Kai Höss aus Renningen Enkel des Kommandanten von Auschwitz – „Innerlich war ich kaputt“

Kai Höss lebt mit seiner Frau und vier Kindern in Renningen. Foto: Simon Granville/Simon Granville

Rudolf Höß war als Kommandant des KZ Auschwitz für den Mord von einer Million Juden verantwortlich. Wie er mit diesem Familienerbe lebt, was ihn gerettet hat, erzählt sein Enkel Kai Höss aus Renningen.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Dass er sich mit zwei s schreibt und nicht mit ß wie der Großvater, ist kein Akt der Abgrenzung, sondern ein Versehen der Behörden in Bangkok. Einmal falsch in den Dokumenten eingetragen, blieb es dabei. Lange Jahre lebte Kai Höss als Hotelmanager in der ganzen Welt, seit 2000 ist er zurück in der Region Stuttgart, wo er aufwuchs, wohnt heute als Pastor der Bible Church in Renningen. In der Dokumentation „Der Schatten des Kommandanten“, die 2024 im Kino lief, besucht der 62-Jährige mit Vater Hans-Jürgen (87) zum ersten Mal das Konzentrationslager Auschwitz. Dort war sein Großvater Rudolf Höß als Kommandant für den Tod von 1,1 Millionen Menschen verantwortlich.

 

Herr Höss, wann haben Sie erfahren, wer Ihr Großvater war?

Es war in der sechsten oder siebten Klasse, wir lebten damals in Freudental. Der Holocaust war Thema im Unterricht. Es fiel der Name Höß. Ich bin nach Hause und fragte: „Mutti, sind das wir?“ Sie sagte: „Ja, das sind wir. Rudolf Höß ist dein Großvater.“

Wurde in der Familie nicht gesprochen?

Nein. Mein Vater hat meiner Mutter nichts erzählt, als sie sich kennenlernten. Sie erfuhr es von einer Tante, die eine Zeitungsmeldung über die Höß-Hinrichtung 1947 aufgehoben hatte. Sie zeigte sie meiner Mutter und fragte: „Guck mal, ist das deiner?“ Mein Vater war ja ein Reingschmeckter, die Familie kam aus Norddeutschland. Mein Vater hat es dann zugegeben, er schämte sich. Nach dem Krieg war er in der Schule von anderen bespuckt worden. Er war der Sohn des Monsters von Auschwitz.

Hans-Jürgen Höß als Kind im Garten der Höß-Villa in Auschwitz. Foto: Institut für Zeitgeschichte

Hans-Jürgen war das dritte von vier Höß-Kindern. Er wuchs die ersten Jahre in einer Villa in Auschwitz auf. Hinter der Mauer des Gartens lag das Krematorium. Was hat das mit ihm gemacht?

Er hat seine Kindheit verdrängt, weil es zu schmerzhaft war. Er war ein Vermeider, navigierte um Probleme herum. Das hat die Ehe meiner Eltern stark belastet. Er hat die Familiengeschichte nicht beschönigt, aber auch nicht darüber gesprochen. Ihn zum Erzählen zu bringen ist, wie jemandem einen Zahn zu ziehen.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Großmutter Hedwig, die Frau von Rudolf Höß?

Sie lebte erst in Ludwigsburg, dann bei ihrer jüngsten Tochter Annegret in Fulda. Wir fuhren oft zu Besuch hin. Sie war sehr preußisch mit Schürze, das Haar hochgebunden. Disziplin, Ordnung, Sauberkeit waren ihr wichtig. Dass die Fingernägel geschnitten waren. Sie war hart, aber auch liebevoll mit ihren Kindern. Meiner Mutter gegenüber war sie autoritär. Die war das Bauernmädle aus Schwaben und sie die höhere Dame.

Im Kinofilm „The Zone of Interest“, der sich vergangenes Jahr auch mit der Geschichte der Familie Höß beschäftigte, wird Hedwig als empathielose, dumm-dreiste Person gezeichnet. Stimmt das mit Ihrem Bild von ihr überein?

Ich denke, sie wusste viel, was in Auschwitz passierte. Sie war ideologisch sehr klar, profitierte vom System und zeigte nach außen keine Reue. „Wir sind mit den Nationalsozialisten aufgestiegen und mit ihnen gefallen“ – so sah sie das. Nach dem Krieg hat meine Großmutter viel durchgemacht. Die Familie war verdammt und stigmatisiert.

Haben Sie dieses Stigma gespürt?

Ich bin 1962 geboren, in meiner Jugend war Höß kein großes Thema mehr in der Öffentlichkeit. Aber ich las mit 16 Jahren die biografischen Aufzeichnungen meines Großvaters, die er in der Haft geschrieben hatte. Das Buch stand bei meinen Eltern im Regal. Ich war schockiert. Mein Großvater war der größte Massenmörder aller Zeiten. Ich wollte dann erst einmal nur weg.

