Kinder im Kreis Esslingen „Sehr erschüttert“: Eltern sprechen sich gegen frühe Handynutzung aus

Die Ansprechpersonen für „Smarter Start ab 14“, von links nach rechts: Nicole Kunz, Rebecca Streitmayer, Carina Nill, und Vasiliki Klenk. Foto: aia

Erst Kindheit – dann Smartphone. Das fordert die Initiative „Smarter Start ab 14“, die auch im Kreis Esslingen immer größer wird.

Den meisten Familien wird das bestens bekannt sein: tägliche Diskussionen, wie lange und wofür die Kinder ihr Smartphone nutzen dürfen. „Manche Eltern schließen mit ihren Kindern Verträge und Vereinbarungen oder probieren andere Ratgeber-Tipps aus“, sagt Nicole Kunz, eine Mutter aus Leinfelden-Echterdingen. Aber das auszudiskutieren und zu kontrollieren sei letztlich „eine tagesfüllende Aufgabe“, das könnten nahezu alle Eltern bestätigen. Nicole Kunz hat dagegen in ihrer Familie gute Erfahrungen mit dem Handy ab 16 Jahren gemacht. „Da fokussieren sich die Interessen der Kinder nicht auf das Smartphone, sondern werden in andere Richtungen gelenkt“, sagt sie. Anders als von verschiedenster Seite prophezeit, seien ihre Kinder deshalb nicht ins soziale Abseits geraten.

 

Dieser Weg ist aber derzeit die große Ausnahme. „Es wurde irgendwie zur neuen Norm, das Smartphone mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule, also mit 10 Jahren, einzuführen“, sagt Vasiliki Klenk aus Altbach. „Viele Umfragen zeigen jedoch, dass viele Eltern gern mit dem Smartphone länger warten würden – aber ihre Angst, dass ihr Kind zum Außenseiter wird, wiegt oft schwerer.“

Sie hat sich deshalb wie Nicole Kunz der Initiative „Smarter Start ab 14“ angeschlossen: In ihr tun sich Eltern zusammen, die ihren Kindern ermöglichen wollen, die Kindheit und die ersten Teenie-Jahre ohne omnipräsentes Internet und ohne Social Media zu verbringen. Auch Carina Nill aus Deizisau und Rebecca Streitmayer aus Leinfelden-Echterdingen engagieren sich und sind lokale Ansprechpersonen.

Worum geht es bei „Smarter Start ab 14“?

Bei „Smarter Start ab 14“ gehe es nicht darum, Angst zu machen oder das Handy zu verteufeln, sagt Carina Nill: „Aber wir wollen über Tatsachen informieren. “ Denn von den realen Risiken, die das Internet für die Kinder birgt, hätten die meisten Eltern noch wenig gehört. Weshalb die Initiative auch Vorträge organisiert, zum Beispiel mit dem früheren Lehrer und Digitaltrainer Daniel Wolff. Nicht nur er, sondern auch Experten bei der Polizei sprechen von Pornografie, pädophilen Inhalten und Gewaltvideos, die sogar in den „Klassenchats“ fünfter Klassen schon die Runde machen. Die Eltern seien nach diesen Vorträgen immer „sehr erschüttert“, sagt Rebecca Streitmayer.

Die Kinder sind solchen Inhalten oft allein und ungeschützt ausgesetzt, viele sprechen nicht mit ihren Eltern darüber – aus Scham, aus Angst vor Bestrafung oder weil sie denken, etwas falsch gemacht zu haben. Beim Mobbing ist es ähnlich. „Das war ja früher schon schlimm“, sagt Vasiliki Klenk, aber früher sei es in der Schule geschehen, während zu Hause ein geschützter Raum war. Diesen Schutzraum gebe es heute nicht mehr: „Was im Internet passiert, ist immer da.“

Ab welchem Alter braucht ein Kind ein Handy? Foto: Imago

Auch die Gehirnforschung hat gewichtige Argumente gegen zu frühe Smartphone-Nutzung. Das Gehirn ist in der Pubertät „eine Baustelle“, es entwickelt neue Strukturen. Kinder sollten in dieser Zeit sich selbst und ihre Fähigkeiten entdecken und sich mit Gleichaltrigen auseinandersetzen. Das Altersziel der Initiative „ab 14“ beruht auf den entsprechenden Studienergebnissen. Es ist aber nicht als feste Vorgabe gedacht, letztlich entscheide jede Familie selbst, sagen die Frauen.

