Kimsy von Reischach Früher MTV-Moderatorin, heute Schlossherrin

Von Anja Wasserbäch 

Kimsy von Reischach war in den neunziger Jahren Moderatorin bei dem Musiksender MTV. Heute lebt sie wieder in dem Familienschloss bei Vaihingen an der Enz. Ein Hausbesuch.

Von London über New York in das schwäbische 900-Seelen-Dorf Riet: Kimsy von Reischach ist zu ihren Wurzeln zurückgekehrt – und will dort auch bleiben.Von London über New York in das schwäbische 900-Seelen-Dorf Riet: Kimsy von Reischach ist zu ihren Wurzeln zurückgekehrt – und will dort auch bleiben. Foto: Reiner Pfisterer 6 Bilder
Von London über New York in das schwäbische 900-Seelen-Dorf Riet: Kimsy von Reischach ist zu ihren Wurzeln zurückgekehrt – und will dort auch bleiben. Von London über New York in das schwäbische 900-Seelen-Dorf Riet: Kimsy von Reischach ist zu ihren Wurzeln zurückgekehrt – und will dort auch bleiben. Foto: Reiner Pfisterer

Vaihingen/Enz - Es war 1997 in der Sendung von Harald Schmidt. Der Schwabe kündigt eine Schwäbin an: „Kalifornien, Stuttgart, London.“ Kimsy stapft selbstbewusst Richtung Tisch. Sie trägt ein enges Synthetik-Oberteil mit Blumenmuster, kurze Haare, kurzer Rock. 22 Jahre alt, strahlend, schlank, sie sagt ihren kompletten Namen: Kimberly Karen Daisy Louise Gräfin von Reischach. Applaus. Lächeln.

Zwanzig Jahre später. Die kurzen Haare hat sie immer noch, sie sind eines ihrer Markenzeichen. Wie auch dieses Lächeln. Kimsy von Reischach steht auf dem Kiesweg vor dem Schloss für den Fotografen. Das Tor ist geöffnet. Jeder Autofahrer geht vom Gas, um zu gucken, was hier los ist in Riet. Das Schloss steht mitten im Ort und ist nicht zu über­sehen. Kimsy von Reischach auch nicht. Sie ist eine Strahle­frau. Das war sie schon im Fernsehen bei MTV, und das ist sie noch heute bei ihren Veranstaltungsmoderationen.

Kimsy von Reischach wohnt mit ihrem Mann Marcus Lambkin und zwei Töchtern in Riet, einem Teilort von Vaihingen an der Enz mit rund 900 Einwohnern, 25 Kilometer von Stuttgart entfernt. Und eben im Schloss. In Riet gibt es einen Zigarettenautomaten, der Bankautomat soll abgeschafft werden. „Meine irischen Freunde wundern sich, wie man in einem Ort ohne Pub leben kann“, sagt Marcus Lambkin, der in Dublin aufgewachsen ist.

Das Paar lernte sich 1999 in New York kennen, 2004 kam es nach Riet. „Das war natürlich schon eine Umstellung, von New York ins schwäbische Hinterland zu ziehen“, sagt Kimsy von Reischach. Ein Jahr wollten sie und ihr Mann testen, wie sich das Leben in Riet anfühlt. Mittlerweile sind es 13 Jahre geworden.

Die Grundmauern des Schlosses gehen auf 1150 zurück

Wer die Geschichte von Kimsy von Reischach erzählen will, könnte viel mehr als nur ihre Geschichte erzählen. Zum Beispiel die Geschichte der Eltern: Dietrich Eck Hans Alfred Graf von Reischach, geboren 1937 in Berlin, und Christa Marianne Gräfin von Reischach. Oder die Geschichte von Kimsy und ihrem Mann, der als Musiker eng mit den Künstlern von LCD Soundsystem verbandelt ist. Und natürlich die Geschichte des Schlosses, dessen Grundmauern auf 1150 zurückgehen.