Wohin gingen Sie?

Nach der Schule machte ich in Stuttgart eine Lehre als Koch. Danach ging ich zur Bundeswehr, war in England stationiert. Mein Traum war es, Hotelmanager im 5-Sterne-Segment zu werden. Das ging in Erfüllung. Ich lebte in Macao, Singapur, Thailand, Bali, China, Ägypten, Dubai. Ich war ein arroganter, selbstverliebter 28-Jähriger mit Rolex am Arm. Edelnachtclubs, doppelte Gin-Tonics, Partys, Mädels, Bodybuilding, Sixpack – das war mein Ding. Aber innerlich war ich kaputt. Der Glaube hat mich gerettet.

Rudolf Höß, im Juni 1946 auf dem Nürnberger Flughafen bei seiner Auslieferung an Polen. Die Hinrichtung durch den Strang fand am 17. April 1947 in Auschwitz statt. Foto: dpa

Wie kamen Sie dazu?

Ich hatte in Singapur eine Mandel-OP, bei der ich so viel Blut verlor, dass ich fast starb. Im Krankenhauszimmer fand ich eine Gideon-Bibel in der Schublade. Das war eigentlich überhaupt nichts für mich, aber ich nahm sie doch zur Hand. In der Geschichte von König David, der einen treuen Soldaten opfert, um seine eigenen Sünden zu vertuschen, habe ich mich erkannt. Ich war ein skrupelloser Manager. Alles drehte sich um Leistung, Erfolg und Profit. Der Zweck heiligte die Mittel. Später bekam ich über einen Bekannten Kontakt zu einer christlichen Gemeinde in Singapur. Die Gemeinschaft und der Glaube wurden immer wichtiger, an Ostern 1989 stand fest: Ich will Jesus nachfolgen.

Sie verließen die Hotelbranche, kehrten 2000 mit Ihrer Frau und zwei Töchtern nach Deutschland zurück, arbeiteten lange als Sprachtrainer und Business-Coach, mittlerweile sind Sie Pastor der evangelikalen Bible Church in Sindelfingen. Hat Ihre Hinwendung zum Glauben etwas mit Ihrer Familiengeschichte zu tun?

Ich suche keine Absolution. Ich bin kein Täter. Aber ich glaube an die Erbschuld. Es lastet ein Fluch auf Familien, wenn etwas Schlimmes geschehen ist und nicht ehrlich darüber gesprochen wird. Dann bleibt ein Schaden in den Herzen, es verändert die Seelen. Dann werden die Kinder und Enkel vielleicht wieder Nazis, weil sie sagen: „Was der Opa getan hat, war doch gar nicht so schlimm.“ Darum geht es auch in der Dokumentation „Der Schatten des Kommandanten“. Um das Trauma in den Täter- und den Opferfamilien.

Im Film beschäftigen Ihr Vater und Sie sich erstmals gemeinsam mit Rudolf Höß und Auschwitz. Warum so spät?

Meine Eltern ließen sich in den 80er Jahren scheiden. Es war eine dramatische, hässliche Trennung. Danach hatte ich 30 Jahre keinen Kontakt zu meinem Vater, er versteckte sich vor uns. Vor etwa sechs Jahren rief er mich an und sagte: „Hier ist dein Papa.“ Aber erst der Film bot die Gelegenheit, über die Vergangenheit intensiv zu sprechen.

Sie treffen für die Dokumentation die 98-jährige Anita Lasker-Wallfisch. Sie überlebte Auschwitz als Cellistin des Lagerorchesters. Wie war das Treffen?

Wie es Anita sagte: Es war ein historischer Moment. Wir brachten Kuchen mit, darum hatte sie gebeten. Und dann redeten und redeten wir. Sie hat eine unheimliche Präsenz, raucht ununterbrochen. Sie ist ein spezieller Charakter, ein wenig spröde, aber liebenswert. Für ihre Tochter Maya hatte das Trauma der Mutter allerdings schwere Folgen. Sie konnte dem Kind nicht die nötige Liebe geben, war oft abwesend. Darunter leidet Maya bis heute sehr.

Gemeinsam mit ihr besuchten Sie Auschwitz.

