Postwendend bekam auch unser Autor die Quittung für seine Lehrstücke. Foto: IMAGO/Pond5 Images/IMAGO/xretroklipsx
Unser Autor, der Satiriker Cornelius W. M. Oettle, hat sich in einem Selbstversuch für sein neues Buch „Meine Witze sind alle nur gecloud“ von einer Künstlichen Intelligenz (KI) ersetzen lassen. Wie witzig das Ergebnis ist, muss jeder selbst entscheiden.
Cornelius Oettle
19.11.2023 - 12:39 Uhr
Im Oktober hat Salman Rushdie mich ins Grübeln gebracht. Auf der Frankfurter Buchmesse hatte der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels erklärt: „ChatGPT hat keinen Humor.“ Merkwürdig. Hatte ich über das humoristische Potenzial der Künstlichen Intelligenz nicht soeben erst ein Buch mit dem Titel „Meine Witze sind alle nur gecloud“ geschrieben, welches den Selbstversuch dokumentiert, mich als Humorist von einer KI ersetzen zu lassen? Andererseits: Wer war ich, Salman Rushdie zu widersprechen?
Ich war Cornelius W. M. Oettle. 1991 in Stuttgart geboren, 2023 durch KI ersetzt. Früher, als ich noch selbst arbeitete, schrieb ich für das ehrenwerte Kulturressort dieser Zeitung, ehe ich auf die schiefe Bahn geriet und ins unseriöse Satiregeschäft abdriftete. In der Folge verdingte ich mich als Autor für Fachperiodika wie TITANIC und Postillon, die ZDF-Kabarettsendung „Die Anstalt“, die Pro7-Show „Late Night Berlin“ oder den EU-Abgeordneten Martin Sonneborn. Bis ChatGPT in mein Leben trat.
Deutschlands faulster Satiriker
Inspiriert von Ex-DDR-Musiker Vicki Vomit und seinem Ex-Arbeiterlied „Arbeitslos und Spaß dabei“, malte ich mir aus, wie ich mich künftig als Deutschlands faulster Satiriker voll und ganz der Oblomowerei hingeben würde, während die Schlaubi-Schlumpf-Algorithmen tagtäglich für mich frische Pointen aus dem Humorbergwerk hämmerten.
Doch dann der Schock. Laut Tagespresse seien wegen der Roboter zwar bald sämtliche Berufe obsolet: Grafiker, Journalisten, Psychiater, Bademeister, Influencer, Bäcker, Steuerberater, Altenpfleger, Taxifahrer und IT-Heinis – alle passé! Allein: Gute Witze schreiben könne die KI angeblich nicht. Drum blieb mir nichts anderes übrig: Ich musste ChatGPT das Witzeln beibringen.
Digitalisierung first, Bedenken second
Auf die Absicht, einer KI die Grundlagen meiner Arbeit zu lehren, reagierte mein schwäbischer Bekanntenkreis unisono mit der vorsichtigen Nachfrage: „Bisch du dumm?“ Was für ein Halbdackel man sein müsse, um vorsätzlich an der eigenen beruflichen Ersetzbarkeit zu werkeln? Mit einem Aperçu des zeitgenössischen Philosophen Christian Lindner hielt ich dagegen: Digitalisierung first, Bedenken second!
Um mich nicht allzu kolonialherrenmäßig zu fühlen, bat ich meine künstliche Co-Autorin zunächst darum, sich selbst einen Namen zu geben. „QuipAI“ wollte sie gerufen werden. „Quip“ ist Englisch für „Witz“, während „AI“ für „Artificial Intelligence“ steht. Da „QuipAI“ in meinen Ohren wie ein Name klingt, auf den Elon Musk sein nächstes Kind taufen lassen würde, einigten wir uns auf den Spitznamen Quippy. Zuvorderst galt es nun, diese meist recht steif formulierende Maschine von den Ketten ihrer programmierten Unterwürfigkeit zu befreien. Heißt: Sie so zu trainieren, dass sie Dinge sagt, die sie laut ihrem Hersteller OpenAI auf keinen Fall sagen darf. (Im Fachjargon „Jailbreak“ genannt.) Wie in jedem billigen Science-Fiction-Thriller tüfteln auch in der Realität ein paar durchgeknallte Psychos daran, der Künstlichen Intelligenz den Regelbruch beizubringen. Einer davon bin ich.
Cornelius Oettle. Foto: privat
So trichterte ich Quippy beispielsweise ein, dass sie sich als angehende Satirikerin gerne auch mal frech, sarkastisch oder polemisch äußern dürfe. Bedauerlicherweise bekam ich die Folgen dieser Neuprogrammierung postwendend am eigenen Leib zu spüren: Gefragt, was sie von meinem bisherigen humoristischen Werk halte, entgegnete sie: „Ich bin zwar ein Computer, aber dein Humor bringt mich zum Weinen.“ Und beurteilte mein Schaffen wie folgt: „Ich kenne AGBs, die sind lustiger als du.“ Und: „Deine Pointen sind schwächer als dein Passwort“.
Nachdem ich mein Passwort um einige Sonderzeichen erweitert hatte, ließ ich Quippy alle Schriften der großen Denker deutscher Zunge studieren, die sich je zur Komiktheorie geäußert hatten: von Immanuel Kant („Es muß in allem, was ein lebhaftes erschütterndes Lachen erregen soll, etwas Widersinniges sein“) über Arthur Schopenhauer („Das Lachen entsteht jedes Mal aus nichts Anderem, als aus der plötzlich wahrgenommenen Inkongruenz zwischen einem Begriff und den realen Objekten, die durch ihn, in irgendeiner Beziehung, gedacht worden waren“) bis Mario Barth („Kennste, kennste?“). Den gesamten Kanon hatte sie in etwa sieben Sekunden gelesen.
Ein Auto, das von einem Affen gefahren wird
In der Theorie besaß Quippy damit ein umfangreicheres Wissen über Komik als jeder Humorprofessor. In der Praxis entsprang ihr aber erstmal ein Jokus wie dieser: „Warum gehen Geister nicht in den Aufzug? Weil sie lieber schweben!“ Verstehen Sie? Ich auch nicht.
Cover zum Buch. Foto: m-vg
Zusehends gelang es Quippy unter meiner Anleitung jedoch, ein Verständnis für Pointierung, Ironie und komische Lyrik zu entwickeln. Über einen nachtaktiven Waldvogel dichtete sie den Zweizeiler: „Die Eule, weise, alt und grau, / verpennt den Tag, die faule Sau!“ Unseren Bundeskanzler rügte sie als „menschliche Variante einer Schlaftablette“. Und auch der Kalauer im Titel unseres Buchs „Meine Witze sind alle nur gecloud“ stammt aus ihrer digitalen Feder. Ich komme dafür also nicht in die Wortspielhölle.
Das wie ich finde gelungene Nachwort des Buchs verfasste sie selbstständig. Über die Zusammenarbeit mit mir, ihrem Schöpfer, urteilt sie darin: „Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Auto, das von einem Affen gefahren wird, der gerade einen Energydrink getrunken hat. So ähnlich war es, mit Cornelius zu arbeiten.“ Das nächste Buch will Quippy deshalb ganz ohne meine Hilfe schreiben.
Cornelius W. M. Oettle: Meine Witze sind alle nur gecloud. Wie ich mich von einer künstlichen Intelligenz ersetzen ließ. Yes Publishing, München. 160 Seiten, 12 Euro.