Kai Häfner vom TVB Stuttgart „Auftritte wie in Coburg sind nicht akzeptabel und unentschuldbar“

Der 35-jährige Linkshänder Kai Häfner ist der erfahrenste Spieler des TVB Stuttgart. Foto: Baumann

Der TVB Stuttgart wartet noch auf den ersten Heimsieg in dieser Saison. Linkshänder Kai Häfner spricht vor dem Duell mit seinem Ex-Club MT Melsungen über die Gründe für den schwachen Saisonstart, die Erwartungshaltung im Umfeld und seinen auslaufenden Vertrag.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Der TVB Stuttgart hat in der Handball-Bundesliga 2:10 Punkte auf dem Konto, die MT Melsungen 8:2. Nicht nur deshalb ist die Favoritenrolle vor dem Duell an diesem Donnerstag (19 Uhr/Porsche-Arena) klar verteilt. TVB-Routinier Kai Häfner schätzt die Lage ein.

 

Herr Häfner, wie groß ist die Hoffnung auf den ersten Heimsieg der Saison?

Wir wollen auf jeden Fall ein besseres Spiel machen als bei unseren beiden Niederlagen in der Porsche-Arena gegen Gummersbach und Wetzlar. Melsungen hat sich im oberen Drittel festgesetzt, das wird eine sehr schwierige Aufgabe.

Zuletzt tat sich die MT beim 26:24 gegen Aufsteiger SG BBM Bietigheim schwer.

Wir konnten die Schlussphase am Sonntag im Bus schauen auf dem Weg von Kiel nach Hamburg. Ja, das war ein enges Ding. MT-Keeper Nebojsa Simic und Rückraum-Ass Dainis Kristopans haben das Spiel rumgerissen – sie waren die Matchwinner.

Sie spielten von 2019 bis 2023 in Melsungen. Ist dieses Duell noch etwas Besonderes für Sie?

Egal, ob es gegen Frisch Auf, Hannover oder Melsungen geht – man hat eine Vergangenheit bei diesen Vereinen. Aber da mach ich jetzt nicht mehr draus, zumal so viele Spieler von damals gar nicht mehr dabei sind.

Die TVB-Formkurve zuletzt in Kiel zeigte trotz der 24:29-Niederlage klar nach oben. Warum nicht immer so?

Wenn wir das wüssten, würden wir es natürlich ändern. Es hat richtig gutgetan, mal nicht nur eine Viertelstunde gut zu spielen, sondern 50 oder sogar 60 Minuten. Daran wollen wir anknüpfen und mit solch einer konstant guten Leistung dann auch Punkte holen.

Gibt es eine schlüssige Erklärung für die bedenkliche Art und Weise der Niederlagen davor?

Man darf nicht vergessen, wir hatten im Sommer einen Riesenumbruch mit sieben, acht neuen, teils sehr jungen, ausländischen Spielern. Für sie ist das Land neu, die Liga neu. Es gibt so viele Beispiele von Neuzugängen, die sich in den ersten Wochen und Monaten extrem schwertun. Konstanz ist im Leistungssport eben sehr, sehr wichtig. Hinzu kam in unserem Fall auch das knackige Auftaktprogramm.

„Solche Auftritte sind nicht akzeptabel“

Im DHB-Pokal beim HSC Coburg scheiterte der TVB bei einem Zweitligisten.

Stimmt, solche Auftritte dürfen nicht passieren, sind nicht akzeptabel und unentschuldbar.

Was macht Sie optimistisch, dass der TVB nun auch punktemäßig in die Spur kommt?

Natürlich unser jüngster Auftritt in Kiel. Wir arbeiten hart daran, dass wir über 60 Minuten eine solche Leistung abrufen können.

Dennoch drohen mit Blick auf den Spielplan im schlimmsten Fall 2:18 Punkte. Bleibt der Club ruhig?

Das hoffe ich schwer, denn es war allen bewusst, dass wir eine schwierige Anfangsphase haben werden. Durch die Verletzungsmisere hat sich alles noch verschärft.

Welchen Eindruck macht auf Sie Trainer Michael Schweikardt?

