Die jungen Ballettschülerinnen dürfen mit einem ukrainischen Charaktertanz ihren Bewegungsdrang ausleben. Foto: Markus Brändli
Kinderballett fördert nicht nur die Motorik, sondern auch die Konzentration, sagt Christine Schindler. Die passionierte Tänzerin betreibt seit zehn Jahren eine Ballettschule.
Melanie Braun
28.06.2025 - 10:00 Uhr
Ein knappes Dutzend junger Tänzerinnen hüpft behände in Zweierreihen durch den kleinen Ballettsaal im Keller von Christine Schindlers Haus. Die zehn- bis zwölfjährigen Mädchen tragen Balletttrikots, weiße Strumpfhosen und knielange schwarze Röcke. Mit dem ukrainischen Charaktertanz, bei dem die Mädchen mit flotten Sprüngen ihre Runden durch den Saal drehen, will Christine Schindler zunächst den Bewegungsdrang der Kinder stillen, bevor es an die Ballettübungen geht.
Denn die Übungen erfordern viel Konzentration. „Mir fällt auf, dass viele Kinder sich nicht mehr konzentrieren können“, sagt die Ballettlehrerin. Gerade bei den jüngeren Schülerinnen gebe es viel Fluktuation, weil manche Kinder glaubten, sie könnten toben im Tanzunterricht oder nur die Übungen mitmachen, zu denen sie Lust haben. „Das ist schwierig, denn beim Ballett geht es schon auch um Disziplin“, sagt Schindler. Und wer länger dabei bleibe, lerne auch, sich besser zu konzentrieren.
Esslingerin lebt für den Tanz
Ballett ist die Leidenschaft von Christine Schindler. Eigentlich wollte sie professionelle Balletttänzerin werden und Tanzpädagogik studieren. Doch dann kam alles anders. Wegen einer plötzlichen Erkrankung in jungen Jahren konnte die heute 53-Jährige ihre Ausbildung nicht antreten. Nach verschiedenen Stationen im medizinischen Bereich machte Schindler ihre Passion aber letztlich doch noch zur Profession – und leitet heute ihre eigene Ballettschule auf dem Esslinger Zollberg.
Esslinger Ballettschüler spielen auf Bühne in Stuttgart
Schindler unterrichtet vor allem Kinder – nicht nur für das heimische Wohnzimmer, sondern durchaus auch für die große Bühne. Immer wieder haben ihre Schülerinnen Gastrollen bei Aufführungen des Stuttgarter Balletts, etwa beim „Schwanensee“ oder demnächst beim „Nussknacker“. Zudem ist ihre Schule beim Regierungspräsidium Stuttgart als berufsvorbereitende Schule für künstlerischen Bühnentanz anerkannt. Schindler kann Schülerinnen also auf eine staatliche Ausbildung vorbereiten.
Restlos überzeugt ist die Mutter, deren drei Töchter alle eine klassische Grundausbildung im Ballett absolviert haben, von professionellen Tanzkarrieren allerdings nicht. „Oft werden die Kinder verheizt, weil nicht so gesund trainiert wird“, sagt Schindler. Zudem seien Schlankheit und Körperbau ein großes Thema: „Im professionellen Bereich ist vermutlich jede zweite magersüchtig“, schätzt Schindler. Wer zu groß sei, zu klein oder auch nur ein zu breites Becken habe, habe eigentlich kaum eine Chance – erst recht nicht in Konkurrenz zu asiatischen Tänzerinnen, deren Körper oft viel flexibler und dehnbarer seien als die der Europäerinnen.
