Karlshöhe in Stuttgart Wie geht es mit den Allianz-Hochhäusern weiter?

Fast schon stadtbildprägend: die Allianz-Hochhäuser an der Reinsburgstraße Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die stattlichen Gebäude bei der Karlshöhe galten vor wenigen Jahren als Fremdkörper in der Stadtlandschaft. Nun werden sie aber wohl bleiben dürfen, wenn die Allianz umzieht. Im Umfeld freilich soll sich einiges ändern.

Stuttgart - Wenn alles klappt, will der Allianz-Konzern bis Ende 2025 rund 4500 Arbeitsplätze von der Stuttgarter Innenstadt in Neubauten im Gewerbegebiet Vaihingen und zum Teil auch zu den Mitarbeitern ins Homeoffice verlagern. Besonders an den bisherigen Großstandorten Reinsburgstraße (Stuttgart-West) und Uhlandstraße (Stuttgart-Mitte) entstehen dadurch neue Entwicklungsflächen – und Wohnungen. Wer nun aber gedacht hätte, dass dort die Abrissbirne im großen Stil zuschlagen und der ganz große Kahlschlag stattfinden würde, muss umdenken. Auch die beiden Allianz-Hochhäuser Reinsburgstraße 21 und 27 am Rand der Karlshöhe wird es vermutlich noch lange Zeit geben.

 

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Im Moment rechnet der Bau- und Umweltbürgermeister Peter Pätzold (Grüne) jedenfalls damit, dass diese Hochhäuser stehen bleiben. Stand heute sind nur einige Flachbauten zwischen dem denkmalgeschützten Bürogebäude Reinsburgstraße 19 und den Hochhäusern sowie das Gebäude Reinsburgstraße 19A aus den 1950er Jahren zum Abriss vorgesehen. Die Stadtverwaltung rechnet daher sehr vorsichtig mit nur etwa 100 neuen Wohnungen im Bereich Reinsburgstraße. Wie viele es letztlich werden, hänge vom künftigen Nutzungsmix in den Hochhäusern ab, sagte Pätzold.

Vorzeichen haben sich geändert

Noch 2019 hatte die Sache ganz anders ausgesehen. Damals beschlossen die Stadträte die Aufstellung eines neuen, räumlich viel weiter gefassten Bebauungsplans. Die Stadtplaner ließen keinen Zweifel daran, dass ihnen die Hochhäuser ein Dorn im Auge waren. Sie schienen nicht in den verhältnismäßig neuen Rahmenplan Halbhöhen zu passen. Sie behindern außerdem die Frischluftzufuhr im Stuttgarter Westen und der Stadtmitte, hieß es. Daher kündigte die Verwaltung 2019 an, „hohe Anforderungen an Neubauvorhaben“ zu stellen. Sie sollten klima- und landschaftsverträglich sein. Doch dann hat das Stichwort „graue Energie“ immer mehr Bedeutung bekommen, also das Bewahren von intakter Bausubstanz, weil das für die Ökobilanz gut ist.

Außerdem: Noch vor kurzer Zeit habe die Allianz die Büroflächen im Innern der Hochhäuser überarbeitet, sagt Emanuel Coskun, Leiter der Stuttgarter Niederlassung des US-Immobilienunternehmens Hines, das die „sündhaft teuren“ Allianz-Flächen im Stuttgarter Westen Ende 2018 übernommen hat. Seither wurden die Möglichkeiten mithilfe von Beratern und architektonischen Ideengeber ausgelotet – und man kam immer mehr vom Abbruch der Hochhäuser ab. Sie gehörten heute ja auch fast schon zum Stadtbild, sagt Coskun. Einen Abriss trotz so viel Qualität empfände er als „Sünde“. Er sieht auch mit den Hochhäusern gute Möglichkeiten, das Areal zu entwickeln und dort eine neue nachbarschaftliche Mitte für das Quartier zu schaffen.

Wohnbauten sollen die Flachbauten ersetzen

Anstelle der Flachbauten mit Lagerräumen, Küche und Fuhrpark und anstelle des Gebäudes Reinsburgstraße 19A sollen Neubauten mit Wohnungen entstehen, in den Erdgeschossen Gewerberäume oder auch Treffpunkte wie etwa ein Lokal. Coskun könnte sich zudem auch mehr Wohnungen vorstellen als die Stadtverwaltung, etwa das Dreifache. Der Schlüssel dafür liege bei der Verwaltung und beim Gemeinderat.

Und in den Hochhäusern? Die bisherige Einstufung als Kerngebiet lasse viel zu, sagt Coskun, auch „untergeordnete“ Wohnnutzung. Er könnte sich daher bestimmte Wohnformen wie altersgerechtes Wohnen über Arztpraxen und Büros vorstellen. „Luxuswohnungen sind nicht unser Ding“, sagt Coskun, „aber die Frage der Nutzung können wir Stand heute noch nicht beantworten.“

Das ganze Projekt steht und fällt seiner Meinung nach damit, dass der öffentliche Raum angepackt und aufgewertet wird. Er denkt bis hin zur Verschmälerung der Reinsburgstraße, an eine Art Flaniermeile mit mehr Grün und mit Kunst, an neue Achsen für die Fußgänger in Richtung Karlshöhe.

Hotelnutzung scheidet in Pandemiezeiten aus

Damit könnte wohl auch Bernhard Mellert gut leben, der Bezirksvorsteher von Stuttgart-West. Ihm ist eine Mischnutzung wichtig, damit es Arbeits- und Wohnflächen gibt und Pendlerwege vermieden werden. Kreative, Kanzleien und die IT-Branche kämen dafür infrage – sie sind in der Reinsburgstraße 27 teilweise auch schon Mieter. Bei den neuen Wohnungen, sagt Mellert, komme es darauf an, dass sie für Angehörige aller Schichten erschwinglich seien. Die Frischluftversorgung in der Umgebung dürfe sich zumindest nicht weiter verschlechtern. Er selbst und der Bezirksbeirat seien „sehr gespannt“, wie sich dieses für die Bezirke West und Süd wichtige Projekt entwickle.

Eine Idee, der der Immobilienexperte Coskun viel abgewinnen konnte, ist allerdings gestorben. Daran ist die Pandemie schuld. „Zu anderen Zeiten wäre in der Reinsburgstraße 19 ein Hotel schön gewesen“, sagt Coskun. Es wäre am Rand des Naherholungsgebiets Karlshöhe gelegen und nur einen kurzen Fußmarsch vom Stadtzentrum entfernt. Doch auf absehbare Zeit werden weitere große Hotels kaum benötigt.

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