„The lawn needs to be mown“, sagt Marcus vor dem Schloss – der Rasen muss gemäht werden. Im Schloss sprechen nicht nur er und seine Frau Kimsy Englisch, sondern auch der Graf und die Gräfin, die 1968 von Kalifornien nach Riet kamen und ein marodes Gebäude übernahmen. Auch wenn heute alles liebevoll renoviert ist, gibt es hier immer etwas zu tun: Bald müssen etwa die Fensterläden und die Zugbrücke frisch gestrichen werden.

Mehr als tausend Quadratmeter umfasst das ehemalige Wasserschloss. Aufgeteilt ist das repräsentative Gebäude in sieben Einheiten: eine Wohnung für Kimsy und Marcus mit Kindern, eine für ihre Schwester Kristen Charlotta mit Mann und zwei Söhnen sowie eine für die Eltern. Zwei weitere Wohnungen sind vermietet. Die Unternehmensberatung Interconsult des Grafen hat im Schloss ihren Sitz, jeden Tag ist der rüstige 80-Jährige noch in der Firma, Montag bis Freitag täglich acht Stunden. In einem Nebenraum betreibt seine Tochter Kristen ein Yogastudio.

Die Töchter sind seit Kurzem Eigentümerinnen des Schlosses

Die Weichen für die Zukunft sind nicht nur in der Firma gestellt: Beide Töchter sind seit Kurzem die Eigentümerinnen des Schlosses. Und merken, was es bedeutet, ein altes Gemäuer zu unterhalten, dafür zu sorgen, dass es nirgendwo hineinregnet.

„Ein Schloss zu haben ist nicht nur das Gelbe vom Ei“, sagt Dietrich Graf von Reischach. Er zeigt auf das Gemälde von Karl Friedrich von Reischach, der 1810 vom Freiherrn zum Grafen befördert wurde. Graf Dietrichs Onkel Ulrich war kinderlos, er war der letzte Reischach’sche Nachfolger. Also kam Graf Dietrich nach Riet. Seine Frau hadert bis heute damit, dass sie vor fast 50 Jahren Kalifornien gegen das Schwabenland getauscht haben. „A Nightmare“, sagt sie. „Es war grauenvoll. Ich habe ein ganzes Jahr geplärrt.“ 56 schlecht isolierte Zimmer. Stahlträger mussten eingezogen werden, um die Decken zu stabilisieren. „Wir haben es erst mal so gemacht, dass man irgendwie leben kann“, sagt Dietrich Graf von Reischach. In den ersten Jahren waren die Handwerker öfter im Haus als ihr Mann, der als Personalchef ständig unterwegs war, bevor er sich 1978 selbstständig machte.

Kimsy von Reischach wuchs im Schloss auf – „und wollte auch gerne mal umziehen als Kind“. Sie machte das Abitur in Vaihingen, ging viel in Stuttgart aus, hat Clubs wie das On-U, das Unbekannte Tier noch mitbekommen, war Türsteherin im Red Dog zusammen mit Carlos Coelho, heute Chef des Stuttgarter Keller Klubs.

Auf einer Party in Hamburg wurde sie entdeckt

Dann wurde sie entdeckt. Kimsy von Reischach hatte gerade angefangen, Kommunikationswissenschaften, Englisch und Neuere Geschichte zu studieren, als sie auf einer Party in Hamburg angesprochen wurde: Sie solle doch mal ein Video zu MTV schicken. Ein paar Castingrunden später hatte sie einen Job beim Fernsehen und zog mit 21 Jahren nach London. Alle europäischen MTV-Moderatoren saßen damals in der britischen Hauptstadt, von wo aus in den ganzen Kontinent gesendet wurde. Es war ein Guckloch in die schöne bunte Popwelt: egal, ob man in Benningen oder Budapest in den Röhrenfernseher starrte. Es gab Ray Cokes, Steve Blame, Marijne van der Vlugt, Steven Gätjen, Davina McCall – und eben Kimsy von Reischach. Sie alle sprachen Englisch. Kimsy konnte das gut, weil zu Hause immer Englisch gesprochen wurde. Sie schwärmt von damals: „Nina Hagen schenkte mir ein buntes Haarspray, Jean-Paul Gaultier gratulierte mir bei den MTV Awards zum Geburtstag.“

