche Gelder. Es sei der Behörde auch nicht bekannt, ob Hagelflieger überhaupt in der Region aktiv seien, sagte ein Sprecher des Bodenseekreises in Friedrichshafen. Die Kulturen werden in der Regel durch Netze geschützt.
Nur im Kreis Reutlingen und im Schwarzwald-Baar-Kreis erhalten die örtlichen Hagelfliegervereine Zuschüsse im niedrigen fünfstelligen Bereich. Schon im Nachbarlandkreis Tuttlingen entschied man sich allerdings gegen eine Förderung, obwohl das schwere Unwetter, das auf der Baar 2006 für große Hagelschäden gesorgt und die Gründung des Hagelfliegervereins angestoßen hatte, auch nicht ohne Eindruck geblieben war.
Fehlende Beweise für die Effektivität
Nach ausführlicher Diskussion und einer Expertenanhörung habe man die Mitgliedschaft im „Verein zur Hagelabwehr in den Landkreisen Schwarzwald-Baar und Tuttlingen“ damals abgelehnt, sagte eine Kreissprecherin. Zuletzt sei ein Förderantrag des Vereins im Jahr 2021 nach kontroverser Debatte zurückgewiesen worden. Auch im Rottweiler Kreishaus herrscht Skepsis, ob die Hagelfliegerei den erwünschten Effekt erzielt, also Größe und Anzahl der Hagelkörner deutlich verringert. „Bis heute gibt es unseres Wissens nach keine Studie, die die Wirksamkeit von Hagelfliegern eindeutig belegt“, heißt es von dort.
Tatsächlich beteiligt sich auch der Deutsche Wetterdienst (DWD) wegen grundsätzlicher Zweifel nicht an Hagelfliegerprojekten. Weil ein Ort im Schnitt nur alle 20 Jahre schwer getroffen wird, ist der statistische Nachweis eines Nutzens schwierig. Verräterisch ist, wie die Hagelabwehr Ortenau im vergangenen Jahr in ihrem Jahresbericht einen Misserfolg am Kaiserstuhl erklärte. Durch die Rotation habe sich eine Superzelle immer wieder selbst genährt. „Am Ende erwies sich ein Flugzeug als zu wenig, um den Hagelschlag zu verhindern“, heißt es weiter. Der frühzeitige Eingriff sei entscheidend. „Wenn der Hagel da ist, können wir ihn nicht zertrümmern.“
Für Kachelmann ist klar: „Die Flugzeuge sind nie dort, wo der Hagel wirklich ist, weil das Flugzeug sonst in Einzelteilen runterkäme.“ Im Rems-Murr-Kreis kennt man die Zweifel. Zuletzt hatte Landrat Richard Sigl (parteilos) daher zu einer Expertentagung eingeladen, an der sich unter anderem auch das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) beteiligte. Kachelmanns polemische Äußerung gehe am eigentlichen Thema vorbei, erklärte der Landrat zu Kachelmanns Kritik. „Umso erstaunlicher ist es, dass er sich im Rahmen der öffentlichen Fachtagung Hagelabwehr Anfang April nicht eingebracht hat.“ Dort hätte er den Diskurs mit den Experten suchen können.
Muss das Land eingreifen?
Ob mit oder ohne den Wettermann – auch bei dieser Tagung konnten lediglich Indizien gesammelt werden. Am Ende entschied man sich für eine Fortsetzung der Finanzierung. Dies sei billiger als Schäden zu riskieren. „Die Auswertung von Radarbildern vor und nach der Impfung der Gewitterwolken sowie die Erfahrungen von Versicherungen (insbesondere der Württembergischen Gemeindeversicherung) zeigen, dass der Nutzen der Hagelabwehr zur Prävention vor Hagelereignissen gesichert vorhanden ist“, fasst eine Sprecherin die damalige Lage zusammen.
Anderswo sieht man hingegen „keinen konkreten Mehrwert für den Bevölkerungsschutz“. Manche Wissenschaftler warnten auch vor ungewollten Folgen durch die praktizierte Impfung der Wolken mit Silberiodid-Partikeln, heißt es aus dem Heilbronner Landratsamt. Entscheidungen über eine Beteiligung an der Finanzierung von Hagelfliegern seien deshalb wohl weniger wissenschaftlich als „politisch und wirtschaftlich motiviert“, sagte ein Sprecher. „Angesichts der bestehenden Unsicherheiten wäre eine vom Land Baden-Württemberg veranlasste, unabhängige und umfassende Evaluierung dieser Methode dringend zu empfehlen, bevor öffentliche Mittel investiert werden.“
Die Wolkenimpfung und der gefühlte Erfolg
Methode
Bei der Wolkenimpfung bringen Flugzeuge Silberiodid-Partikel in die Gewitterwolken ein. Diese sollen als künstliche Eiskeime wirken, sodass sich mehr, aber kleinere Eiskörner bilden, die idealerweise als Regen oder kleiner Hagel zu Boden gehen.
Nachweis
Bisher gibt es international keine klaren wissenschaftlichen Belege für die Wirksamkeit. Das Problem: Es gibt keine Kontrollgruppe in der Atmosphäre. Die Betreiber der Flieger und Landwirte berichten aber von gefühlten Erfolgen – etwa weniger Ernteschäden.