Einen guten. Wir können uns als Mannschaft immer voll auf ihn verlassen. Er führt uns sehr gut.

„Tue mich schwer, über Platz zehn zu reden“

Welche Rolle spielt der Ex-Balinger Coach Jens Bürkle als neues Mitglied der Sportlichen Leitung?

Er hält jetzt keine Ansprachen vor der Mannschaft, aber er hat Kontakt zu uns und war zuletzt zum Beispiel anstelle von Jürgen Schweikardt (Geschäftsführer, Anm. d. Red.) auch beim Spiel in Kiel dabei.

Haben Sie Verständnis, dass im zehnten Bundesliga-Jahr und nach Platz elf in der vergangenen Runde von den allermeisten mehr erwartet wird als der Klassenverbleib?

Es ist normal, dass man eine Steigerung möchte. Da kann ich die Außenstehenden schon verstehen. Aber unter den gegebenen Voraussetzungen und wenn man die Situation realistisch betrachtet, war klar, dass es schwer wird. Wir haben bisher einige Spiele sehr deutlich verloren, da tue ich mich schwer, jetzt von Platz zehn zu reden.

Wer steigt am Ende ab?

Das wird eine knackige Saison. Aber ich mach mir da nach fünf, sechs Spieltagen keine Gedanken. Ich habe nur uns im Kopf, und wir müssen schauen, dass wir es hinkriegen.

Aufsteiger SG BBM macht einen starken Eindruck.

Absolut. Da waren sehr beeindruckende Auftritte dabei.

Wann verlängern Sie Ihren am Saisonende auslaufenden Vertrag?

Das dürfen Sie Jürgen Schweikardt fragen (lacht).

Lust aber hätten Sie?

Ich habe noch richtig Bock zu spielen. Mit meinen 35 Jahren fühle ich mich fit, ich habe schon noch ein, zwei, drei Jährchen im Tank.

Wie geht’s aus an diesem Donnerstag gegen Ihren Ex-Club MT Melsungen?

Ich hoffe, dass wir ein gutes Spiel machen und zumindest einen Punkt dabehalten.

Info

Karriere
Kai Häfner wurde am 10. Juli 1989 in Schwäbisch Gmünd geboren. Seine Stationen: TSB Gmünd (1995 bis 2006), TV Bittenfeld (2006/2007), Frisch Auf Göppingen (2007 bis 2011), HBW Balingen-Weilstetten (2011 bis 2014), TSV Hannover-Burgdorf (2014 bis 2019), MT Melsungen (2019 bis 2023), jetzt TVB Stuttgart. Größte Erfolge: Junioren-Weltmeister 2009, EHF-Pokal-Sieger 2011, Europameister 2016, Olympia-Bronze 2016 und Olympia-Silber 2024. Er absolvierte 137 Länderspiele (327 Tore), hat seine Nationalmannschaftskarriere inzwischen beendet.

Persönliches
Kai Häfner ist verheiratet mit Saskia. Das Paar wohnt in Lorch und hat zwei Söhne (Levi/4 Jahre und Matti/neun Monate). Hobby: Reisen/Städtetrips. Häfners jüngerer Bruder Max spielt ebenfalls beim TVB Stuttgart. (jüf)

Inklusionsspieltag
Beim Heimspiel gegen die MT Melsungen findet der erste Inklusionsspieltag des TVB gemeinsam mit der gdw Süd eG statt. Die beiden Partner möchten in diesem Rahmen auf das Thema Inklusion aufmerksam machen. Im Vorfeld der Partie fand bereits eine Aktion im CAP-Lebensmittelmarkt in Obertürkheim statt. Co-Kapitän Samuel Röthlisberger packte vor Ort mit an. Die CAP-Lebensmittelmärkte sind ein Inklusionskonzept der gdw Süd. Mittlerweile werden bundesweit über 100 Märkte betrieben, in denen rund 1000 Menschen mit und knapp 900 Menschen ohne anerkannte Behinderung einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgehen. An einem Stand der gdw Süd am Spieltag im Foyer kann man sich über das Thema Inklusion informieren. Auch einige paralympische Athleten werden vor Ort sein und den Themenspieltag unterstützen. (jüf)

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