Karteikarten der NSDAP online Stuttgarter Historikerin: „Jeder sollte den Namen seines Großvaters eingeben!“

Mitläufer oder für den Nationalsozialismus entflammt? In digitalen Archiven finden Nachgeborene einiges über ihre Großeltern in der NS-Zeit heraus. Foto: imago/Horstmüller

Seit die Mitgliederkartei der NSDAP gratis online steht, suchen viele darin nach ihren Omas und Opas. Die Leiterin des Stuttgarter Stadtarchivs erklärt, wie man richtig recherchiert.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Während die Kriegsgeneration und ihre Kinder häufig über die Vergangenheit schwiegen, wollen es die Enkel genau wissen: Was haben Oma und Opa in der Zeit des Nationalsozialismus gemacht? Katharina Ernst, Leiterin des Stuttgarter Stadtarchivs, erklärt, welche digitale Recherchemöglichkeiten es gibt und warum eine NSDAP-Mitgliedschaft allein nicht allzu viel aussagt.

 

Frau Ernst, das amerikanische Nationalarchiv hat die Karteikarten der NSDAP kostenlos ins Netz gestellt – und so durchsuchbar für jedermann gemacht. Würden Sie Menschen raten, darin nach ihren Eltern und Großeltern zu suchen?

Jeder sollte mal den Namen seines Großvaters eingeben, ja! Menschen interessieren sich zunehmend für die eigene Familiengeschichte in der NS-Zeit. Dieses Interesse bekommt durch solche tollen digitalen Möglichkeiten einen ungeheuren Schub. Aber ob das der Game Changer ist, als den ihn die Medien teilweise darstellen, bezweifle ich. Natürlich ist die Recherche nun bequemer geworden, man kann zuhause am Laptop losrecherchieren, muss keine komplizierten Anträge bei Archiven stellen und – anscheinend – gar nichts wissen. Aber so einfach ist es nicht.

Warum nicht?

Die Suche in den Beständen des US-Nationalarchivs ist nicht trivial, Sie bekommen mitunter Treffer, die zu Dokumenten mit 3000 Seiten führen, innerhalb derer Sie weitersuchen müssen. Und außerdem: Was mache ich dann mit dem Wissen, dass vielleicht mein Großvater, die Großmutter NSDAP-Mitglied war. Was sagt das aus?

Was sagt es denn aus?

Man weiß dann, dass der Vorfahr einen Antrag gestellt hatte, in die Partei aufgenommen zu werden. Und zwar freiwillig. Denn niemand wurde zwangsweise Mitglied. Aber sie wissen nicht, warum das passiert ist. War der Opa überzeugter Nationalsozialist? Versprach er sich Karrierevorteile? Stand er unter Druck? All das können Sie nicht herauslesen.

Und was bedeutet es, wenn ich keine Karteikarten von Familienmitgliedern finde?

Die Karten decken nur etwa 80 Prozent der Mitglieder ab. Man kann also nicht sicher sein, dass der oder die Gesuchte nicht dabei war. Zwischen 1933 und 1937 nahmen die Nationalsozialisten zudem niemanden in die NSDAP auf, weil sie von Interessenten überrannt wurden. Wer sich in diesem Zeitraum bewarb, kam also nicht zum Zuge.

Die Menschen fragen sich ja eigentlich: War mein Opa, meine Oma Nazi? Lässt sich das aus einer Mitgliedschaft herauslesen?

Wenn das Beitrittsdatum vor März 1933 lag, also noch vor der Machtübernahme, würde ich sagen: Das waren sehr wahrscheinlich von der Ideologie überzeugte Menschen. Denn damals konnte man ja noch bei gar nichts mitlaufen. Liegt der Eintritt in der Zeit danach, wird es schon schwieriger. Sie müssten den- oder diejenige fragen, aber diese leben meist nicht mehr. Eine andere Quelle zu der Frage, was die Vorfahren in der Zeit getan oder gedacht haben, können die Spruchkammerakten sein. Für Stuttgarter liegen diese im Staatsarchiv Ludwigsburg, teils sind sie auch digitalisiert.

Was findet man darin?

Diese Akten wurden während der Entnazifizierungsverfahren nach 1945 erstellt, als sich viele Parteimitglieder vor einer Spruchkammer erklären musste. Allerdings sind diese Dokumente auch nicht so einfach zu interpretieren. Es wurde viel beschönigt, Leumundsbriefe herbeigebracht, sogenannte ,Persilscheine’, die bezeugen sollten, dass man kein Nazi war. Man findet in den Akten häufig den Topoi, dass derjenige mitmachte, weil er sonst beruflich stark behindert gewesen wäre, die Familie nicht mehr hätte ernähren können. Das kann man nicht immer ohne weiteres glauben.

Will auch selbst in den Karteikarten nach Familienmitgliedern suchen: Katharina Ernst, Leiterin des Stuttgarter Stadtarchivs. Foto: Andreas Langen, Stadtarchiv

Wenn ich am Mitläufertum des Großvaters Zweifel habe: Wie kann ich weiter recherchieren?

Wenn er in der Stadtverwaltung gearbeitet hat, gibt es vielleicht bei uns im Stadtarchiv eine Personalakte über ihn. Man kann auch bei noch bestehenden Firmen anfragen, ob sie etwas in ihrem Archiv über den früheren Mitarbeiter finden. Eine gute Quelle sind natürlich Briefe oder Tagebücher von damals, falls es diese in der Familie noch gibt. Das Bundesarchiv hat außerdem Unterlagen der SS, des Reichsgerichts und der Partei, auch Parteikorrespondenzen. Dort muss man eine schriftliche Anfrage stellen. Und über die militärische Laufbahn kann das Militärarchiv in Freiburg, das auch zum Bundesarchiv gehört, Aufschluss geben.

