Für manche Kinder sei der achtjährige Weg zum Abitur der bessere, sagt Dieter Elsässer, der Rektor des Karls-Gymnasiums. Foto: Lichtgut/Kovalenko/dpa/Julian Stratenschulte
Baden-Württemberg ist flächendeckend zum neunjährigen Gymnasium zurückgekehrt. Im ganzen Land gibt es nur noch einen regulären G8-Zug. Was sind die Gründe? Und wie ist das Interesse?
Als die Gymnasien in Baden-Württemberg im vergangenen Schuljahr zu entscheiden hatten, ob sie auch künftig den Weg zum Abitur in acht Jahren anbieten wollen, musste die Schulgemeinschaft des Karls-Gymnasiums in Stuttgart nicht lange überlegen. Eine überwältigende Mehrheit des Kollegiums, der Eltern und auch der Schülerinnen und Schüler sei dafür gewesen, so der Schulleiter Dieter Elsässer. „Weil es bei uns eine Tradition ist und zur DNA unserer Schule gehört“, sagt er.
Anfang der 90er-Jahre war das Karls-Gymnasium eine von vier Pilotschulen in Baden-Württemberg, die das damals neue achtjährige Gymnasium testeten. Nach der flächendeckenden Einführung von G8 war es eine der vier ersten Schulen im Land, die einen Hochbegabten-Zug bekamen.
Damit gibt es für die Kinder beziehungsweise die Eltern am Karls-Gymnasium schon seit mehreren Jahrzehnten die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Anforderungsniveaus zu wählen. „Vom Kind her gedacht, ist das der Idealfall“, sagt Elsässer. Denn jedes Kind sei anders, manche lernten schneller und brauchten mehr Input. Für andere sei es besser, wenn sie etwas mehr Zeit bekommen. „Das ist es, was wir ermöglichen wollen.“
Nach der Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums als Regelmodell in Baden-Württemberg stellten im vergangenen Jahr eine Handvoll Schulen beim Kultusministerium einen Antrag auf Einrichtung eines G8-Zugs. Doch nur das Karls-Gymnasium konnte genügend Anmeldungen vorweisen und bekam diesen genehmigt. Für das kommende Schuljahr sind nach Aussagen von Florian Mader, Pressesprecher des Ministeriums, keine weiteren Anträge auf Einrichtung von G8-Zügen eingegangen. Das Karls-Gymnasium hat damit weiterhin ein Alleinstellungsmerkmal.
Das Interesse am G8-Zug sei durchaus gegeben, auch wenn es im Vergleich zum vergangenen Jahr leicht gesunken sei, sagt Elsässer. Konkret stellen sich die Zahlen so dar:
G9-Zug: aktuell 29 Fünftklässler, im kommenden Schuljahr werden es 23 sein
G8-Zug: aktuell 28 Fünftklässler, im kommenden Schuljahr werden es 22 sein
G8-Hochbegabtenzug: aktuell 25 Fünftklässler, im kommenden Schuljahr werden es 24 sein
Dieter Elsässer betont, dass weder der G8-Zug, noch der G8-Hochbegabtenzug „Turbo-Züge“ seien. Es gehe darum, Kinder zu fördern – und nicht um Leistungssport. „Wir wollen die Schätze heben, die in den Kindern schlummern“, sagt der Schulleiter und ergänzt: „Wir haben das immer geerdet und kindgerecht gemacht und dafür viele positive Rückmeldungen bekommen.“
Das Karls-Gymnasium in Stuttgart bietet als einzige Schule in Baden-Württemberg sowohl einen G8- als auch einen G9-Zug an. Foto: Armin Weigel/dpa
Vor allem zwischen dem regulären G8-Zug und dem G9-Zug seien die Unterschiede „moderat“. „Die einen haben in der fünften Klasse zweimal Nachmittagsunterricht, die anderen nur einmal“, bringt der Schulleiter es auf den Punkt und fügt hinzu: „Beide Wege sind in sich wertvoll.“ Eltern sollten seiner Meinung nach nicht so sehr in Extremen denken und nicht zwischen einem „schnellen“ und einem „langsamen Gymnasium“ unterscheiden. Vielmehr ist es Elsässers pädagogische Überzeugung, dass „es gut ist, wenn eine individuelle und vom Kind her gedachte Wahl möglich ist“.
Das zeichnet den Hochbegabtenzug aus
Im Hochbegabten-Zug gibt es das zusätzliche Fach „Mensch und Natur“ als sogenanntes Enrichment-Angebot, weshalb in anderen Fächern die ein oder andere Unterrichtsstunde weniger zur Verfügung stehe. Damit fallen Übungseinheiten für die Kinder weg, sie müssen insgesamt schneller lernen. „Akzeleration“ heißt das im Fachjargon. „Aber für manche Mädchen und Jungen ist es eben besser, wenn es etwas schneller geht“, sagt Elsässer.
Für die Anmeldung für den G8-Zug gibt es kein gesondertes Aufnahmeverfahren, es gelten die gleichen Regeln wie an allen anderen Gymnasien auch. Das heißt, die Kinder müssen sich entweder über ihre Halbjahresnoten in der vierten Klasse, den Kompass-4-Test oder den Potenzialtest qualifizieren. Für den Hochbegabten-Zug müssen die Mädchen und Jungen einen kognitiven Test bestehen, den sie bei der schulpsychologischen Beratungsstelle absolvieren. Dann folgt das Aufnahmeverfahren an der Schule, welches Schnupperunterricht sowie Gespräche mit den Kindern und den Eltern umfasst.