Ihnen ist wichtig, dass den Eltern die Risiken bewusst sind und dass niemand einen „Alleingang“ machen muss, wie ihn Nicole Kunz durchgezogen hat. „Unser Hauptziel ist die Vernetzung der Eltern“, erklärt Carina Nill. Darüber hinaus pflegt die Initiative auch den Kontakt mit Schulen. So stellt Vasiliki Klenk in der Altbacher Grundschule am Elternabend in allen Klassen die Initiative vor, in anderen Schulen präsentiert diese sich beim Tag der offenen Tür oder beim Schulfest.

„Was im Internet passiert, ist immer da.“

Vasiliki Klenk, Ansprechperson für „Smarter Start ab 14“

Umgang mit der Handy-Nutzung

Das Argument, dass man Kinder lieber begleiten und ihre Medienkompetenz schulen sollte, kennen die vier Mamas natürlich. Sie stimmen ihm durchaus zu, sagen aber auch: das lässt sich am besten am Familien-Tablet oder -Smartphone machen. Auf diesem Weg könne man wirklich begleiten und bekomme mit, was im Chat die Runde macht. Allein auf Kindersicherungsprogramme und -sperren zu setzen, sehen sie dagegen skeptisch. „Die Kinder sind immer einen Schritt voraus“, sagt Nicole Kunz.

Sie und ihre Mitstreiterinnen freuen sich, dass seit einigen Monaten das Thema verstärkt in den Fokus rückt, nicht zuletzt aufgrund von medienwirksamen Nachrichten wie dem Social-Media-Verbot bis 16 in Australien. Zudem sind nach einer Änderung des Schulgesetzes in Baden-Württemberg die Schulen gehalten, Regeln für den Umgang mit Smartphones im Schulalltag aufzustellen. Auch das halten die Frauen für absolut sinnvoll, denn wenn eine Schule sich positioniere, habe das großen Einfluss auf Kinder und Eltern.

Was hilft Kindern und Eltern?

Neue Studien
Die erste Generation, die mit dem Smartphone aufgewachsen ist, ist jetzt Anfang 20 und Gegenstand verschiedener Studien. Die Ergebnisse zeigen klar: Je jünger die Kinder beim Smartphone Einstieg waren, desto gravierender die langfristigen psychischen Folgen. Dementsprechend verbieten immer mehr Länder die Smartphone-Nutzung in Schulen, zuletzt Dänemark, Österreich, die Niederlande und Finnland. In Frankreich und Italien ist das schon länger der Fall. Viel Aufmerksamkeit hat auch das Social-Media-Verbot bis 16 in Australien erhalten.

Kontakt
Ansprechbar ist die Initiative „Smarter Start ab 14“ über deren Website https://www.smarterstartab14.de. Dort sind auf einer Karte die lokalen Gruppen verzeichnet, in denen man sich vernetzen kann. Für Interessierte aus dem Kreis Esslingen gibt es zudem die direkte Mailadresse smarter.start.esslingen@gmail.com.

Veranstaltungen
Anlässlich des „Safer Internet Day“ am 10. Februar initiiert „Smarter Start ab 14“ in verschiedenen Stadtbüchereien Büchertische, an denen auch die Flyer der Initiative ausliegen. Am Donnerstag, 12. Februar findet ein Online-Vortrag der Initiative statt: „Nicht mehr Wegschauen: Frühem Pornografiekonsum, Sexting und sexueller Gewalt vorbeugen“, siehe www.smarterstartab14.de/vortragsabende.

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