Wo finden Nachfahren von Opfern Informationen?

Unter anderem können die Wiedergutmachungsakten des Landesarchivs ein Ansatzpunkt sein. Wenn zum Beispiel jüdische Familien Immobilien oder Wertsachen unter Wert verkaufen mussten im Zuge der sogenannten Arisierung, wurden sie dafür nach dem Krieg eventuell entschädigt oder bekamen etwas zurück. Die Arolsen-Archive sind die größte Datenbank über Opfer und Überlebende des Nationalsozialismus, sie haben auch eine Online-Suchmöglichkeit.

Können KI-Bots bei der Suche helfen?

Grundsätzlich schon. Aber die KI braucht einen genau definierten Satz an Unterlagen, muss gut trainiert sein und präzise Prompts, also Arbeitsbefehle, bekommen. Sonst besteht die Gefahr, dass sie halluziniert. Damit bekommen Archive zunehmend Probleme.

In welcher Form?

Zum Beispiel schreibt jemand ,Ich möchte die und die Akte mit dieser Signatur zu meinen Vorfahren haben’. Die Archivare finden diese aber nicht und hören dann ,Doch die müssen sie haben, die KI hat das gesagt’. Das macht einerseits unheimlich viel Arbeit und führt zu Misstrauen, dass hier etwas verschleiert werden soll, dabei hat die KI diese Akte und ihre Signatur erfunden.

Seit einigen Jahren gibt es einen Boom in der Enkelgeneration, sich mit der Familiengeschichte auseinanderzusetzen, das Militärarchiv Freiburg etwa berichtete zuletzt über 13.000 Anfragen pro Jahr. Wie erklären Sie sich das?

Ein Treiber sind sicher die einfacheren Suchmöglichkeiten durch die Digitalisierung. Ich finde das ein sehr berechtigtes Interesse. Geschichte sollte nicht den Fachhistorikerinnen vorbehalten bleiben, sondern uns allen heute etwas zu sagen haben. Es ist die Aufgabe der öffentlichen Archive, das Knowhow bereit zu stellen und zu beraten.

Profitiert die Geschichtsschreibung davon?

Auf alle Fälle. Es wird unglaublich viel von ehrenamtlicher Seite erforscht. Nehmen Sie die Stolpersteininitiativen. Was von diesen zu einzelnen NS-Opfern und ihren Geschichten recherchiert wurde, hätten Wissenschaftler mit ihren zeitlichen und personellen Ressourcen nicht leisten können!

Diese Archive helfen Nachfahren bei der Recherche weiter:

  • Bundesarchiv Berlin
  • Landesarchiv Stuttgart
  • Militärarchiv Freiburg
  • Arolsen Archives
  • US-Nationalarchiv

Noch 2002 fand der Soziologe Harald Welzer in einer großen Studie heraus, dass es in sehr vielen deutschen Familien hieß: Opa war kein Nazi! Die Geschichte wurde geschönt oder verdrängt. Findet heute eine kollektive Umdeutung statt?

Ich habe schon das Gefühl, dass es gerade eine große Bereitschaft gibt, sich dem schwierigen Teilen in der eigenen Familiengeschichte zu stellen.

Haben Sie auch schon nach Ihren Großeltern gesucht?

Ich hatte noch keine Zeit, intensiv auf der Seite des amerikanischen Nationalarchivs zu suchen. Ich werde das aber noch tun. Und ich freue mich auf die Möglichkeiten, die das für berufliche Recherchen eröffnet.

Familiengeschichte freilegen

Katharina Ernst
Die gebürtige Münsteranerin (Jahrgang 1969) hat Geschichte, Philosophie und Anglistik in Heidelberg und Großbritannien studiert. Seit 2002 arbeitet die promovierte Historikerin beim Stadtarchiv Stuttgart (Schwerpunkt Digitale Langzeitarchivierung und Digitalisierung), seit 2021 als Direktorin.

NSDAP-Kartei Das US-Nationalarchiv hat auf seiner Seite die digitalisierten Karteikarten der NSDAP durchsuchbar gemacht. Die Suche ist kostenfrei, führt aber teils zu umfangreichen Dokumenten, in denen man weiter suchen muss. Die deutsche Zeitung „Zeit“ hat den Datensatz einfacher durchsuchbar gemacht. Allerdings ist das Angebot bezahlpflichtig.

Weiter recherchieren
Sowohl das Bundes- als auch das Landesarchiv Baden-Württemberg bieten auf ihren Homepages Informationen, welche Quellen man wo findet, welche davon online zugänglich sind. Die Bundeszentrale für Politische Bildung hat eine Seite eingerichtet, auf der erklärt wird, wo und wie man Familiengeschichte recherchiert – und zeigt Beispiele erfolgreicher Suchen.  

Stuttgart
Im Stuttgarter Stadtarchiv befinden sich die Personalakten der Stadtverwaltung. Hat der Vorfahr dort gearbeitet, könnte man darin fündig werden. Teilweise überlassen Stuttgarter Familien dem Archiv Feldpostbriefe und Tagebücher. Generell sind aber das Bundes- und Landesarchiv bessere Anlaufstellen, was die Nazi-Vergangenheit der eigenen Familie betrifft.

Aufruf
Unsere Redaktion sucht Leserinnen und Leser, die sich bereits auf die Suche in der NSDAP-Mitgliederkartei gemacht haben und fündig wurden. Oder die anderweitig die Geschichte ihrer Eltern oder Großeltern im Dritten Reich recherchiert haben. Schreiben Sie uns an: familie@stzn.de

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