Es hat mir das Herz zerrissen, dort zu sein. Meinem Vater auch. Er stand vor dem Galgen, an dem Rudolf Höß 1947 gehängt wurde. Er sagte: „Er hat es verdient, er hat bezahlt. Es war falsch, was er gemacht hat.“ Das sollen die Menschen sehen. Der Film ist ein Mahnmal, wohin führen kann, was als Populismus beginnt. Hitler hat am Anfang auch nicht gesagt: „Ich ermorde sechs Millionen Menschen und überziehe die Welt mit Krieg.“ Er sagte: „Ich mache euch wieder groß, ich gebe euch euren Stolz zurück.“

Ihr jüngerer Bruder Rainer war lange als Höß-Enkel in der Öffentlichkeit. Später stellte sich heraus, dass er die Familiengeschichte benutzte, um Geld zu ergaunern. Außerdem erzählte er Dinge über Ihre Familie, die offenbar nicht stimmten, etwa, dass Ihr Vater ein glühender Nazi war. Ist der Film eine Art Gegendarstellung?

Das war nicht mein Motiv. Rainer hat viel Mist gebaut und Lügen erzählt. Wir haben keinen Kontakt mehr. Aber ich habe ihn lieb, er ist mein Bruder. Auch er hat viel durchgemacht während der schwierigen Ehe meiner Eltern. Wir sind alle Produkte unserer Vergangenheit. Ich hoffe und ich bete dafür, dass wir uns wieder treffen können.

„Ein historischer Moment“, sagte Anita Lasker-Wallfisch, die Auschwitz überlebt hat, als die Höß-Nachfahren sie in London besuchen. Foto: Courtesy Of Warner Bros. Picture

Wie sehen Sie Ihren Großvater heute?

Ich hasse, was er gemacht hat, und damit hasse ich zu einem gewissen Grad ihn. Seine Herzlosigkeit, das Akribische, Klinische, wie er seine Aufgabe erfüllte. In seinen Aufzeichnungen beschreibt er, wie eine Frau verzweifelt versuchte, ihre Kinder vor dem Vergasen zu schützen. Höß wies einen Aufseher an, ihr die Kinder zu entreißen und in die Kammer zu tragen. Er war ein Ideologe und Sozialdarwinist, tief davon überzeugt, dass man die Juden töten muss, weil sie sonst Deutschland vernichten werden.

Er beschreibt aber auch, dass er bei solchen Szenen an seine eigene Familie denkt, zweifelt, ob es richtig ist, Frauen und Kinder zu töten.

Er hat es durchgezogen bis zum Schluss. Er hat nie gesagt: „Ich kann das nicht, sucht euch einen anderen dafür.“ Er war ein Karrierist. Nach dem Krieg hat er sich feige versteckt. Erst in Haft, als er auf sein Urteil wartete, als nichts mehr zu leugnen war, schrieb er von diesen Zweifeln. Für mich sieht das eher so aus, als wollte er Zuckerguss über seine Taten streichen.

Hat Gott in Ihrer Vorstellung dem Kommandanten von Auschwitz vergeben?

Wenn er wirklich bereute, hat Gott ihm vergeben. Dann sehen wir uns in der Ewigkeit. Aber ich weiß nicht, was am Ende, als er am Galgen in Auschwitz stand, wirklich in seinem Herzen passiert ist.

Das Gespräch führte Lisa Welzhofer

Das Interview erschien erstmals am 21. Juni 2024

Der Mensch und der Film

Kai Höss wuchs in der Region Stuttgart auf. Foto: Simon Granville/Simon Granville

Der Enkel
Kai Höss – Jahrgang 1962 – wuchs im Landkreis Ludwigsburg auf. Nach einer Lehre zum Koch und seiner Zeit bei der Bundeswehr, arbeitete er lange Jahre weltweit als Manager in der Hotelbranche im Luxussegment. Seit 2000 lebt er mit seiner Familie wieder in Deutschland im Landkreis Böblingen. Zunächst arbeitete er als Sprachtrainer für Business-Englisch und als Management-Coach. Heute ist er Pastor der Bible Church of Stuttgart in Sindelfingen, einer englischsprachigen Freikirche aus dem evangelikalen Bereich. Kai Höss ist verheiratet und hat vier Kinder zwischen 8 und 29 Jahren.

Der Film
Der Dokumentarfilm „Der Schatten des Kommandanten“ ist eine britisch-amerikanische Produktion. Regie führte Daniela Völker. Derzeit ist er in deutschen Kinos zu sehen, kommende Woche startet er in England. Der Film erzählt die Geschichten der Familie Höß und der Familie Lasker-Wallfisch und wie sie mit dem Trauma des Holocausts leben. Rudolf Höß’ Sohn Hans-Jürgen und sein Enkel Kai treffen die Auschwitzüberlebende Anita Lasker-Wallfisch und deren Tochter Maya. Gemeinsam besuchen sie die Gedenkstätte des polnischen Konzentrationslagers. Nach dem oskarprämierten Spielfilm „The Zone of Interest“ von 2023, ist es bereits der zweite Film innerhalb kurzer Zeit, der sich mit dem Leben der Familie Höß beschäftigt. (wel)

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