Die Hesse-Bahn kommt – übernächstes Wochenende nimmt sie den Regelbetrieb auf. Foto: Simon Granville
Am Rande einer Testfahrt mit Prominenz teilt der Zweckverband eine neue Kostenberechnung mit: Statt 207 sind jetzt 240 Millionen Euro fällig für die Reaktivierung der Bahnstrecke.
240 Millionen Euro Gesamtkosten sind demnach mittlerweile veranschlagt für die Reaktivierung der Zugstrecke zwischen Calw und Weil der Stadt (Kreis Böblingen), auf der der Betrieb offiziell am Samstag, 31. Januar, starten soll.
33 Millionen Euro Mehrausgaben für Hermann-Hesse-Bahn von Calw nach Weil der Stadt in nur vier Monaten
Das sind 33 Millionen Euro mehr als noch im Dezember genannt worden sind. Und schon über den Betrag von 207 Millionen Euro, erstmals im September verkündet, war heftig diskutiert worden. War das Reaktivierungsprojekt doch einst 2014 mit einer Gesamtsumme von 54 Millionen Euro beworben worden.
Chronologie der Reaktivierung der Hesse-Bahn:
1988 fuhren die letzten Güterzüge zwischen Calw und Weil der Stadt, 1989 wurde die Strecke offiziell stillgelegt.
1994 kaufte der Kreis Calw die Strecke.
Seit 2001 wurde eine Reaktivierung angedacht, erst 2015 fiel die Entscheidung dafür.
Seit 2018 wird gebaut.
Die Gesamtkosten kletterten seitdem kontinuierlich und werden mittlerweile auf 240 Millionen Euro beziffert.
Laut dem Landratsamt Calw gibt es für die Mehrkosten mehrere Gründe. Zum einen seien die Bauarbeiten aufgrund „ungünstiger Wetterverhältnisse“, wie etwa anhaltendem Regen oder Frost, verzögert worden oder hätten weitere Arbeiten notwendig gemacht. Auch die allgemeinen Preise in der Baubranchen seien weiter angestiegen.
Der dritte Grund, den das Landratsamt nennt: Durch die Baubeschleunigung, die notwendig war, um den offiziellen Starttermin der Hesse-Bahn am 1. Februar zu halten, sei ein erhöhter Einsatz von Maschinen und Geräten erfolgt. In Summe seien so rund 27 Millionen Euro zusammengekommen.
Zusätzliche fünf Millionen Euro sind unter dem Aspekt Artenschutz aufgeführt. Hier stieg die Summe von 80 auf 85 Millionen Euro, „maßgeblich verursacht durch die Verteuerung der Trennwand“, erläutert das Landratsamt.
Kosten für den Artenschutz steigen auf 85 Millionen Euro
Im Zuge der Reaktivierung der Bahnstrecke sind die Eisenbahntunnel Forst und Hirsau, Baujahr 1871 und stillgelegt im Jahr 1988, nicht nur modernisiert worden. Nach einer Klage des Naturschutzbundes Nabu und unter Vermittlung des Landesverkehrsministeriums wurde zum Schutz Tausender bedrohter Fledermäuse ein weltweit einzigartiges Konstrukt entworfen.
Hans Dieter Scheerer, FDP: „Ich falle langsam vom Glauben ab“
In die bestehenden Tunnel wurde eine Betontrennwand eingezogen, um eine schützende Kammer für die Fledermäuse zu schaffen, während auf der anderen Seite die Züge verkehren. Alle Kosten für diese zwei Tunnel, also auch Baukosten und eisenbahntechnische Einrichtungen, die ohnehin nötig geworden wären, fallen damit aber unter den Kostenpunkt Artenschutz.
„Die Fledermäuse sind wichtig, gar keine Frage. Aber die Menschen sind mir wichtiger“, sagt der FDP-Landtagsabgeordnete Hans Dieter Scheerer aus Weil der Stadt mit Blick auf die Kosten. „240 Millionen Euro, ich falle langsam vom Glauben ab.“
Der FDP-Landtagsabgeordnete Hans Dieter Scheerer aus Weil der Stadt kritisiert die Kostenexplosion. Foto: Simon Granville
Scheerer ist schon seit Langem ein Kritiker der ausufernden Kosten. „Wir sind vor dem Spatenstich in Jahr 2014 mal mit 48 Millionen Euro gestartet“, erinnert der Rechtsanwalt. Die Kosten hätten sich seither fast verfünffacht, das sei „erschreckend“.
90 Prozent der Kosten der Bahn könnte der Bund übernehmen
Immerhin sei dies alles aus Steuergeldern finanziert. Und da sei es egal, ob die Finanzierung über das Land erfolge, wie jahrelang vorgesehen, oder nun über den Bund. Die Ampel-Regierung hatte 2022 ein Förderprogramm des Bundesverkehrsministerium für Bahnreaktivierungen geöffnet. Die Hesse-Bahn wurde bereits ins Förderprogramm aufgenommen, der Bescheid steht aber noch aus. Dann würden 90 Prozent der Kosten vom Bund getragen.
„Danach scheinen beim Thema Hesse-Bahn alle Schranken gefallen zu sein“, sagt Hans Dieter Scheerer, der bei der Landtagswahl am 8. März wieder für die FDP als Direktkandidat im Wahlkreis Leonberg/Herrenberg antritt. Er erlebe das auch im Landtag häufiger. Wenn es nicht das eigene Geld ist, das ausgegeben wird, werde oft großzügiger agiert.