Konzentration beim Ballett kann mentale Fähigkeiten stärken
Im Hobbybereich hingegen sei Ballett ein toller Sport, der sehr positive Auswirkungen haben könne. Entscheidend sei die Liebe fürs Ballett und die Motivation zum Training – wer das mitbringe, könne hobbymäßig tanzen, auch ohne den idealen Ballettkörper. „Ballett kann ein sehr gesunder Sport sein, wenn man nicht an die Grenzen geht“, sagt Schindler. Zumal auch mentale Fähigkeiten gestärkt würden, etwa durch die große Konzentration, die Nerven und Verknüpfungen im Gehirn stimuliere. Das zeige Wirkung: „Viele meiner Schülerinnen können sich sehr gut konzentrieren und lernen besser“, berichtet Schindler.
Das Training an der Stange gehört bei älteren Kindern im Ballettunterricht dazu. Foto: Markus Brändli
Kinder ab fünf Jahren können an Schindlers Ballettschule unterrichtet werden. „Am Anfang sind es nur motorische Übungen und Spielchen, erst im Alter von acht oder neun Jahren wird es richtiger Ballett-Unterricht“, sagt Schindler. Wer motiviert sei, bleibe dran: Einige Schülerinnen trainierten seit zehn Jahren bei ihr. Schindler leitet zwölf verschiedene Ballettgruppen in der Woche, außerdem gibt sie Pilatesstunden. Willkommen seien sowohl Mädchen als auch Jungen, bislang seien ihre rund 50 Schüler aber ausschließlich weiblich, erzählt Schindler – mit Ausnahme eines einzigen Mannes, der am Pilatesunterricht teilnehme.
Im Ballettsaal trainieren die Mädchen inzwischen an der Stange. Sie halten sich mit einer Hand fest, gehen mit gekreuzten Beinen auf die Zehenspitzen, beugen sich elegant nach vorne und dann ebenso graziös nach hinten. Oder sie gehen mit geradem Rücken in die Knie, strecken die Beine wieder und führen einen Arm anmutig über den Kopf und zurück. Christine Schindler gibt die Übungen vor und korrigiert kleine Unsauberkeiten: „Den Kopf gerade halten“, sagt sie etwa. Oder: „Spitze, Flex, Schließen.“
Esslinger Ballettlehrerin setzt auf Gesundheit bei ihrem Sport
Manchmal sei sie mit sich im Konflikt, räumt Christine Schindler ein. „Ich möchte gern meinen Anspruch halten“, sagt sie. Aber wenn sie merke, dass ein Kind vom Körperbau her schlechte Voraussetzungen etwa für einen Spagat habe, wolle sie es auch nicht hineinquälen. Mit ihrem medizinischen Hintergrund sehe sie sehr schnell, wer für was geeignet sei. Es sei ein großer Vorteil, dass sie aus der Medizin komme, denn dadurch könne sie ihre Leidenschaft auf gesunde Weise vermitteln – und so einen der schönsten Berufe ausüben, den sie sich vorstellen könne.
Ballettlehrerin mit Leidenschaft
Ausbildung Christine Schindler wollte nach dem Abitur eigentlich an der Hochschule für Musik und Tanz in Mannheim das Studium zur Tanzpädagogik beginnen. Dafür war eine Aufnahmeprüfung mit praktischen Elementen notwendig. Doch noch während der Abiturprüfungen erkrankte Schindler am Pfeifferschen Drüsenfieber und in der Folge an einer Herzmuskelentzündung. Sie durfte monatelang keinen Sport treiben, vom Studium wurde ihr aus ärztlicher Sicht abgeraten. Stattdessen studierte sie Labormedizin und war jahrelang an der Medizinisch-Technischen Akademie in Esslingen tätig.
Ballettschule Das Ballett ließ Schindler dennoch nicht los. Sie richtete sich einen Ballettsaal im Keller ihres Hauses ein, ließ sich zur Ballettpädagogin ausbilden und bot zunächst im privaten Umfeld Ballettunterricht an. Als immer mehr Anfragen kamen, machte sie ihre Passion doch noch zum Beruf. Seither widmet sie sich hauptberuflich ihrer Ballettschule „Ballett am Zollberg“, die nun seit zehn Jahren besteht. Mehr Informationen gibt online unter: www.ballett-am-zollberg.de