Sie kann es nicht lassen: Dauerkandidatin Friedhild „Fridi“ Miller wirft erneut ihren Hut in den Ring und will Oberbürgermeisterin von Böblingen werden. Im Jahr 2018 war sie schon einmal angetreten, errang 0,8 Prozent der Voten – und focht die Wahl danach an. Daher führte Wahlsieger Stefan Belz die Geschäfte zunächst als Amtsverweser, bis er nach Beilegung der Anfechtung offiziell ins Amt kam. Nun geht Fridi erneut an den Start. Warum tut sie sich das an?
Probleme sieht die 56-Jährige in Böblingen viele: Eine aufgeblasene Verwaltung, lange Entscheidungsprozesse und ein totes Nachtleben. Leerstände, gerade bei städtischen Gebäuden, und generell zu viel Bürokratie hemmten zudem die Handlungsfähigkeit. Sie selbst würde vieles ganz anders machen: Das Künstlerviertel wiederbeleben, Wohnraum schaffen, mehr Bürgerbeteiligung aufbauen. Wann immer möglich, den „kurzen Dienstweg“ wählen.
„Ich habe mich entschieden, aufzustehen und zu kämpfen“
Doch ihre Vorschläge zur Umsetzung gehen oft weit an den realen Möglichkeiten vorbei. Für Miller ist es nicht die erste Kandidatur für ein hohes Verwaltungsamt. Die Mutter einer Tochter hat sich nach eigenen Angaben bereits 112 Mal in den verschiedensten Kommunen als Bürgermeisterin oder Oberbürgermeisterin aufstellen lassen. Vor allem, sagt sie, um für Kinder und Jugendliche einzustehen sowie für Liebe und den Weltfrieden. „Ich habe mich entschieden, aufzustehen und zu kämpfen“, sagt sie.
Parteipolitisch lässt sie sich nicht einordnen, Links oder Rechts hätten für sie keine Bedeutung. „Ich bin geradlinig. Ich stehe seit zwölf Jahren für die gleichen Dinge ein“, so Miller. „Wir gemeinsam“ und „Mut zur Menschlichkeit“ steht auf ihren Plakaten. Sie nennt sich „unabhängig, unbestechlich, ehrlich, bürgernah“. Unbestechlich sei sie auch bei der Finanzierung ihres Wahlkampfs. Den habe sie gänzlich aus ihren Ersparnissen bezahlt, dafür auch einen Urlaub abgesagt.
„Böbelfingen“ soll Realität werden
„Spenden nehme ich nicht an. Ich hätte das Gefühl, mich damit abhängig zu machen“, sagt sie. Lieber sei es ihr, Unterstützungswillige würden in ihrem Namen an eine gemeinnützige Organisation spenden. Außerdem verspricht sie, all jene Einkünfte aus dem Amt der Oberbürgermeisterin für gemeinnützige Zwecke zu spenden, die über das bundesweite Durchschnittseinkommen von rund 2500 Euro hinaus gehen.
Für ihre ersten 100 Tage als Oberbürgermeisterin plant Fridi Miller, eine Fusion zwischen Böblingen und Sindelfingen anzustoßen. Das würde direkt ihr Wahlversprechen bedienen, den Personalschlüssel in der Verwaltung zu verkleinern. Dazu käme eine gewichtigere Stimme beispielsweise in der Regionalversammlung oder bei Themen des Verkehrsverbunds Stuttgart (VVS). „Ich würde mich schnell mit Markus Kleemann treffen, ich glaube, der ist da nicht abgeneigt.“
Miller will ihren Ruf rehabilitieren
Den fast schon sagenumwobenen Clinch zwischen den Nachbarstädten verstehe sie nicht. „Böblingen und Sindelfingen sind sich doch eigentlich total eng verbunden, zusammen feiern können die Menschen jedenfalls gut.“ Dass die Fusion schon mehrmals scheiterte, sieht sie nicht als Hindernis: „Man muss einfach menschlich und auf Augenhöhe miteinander sprechen. Die Menschen müssen überzeugt werden, ihre Vorurteile zu überwinden“, sagt Miller.