Kimsy war zuvor schon Teil einer legendären Werbekampagne für MTV. Der berühmte Berliner Fotograf Daniel Josefsohn lichtete sie nach einer umtriebigen Clubnacht ab. Kimsy war ungeschminkt, sie hatte ihre eigenen Klamotten an, über ihren Brüsten stand „Konsumgeile Göre“. Sie trug blonde Haare, Schmollmund, bauchfrei. Es waren rohe Plakate, mit Begriffen wie „Miststück“, „Schnösel“, „Traumtänzer“, „Flittchen“ „Chaot“, „Egoist“ oder „Nervensäge“ erregten sie Aufsehen. Teens und Twens rissen sie von den Litfaßsäulen, um sie daheim ins Zimmer oder in die Wohngemeinschaft zu hängen.

Nach drei Jahren bei MTV verlängerte Kimsy von Reischach ihren Vertrag nicht. Sie wollte sich verändern, neue Erfahrungen sammeln und ging nach New York auf die Schauspielschule. „Dort hat MTV niemanden interessiert“, sagt sie. Dann: viele, viele Vorsprechen für Film, Theater, wieder Film. Sie jobbte, um Geld zu verdienen.

Fernsehen war gestern, Internet ist heute

Dabei lernte sie Marcus Lambkin kennen. Er, Ire und gelernter Schreiner, war schon seit 1992 in New York als DJ unterwegs, hatte eine Bar, die vom „Face“-Magazin „die coolste der Stadt“ bezeichnet wurde. Mit ihm an ihrer Seite zieht es Kimsy zurück in ihre schwäbische Heimat.

„Ich hatte zwölf Jahre in New York verbracht, da war es an der Zeit zu gehen, aber der Kulturschock war natürlich groß“, sagt Marcus Lambkin. Immerhin schaffte er es, in der Ruhe von Riet sein erstes Album unter dem Namen Shitrobot fertigzustellen: „Hier hatte ich eben keine Ablenkung.“ Bis heute ist er als Discjockey in ganz Europa unterwegs, meist an den Wochenenden.

Auch Kimsy von Reischach steht immer noch regelmäßig vor der Kamera und auf Bühnen. Ihre thematische Bandbreite ist erstaunlich: Mal moderiert sie eine Podiumsdiskussion mit Sigmar Gabriel, mal berichtet sie für den Online-Auftritt einer Drogeriemarktkette aus einem Windelentwicklungslabor.

Apropos Windeln: 2008 kam ihre erste Tochter zur Welt, 2013 ihre zweite. Sechs Wochen nach der Geburt stand sie wieder auf der Bühne, in den Pausen stillte sie. Sie gehört zu der Sorte Mensch, die immer etwas zu tun haben, der Google-Kalender ihr wichtigstes Accessoire.

Fernsehen war gestern, Internet ist heute. Die Ex-TV-Frau Kimsy von Reischach sieht diese Entwicklung positiv. „Es bieten sich viel mehr Möglichkeiten, jeder kann das anschauen, worauf er Lust hat“, sagt sie. Moderationen auf Facebook seien beispielsweise viel unmittelbarer als die aufgezeichneten Sendungen, für die sie früher bei MTV vor der Kamera stand.

Veränderungen stehen auch im Schloss an, das bislang selten Fremde von innen sehen. Das Yogastudio soll bald nebenher für standesamtliche Trauungen genutzt werden. Filmproduktionsfirmen fragen an, ob sie das Schloss als Kulisse nutzen dürfen. Die junge Generation der von Reischachs ist bereit, es nach außen zu öffnen. „Das ist notwendig, um den Erhalt zu garantieren“, sagt Gräfin Kimsy. „Es ist das Lebenswerk meines Vaters, er hat uns das Haus in einem guten Zustand übergeben. Und so wollen wir es eines Tages an unsere Kinder weitergeben.“ Kimsy von Reischachs Zukunft liegt in der Vergangenheit.