Vorurteile überwinden, das ist für Miller ein zentraler Punkt. „Ich habe schon erlebt, dass Leute mein Wahlprogramm nicht einmal annehmen wollen“, sagt sie. Ihr Ruf sei in Böblingen und Sindelfingen regelrecht verbrannt. In der Vergangenheit habe sie viele Schwierigkeiten gehabt und Ungerechtigkeit erfahren. Sie erzählt im Gespräch mit unserer Zeitung von der für sie traumatischen Inobhutnahme ihrer Tochter, von einer zwangsweisen Zuweisung eines Betreuers, von einer Pfändung ihres Kontos.
Ein Spaßbad auf dem Flugfeld
Das alles liege hinter ihr. „Jetzt müssen einfach alle über ihren Schatten springen. Man kann viel erreichen. Wir müssen jetzt einfach zusammenfinden“, sagt Miller, der anzumerken ist, wie sehr sie die Rückschläge in ihrer Biografie nach wie vor beschäftigen. Ihr Wille, auch die 113. Bürgermeisterwahl zu bestreiten, scheint aber ungebrochen, die Ideen sprudeln wild aus ihr hervor.
Sie fordert ein Umdenken in der Wirtschaftspolitik, vornehm ausgedrückt: „Wir können uns nicht mehr auf die Autoindustrie verlassen. Wir müssen auf Tourismus setzen“, sagt Miller. Dafür schwebt ihr ein von Privatinvestoren finanziertes Spaßbad auf dem Flugfeld vor. „Die Menschen kommen dahin, wo es ihnen gut geht und wo ihnen etwas geboten wird.“ Der Fachkräfte- und Ärztemangel würde sich dadurch wie von selbst erledigen, ist sie überzeugt.
„Win-Win-Situationen schaffen“: Millers Plan gegen Leerstand
Zwei Punkte, die Miller umtreiben, sind Leerstand und Bürokratie. „Wir haben keine Wohnungsnot in Böblingen“, findet sie. „Die Leute können sich die Wohnungen nur nicht leisten.“ Sie schlägt vor, leer stehende Neubauwohnungen wie beispielsweise in der Bahnhofstraße über das Zweckentfremdungsgesetz auch übergangsweise als Sozialwohnungen nutzbar zu machen. „Man kann so viele Win-Win-Situationen schaffen“, sagt Miller.
Auch städtische Leerstände wie beispielsweise das ehemalige Gebäude der BG Bau neben der Mineraltherme, das seit Jahren nicht genutzt wird, sind ihr ein Dorn im Auge. „Da könnte man Obdachlose oder Flüchtlinge einziehen lassen, oder man stellt es den Vereinen zur Verfügung“, schlägt sie vor. Auch Schulen und andere Gebäude, die nur zu bestimmten Tageszeiten genutzt werden, will sie abends anderweitig nutzbar machen. Ganz wichtig: unbürokratisch.
Die OB-Wahl in Böblingen steht am Sonntag, 25. Januar, an. Neben Fridi Miller kandidieren fünf Männer für den Posten des Oberbürgermeisters: Amtsinhaber Stefan Belz, Aleksandar Blazevski, Stefan Thien, Lucas Guimaraes de Macedo und Werner Schneider. Die Kandidierenden können sich an zwei offiziellen Terminen der Öffentlichkeit präsentieren. In Böblingen findet die Kandidatenvorstellung am Montag, 19. Januar, in der Kongresshalle statt. In Dagersheim ist sie für Dienstag, 20. Januar, in der Festhalle vorgesehen. Beginn jeweils um 19 Uhr.
Weitere Informationen
Herkunft
Friedhild Miller wurde 1969 in Böblingen geboren, lebte zeitweise aber auch in Sindelfingen. Nun ist sie wieder in Böblingen zu Hause.
Werdegang
Miller arbeitete nach dem Besuch des Gymnasiums Unterrieden Sindelfingen lange bei der Daimler AG im Einkauf. Seit 2009 arbeitet sie in verschiedenen Bereichen und betreibt daneben ihre diversen Wahlkämpfe.
Politik
Im Jahr 2014 gründete Miller eine Wählervereinigung, mit der sie in Sindelfingen bei den Kommunalwahlen antrat. 2018 gründete sie eine Partei zur Teilnahme an der Europawahl. 2020 und 2025 kandidierte sie bei den Bundestagswahlen.